{"id":4096,"date":"2023-12-11T17:58:36","date_gmt":"2023-12-11T16:58:36","guid":{"rendered":"https:\/\/www.lagota.ch\/?p=4096"},"modified":"2023-12-11T17:58:36","modified_gmt":"2023-12-11T16:58:36","slug":"regierung-gegen-erinnerung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.lagota.ch\/?p=4096","title":{"rendered":"Regierung gegen Erinnerung"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Argentinien: Ultrarechter Javier Milei als Pr\u00e4sident vereidigt. Opfer der Milit\u00e4rdiktatur bef\u00fcrchten Revisionismus und Repression<\/strong><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><a href=\"https:\/\/www.lagota.ch\/wp-content\/uploads\/188755.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"950\" height=\"453\" src=\"https:\/\/www.lagota.ch\/wp-content\/uploads\/188755.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4097\" srcset=\"https:\/\/www.lagota.ch\/wp-content\/uploads\/188755.jpg 950w, https:\/\/www.lagota.ch\/wp-content\/uploads\/188755-300x143.jpg 300w, https:\/\/www.lagota.ch\/wp-content\/uploads\/188755-768x366.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 950px) 100vw, 950px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p>Die lebensgro\u00dfe Holzfigur steht einsam in der braunen Brandung des R\u00edo de la Plata. Wolken ziehen an diesem verregneten Tag schnell und tief vor\u00fcber, obwohl sich der Sommer in Buenos Aires Ende November schon mit sonnig-hei\u00dfem Wetter angek\u00fcndigt hat. \u00bbSie erinnert an die Menschen, die sie aus Flugzeugen lebendig ins Wasser geworfen haben\u00ab, erkl\u00e4rt Adriana Kitroser und schaudert, als eine startende Maschine den \u00bbParque de la Memoria\u00ab, Park der Erinnerung, vom nahegelegenen Stadtflughafen Jorge Newbery dr\u00f6hnend in Richtung Uruguay \u00fcberquert. \u00bbTrasladados\u00ab, Umgezogene, nannten die Milit\u00e4rs w\u00e4hrend ihrer Regierungszeit 1976 bis 1983 jene, die sie aus ihren Geheimgef\u00e4ngnissen und Folterkn\u00e4sten auf grausame Weise verschwinden lie\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun habe ein rechter Fl\u00fcgel die Wahl gewonnen. \u00bbDie <a href=\"https:\/\/www.jungewelt.de\/artikel\/463958.argentinien-nach-der-wahl-frauen-in-der-ersten-reihe.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Vizepr\u00e4sidentin Victoria Villarruel<\/a> ist Teil der zivil-milit\u00e4rischen Diktatur der 70er Jahre!\u00ab \u00e4rgert sich Kitroser. Am Sonntag hat der <a href=\"https:\/\/www.jungewelt.de\/artikel\/463599.pr%C3%A4sidentschaftswahl-in-argentinien-milei-wird-milit%C3%A4r-gegen-soziale-konflikte-einsetzen.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Ultrarechte Javier Milei seine Pr\u00e4sidentschaft<\/a> angetreten. Kitrosers Blick schweift \u00fcber lange Mauern, die den Grundriss des Parks blitzf\u00f6rmig durchziehen. Namen von Verschwundenen sind hier aufgelistet: Vergangene Woche seien 137 weitere Namen erg\u00e4nzt worden, erkl\u00e4rt sie. Nach dem Milit\u00e4rputsch h\u00e4tten viele, die in den Untergrund geflohen waren, das Haus ihrer Familie aufgesucht, erinnert sich die Theaterproduzentin. \u00bbManche kamen f\u00fcr einige Tage, andere nur f\u00fcr ein Bad oder eine Mahlzeit.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Verwandte habe ein 20 Tage altes Neugeborenes zu ihrer Familie gebracht, nachdem ihr Partner mehr als 10 Stunden verschollen geblieben war, erkl\u00e4rt Kitroser. \u00bbSie f\u00fcrchtete, er k\u00f6nne sie verraten.\u00ab Der S\u00e4ugling blieb eine Weile bei der Familie: Die Gro\u00dfeltern, Anh\u00e4nger der Diktatur, wollten das Kind zuerst nicht aufnehmen, sch\u00e4mten sie sich f\u00fcr die politische Aktivit\u00e4t der Tochter. Die junge Frau kam im April 1979 frei und ging ins Exil, \u00bbgeschickt von ihren Entf\u00fchrern\u00ab. Kitrosers Familie floh nach Madrid, als sie zw\u00f6lf Jahre als war. Ihr \u00e4lterer Bruder geh\u00f6rte den militant-linksperonistischen \u00bbMontoneros\u00ab an.<\/p>\n\n\n\n<p>Carlos Garc\u00eda spricht unaufgeregt, w\u00e4hrend er auf die freigelegten Grundmauern des \u00bbMansi\u00f3n Ser\u00e9\u00ab deutet: \u00bbWir waren im ersten Stock gefangen, \u00fcber dieser Ecke. Und \u00fcber dieser war der Raum, in dem sie gefoltert haben.\u00ab In den geheimen Folterknast in Mor\u00f3n, in der Provinz Buenos Aires, kam er nach seiner Verhaftung im Oktober 1977. Die Milit\u00e4rs folterten ihn direkt nach seiner Ankunft mit \u00bbPicana\u00ab genannten Elektroschockern, fragten nach Namen von Genossen aus der Peronistischen Jugend und der Vereinigung der Sekundarsch\u00fcler (Uni\u00f3n de Estudiantes Secundarias, UES), wo er organisiert war. Rund ein halbes Jahr war er in der \u00bbMansi\u00f3n\u00ab gefangen, bis er am 24. M\u00e4rz 1978 \u2013 dem zweiten Jahrestag des Milit\u00e4rputsches \u2013 mit drei weiteren Gefangenen fliehen konnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein eckiger Glaspavillon sch\u00fctzt die Reste des von der Junta zerst\u00f6rten Geb\u00e4udes vor Witterung. An den Innenw\u00e4nden Bilder von Verschwundenen: \u00bbDie unteren wurden hierhin verschleppt, die oberen sind alle, die man hier in der Region z\u00e4hlen konnte\u00ab, erkl\u00e4rt Garc\u00eda. Er deutet auf Portr\u00e4ts zweier junger M\u00e4nner. \u00bbAlejandro Marcos Astiz und Jorge Rosario Infantino waren hier mit mir gefangen.\u00ab Alejandro, wie er in der UES organisiert, sei 18 Jahre alt; Jorge, ein \u00bbMontenero\u00ab, Anfang 20 gewesen. \u00bbSie brachten beide irgendwann weg \u2013 sie wurden nie wieder gesehen.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Knapp zwei Kilometer Luftlinie vom \u00bbParque de la Memoria\u00ab entfernt liegt Ex-ESMA, benannt nach dem K\u00fcrzel der einst dort beheimateten Marineschule. Hier lag einer der landesweit knapp 800 geheimen Folterkn\u00e4ste, heute \u00bbRaum der Erinnerung und Menschenrechte\u00ab. Noch im September wurde das Gel\u00e4nde in die Liste des UNESCO-Welterbes aufgenommen. Im neuer\u00f6ffneten Museum der \u00bbM\u00fctter der Plaza de Mayo\u00ab ist eine Schulklasse zu Besuch, Jugendliche laufen durch die Ausstellungsr\u00e4ume und bestaunen gro\u00dfe Schwarzwei\u00dffotos an den W\u00e4nden. \u00bbSchaut euch die Frauen an.\u00ab Die Museumsf\u00fchrerin zeigt auf ein Bild an der Wand, auf dem die \u00bbMadres\u00ab \u2013 alle um die 40, in der Mode der Zeit und mit einem wei\u00dfen Stofftaschentuch als Kopftuch bekleidet \u2013 f\u00fcr ihre verschwundenen Kinder demonstrieren. \u00bbMein Opa sagt, es gab gar nicht so viele Verschwundene\u00ab, meldet sich ein M\u00e4dchen, \u00bbes waren viel weniger, sagt er\u00ab.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Siebtkl\u00e4ssler tragen den in Schulen \u00fcblichen wei\u00dfen Kittel, einige wirken kindlich, andere schwer pubertierend. Sie kenne die Zweifel an der Zahl der Verschwundenen, antwortet die Museumsf\u00fchrerin. Auch Milei spr\u00e4che von \u00bbnur\u00ab 8.500 Verschwundenen. Doch mit einer Vielzahl von Quellen k\u00f6nne die Anzahl von 30.000 belegt werden. \u00bbEs handelt sich um eine offene Zahl, denn es ist sehr wahrscheinlich, dass wir gar nicht von allen Verschwundenen wissen.\u00ab Die einzigen, die um die tats\u00e4chliche Anzahl der Opfer w\u00fcssten, seien die ehemaligen Angeh\u00f6rigen der Junta, erg\u00e4nzt ihr Kollege. \u00bbDoch sie haben einen Pakt des Schweigens und der Dunkelheit \u00fcber diesen Teil unserer Geschichte gelegt.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Estela Gareis\u2019 Blick ist auf ein buntes Mosaik am \u00bbCasa de la Memoria\u00ab in Mor\u00f3n geheftet. Ihr Vater Carlos geh\u00f6rte zu einer Gruppe von 24 Ford-Gewerkschaftsdelegiertern, die am 12. April 1976 direkt aus dem Fabrikgeb\u00e4ude entf\u00fchrt wurden. In der Familie habe er nicht \u00fcber die Gefangennahme gesprochen, sagt Estela Gareis mit fester Stimme. Die Milit\u00e4rs verschleppten ihn von seiner Arbeitsstelle im Stanzwerk, er blieb bis M\u00e4rz 1977 verschwunden. Als unter der Regierung von Expr\u00e4sident N\u00e9stor Kirchner die Amnestiegesetze der 80er Jahre abgeschafft wurden, verurteilte ein Gericht zwei Exdirektoren des US-Autobauers und einen General rund 42 Jahre nach den Verhaftungen im Ford-Werk f\u00fcr \u00bbVerbrechen gegen die Menschheit\u00ab.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Donnerstag, <a href=\"https:\/\/www.jungewelt.de\/artikel\/463959.tag-gegen-gewalt-an-frauen-eine-bedrohung-f%C3%BCr-die-arbeiterklasse.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">nach dem Wahlsieg von \u00bbLa Libertad Avanza\u00ab<\/a>, tragen die \u00bbMadres\u00ab mit einigen hundert Unterst\u00fctzern auf der Plaza de Mayo ein Transparent mit dem historischen Slogan aus dem Spanischen Krieg gegen die Faschisten: \u00bbNo pasar\u00e1n!\u00ab \u2013 sie werden nicht durchkommen. Nachdem die Madres, weit \u00fcber 80 Jahre alt, einige im Rollstuhl, den Platz einige Male umrundet haben, erkl\u00e4rt ein Redner, nun werde \u00bbjede Versammlung, jeder Protest und jede Demonstration der Erinnerung zu einem Akt des <a href=\"https:\/\/www.jungewelt.de\/artikel\/463598.stichwahl-in-argentinien-mit-der-kettens%C3%A4ge-zum-sieg.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Widerstands gegen die neue Regierung<\/a>\u00ab.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr Carlos Garc\u00eda und Estela Gareis ist der \u00bb<a href=\"https:\/\/www.jungewelt.de\/artikel\/464823.argentinien-nach-der-wahl-doch-keine-politik-der-kettens%C3%A4ge.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Irre mit der Kettens\u00e4ge<\/a>\u00ab weniger bedrohlich als jene, die hinter ihm stehen, etwa Expr\u00e4sident Mauricio Macri und Vizepr\u00e4sidentin Victoria Villarruel. Die Beziehungen in Milit\u00e4r- und Justizapparat wecken tiefe Bef\u00fcrchtungen. \u00bbDie Kinder und Enkel der Milit\u00e4rs sind nun wieder an der Regierung.\u00ab<br><br>Quelle: <a href=\"https:\/\/www.jungewelt.de\/artikel\/464945.argentinien-nach-der-wahl-regierung-gegen-erinnerung.html\">https:\/\/www.jungewelt.de\/artikel\/464945.argentinien-nach-der-wahl-regierung-gegen-erinnerung.html<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Argentinien: Ultrarechter Javier Milei als Pr\u00e4sident vereidigt. Opfer der Milit\u00e4rdiktatur bef\u00fcrchten Revisionismus und Repression Die lebensgro\u00dfe Holzfigur steht einsam in der braunen Brandung des R\u00edo de la Plata. 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