{"id":4104,"date":"2024-01-22T21:14:07","date_gmt":"2024-01-22T20:14:07","guid":{"rendered":"https:\/\/www.lagota.ch\/?p=4104"},"modified":"2024-01-22T21:14:07","modified_gmt":"2024-01-22T20:14:07","slug":"schonhubers-witterung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.lagota.ch\/?p=4104","title":{"rendered":"Sch\u00f6nhubers Witterung"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Warum in Ostdeutschland die AfD dominiert.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Bisweilen tut auch Faschistenmund Wahrheit kund, wenn auch auf seine eigene widerliche Art und Weise. So sagte Franz Sch\u00f6nhuber 1991 begeistert von Zulauf und Anklang, den die <a href=\"https:\/\/jungle.world\/artikel\/2014\/01\/vom-parlament-ins-nichts\">Partei Die Republikaner<\/a>, der er vorsa\u00df, in der ehemaligen DDR fand: Diese sei \u00bbdas bessere Deutschland gewesen, ausl\u00e4nderfrei und mit ordentlichem Stechschritt\u00ab.<br>Bisweilen tut auch Faschistenmund Wahrheit kund, wenn auch auf seine eigene widerliche Art und Weise. So sagte Franz Sch\u00f6nhuber 1991 begeistert von Zulauf und Anklang, den die <a href=\"https:\/\/jungle.world\/artikel\/2014\/01\/vom-parlament-ins-nichts\">Partei Die Republikaner<\/a>, der er vorsa\u00df, in der ehemaligen DDR fand: Diese sei \u00bbdas bessere Deutschland gewesen, ausl\u00e4nderfrei und mit ordentlichem Stechschritt\u00ab.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Ehemalige Absolventen der Leningrader Milit\u00e4rakademie gaben zum Besten, dass die Republikaner in ihren Augen den Kampf der SED gegen den \u00bbKolonisatoren aus dem Westen\u00ab und den \u00bbLiberalismus amerikanischer Pr\u00e4gung\u00ab fortf\u00fchrten.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Was Sch\u00f6nhuber erfreut witterte, befremdete wiederum Linksliberale. So bemerkte der <em>Spiegel<\/em> im selben Jahr, dass es vor allem Offiziere der ehemaligen Nationalen Volksarmee (NVA), aber auch Funktion\u00e4re der SED waren, die die neuen Ortsverb\u00e4nde der Republikaner, aber auch die der Deutschen Volksunion (DVU) in den \u00f6stlichen Bundesl\u00e4ndern pr\u00e4gten. Da gaben etwa ehemalige Absolventen der Leningrader Milit\u00e4rakademie zum Besten, dass die Republikaner in ihren Augen den Kampf der SED gegen den \u00bbKolonisatoren aus dem Westen\u00ab und den \u00bbLiberalismus amerikanischer Pr\u00e4gung\u00ab fortf\u00fchrten und dass sie wenigstens die Leistungen der DDR in Sachen \u00bbpreu\u00dfische Tugenden wie Ordnung, Disziplin und P\u00fcnktlichkeit\u00ab zu sch\u00e4tzen w\u00fcssten.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Republikaner, deren Parteiprogramm sich nicht wesentlich von dem der AfD heute unterschied, profitierten davon, dass hier nun wirklich einmal zusammenwuchs, was offenbar zusammengeh\u00f6rte. In Reaktion auf die gesellschaftlichen Liberalisierungstendenzen in der Bundesrepublik hatte sich bei dortigen Deutschnationalen schon in den Jahrzehnten vor 1989 der Blick auf die DDR gewandelt. Der Staat wurde in diesem Milieu durchaus wertsch\u00e4tzend als \u00bbrotes Preu\u00dfen\u00ab bezeichnet; politische Ablehnung mischte sich mit kultureller Attraktion.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Rhetoriker des Faschismus also kamen nach 1989 durchaus aus dem Westen, das von keinerlei Schamgef\u00fchl gekennzeichnete volkst\u00fcmliche Willkommen allerdings bereitete der Osten. Dass es ein solches Schamgef\u00fchl, ein Mindestwissen \u00fcber den Holocaust und die verh\u00e4ngnisvollen Kontinuit\u00e4ten deutscher Geschichte und Ideologie nicht gab, verweist wiederum zur\u00fcck auf gesellschaftliche Leitbilder und Alltagspraxis in der sich als antifaschistisch verstehenden DDR.<\/p>\n\n\n\n<p>Denn das Erbe der in erster Linie antiwestlichen deutschen Ideologie, deren Antiamerikanismus Marx in seiner gleichnamigen Schrift mehr als ein Jahrhundert zuvor bereits aufgespie\u00dft hatte, kultivierte die DDR bruchlos: den Hass auf Plutokraten und Zionisten, der nichts mit Klassenanalyse zu tun hat, die Neigung zur Autokratie&nbsp;\u2013 in Form der Einheitspartei des Volkes&nbsp;\u2013 als Gegenentwurf zur b\u00fcrgerlichen Gewaltenteilung, die Russophilie als Komplement zum Antiamerikanismus, die tief in die Geschichte der Gegenaufkl\u00e4rung zur\u00fcckreicht und beispielsweise im Dostojewskij-Fan Goebbels in der NSDAP ihren F\u00fcrsprecher hatte. Denn wie man heute sieht, spielt es f\u00fcr diesen Hang keine Rolle, ob \u00fcber dem Kreml die rote Fahne oder die mit dem zaristischen Doppeladler weht.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Dass die Republikaner, die DVU, die NPD und nun die AfD in der ehemaligen DDR so fruchtbaren Boden fanden und finden, deutet darauf hin, dass etwas Entscheidendes fehlte in der sowjetischen Besatzungszone: <em>re-education<\/em>.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Der Kalte Krieg verlieh all diesen allzu deutschen Kontinuit\u00e4ten lediglich eine Scheinrationalit\u00e4t, die antiwestliche Haltung mutierte zur Vorbedingung sozialistischen Fortschritts&nbsp;\u2013 aber nur solange die DDR bestand, danach war diese Umdeutung nicht mehr n\u00f6tig. Dass also die Republikaner, die DVU, die NPD und nun die AfD in der ehemaligen DDR so fruchtbaren Boden fanden und finden, deutet darauf hin, dass etwas Entscheidendes fehlte in der sowjetischen Besatzungszone: <em>re-education<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Von Nazis f\u00e4lschlich als Umerziehung verunglimpft, bedeutete <em>re-education<\/em>, eine demokratische Denk- und Lebensweise (wieder) einzu\u00fcben und zu akzeptieren, nicht mehr als Kollektivsubjekt angesprochen zu werden, sondern als m\u00fcndiger Staatsb\u00fcrger. Etwas, das die West-Alliierten in der Bundesrepublik m\u00fchsam, aber auf die Dauer nicht ganz erfolglos vorantrieben.<\/p>\n\n\n\n<p>In unguter Kontinuit\u00e4t hatte auch die SED wie die NSDAP zuvor das v\u00f6lkische Kollektiv umh\u00e4tschelt, exterritorialisierte den Nationalsozialismus gem\u00e4\u00df der Dimitroff-Doktrin auf die \u00bbaggressivsten Teile des Finanzkapitals\u00ab und wies dem Volk, etwa in den Ritualen, mit denen der Bombardierung Dresdens gedacht wurde, die Rolle als Opfer des Faschismus zu. Auch in der Alltagspraxis regierten Mobilisierung und Kollektiv \u00fcber 1945 hinaus&nbsp;\u2013 und dann kam die sogenannte Wende: Der Beitritt zur Bundesrepublik verwies die zuvor stramm Organisierten aufs Private zur\u00fcck, ohne dass es \u00f6konomisch&nbsp;\u2013 wie im \u00bbWirtschaftswunder\u00ab&nbsp;\u2013 gratifiziert worden w\u00e4re.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Die in den ostdeutschen Bundesl\u00e4ndern vorhandene signifikant st\u00e4rkere Neigung zur AfD l\u00e4sst sich mit Verweis auf \u00f6konomische Benachteiligung nicht wegdiskutieren. Eine solche Argumentation gleicht letztlich der, dass die Arbeitslosigkeit einst zu Hitler gef\u00fchrt habe; aber Arbeitslosigkeit war ein weltweites Ph\u00e4nomen, Hitler eben ein rein deutsches.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Das scheint auch die Urkr\u00e4nkung zu sein, auf die die Propagandisten einer Ost-Identit\u00e4t mit mittlerweile riesigem Erfolg spekulieren. Denn nur so ist zu erkl\u00e4ren, dass man sich in Dresden mehr zur\u00fcckgesetzt f\u00fchlt als im Ruhrgebiet, obwohl Letzteres im Vergleich zu Erstgenanntem schon fast slumartige Z\u00fcge tr\u00e4gt, die tats\u00e4chlichen Lebensbedingungen im \u00e4u\u00dfersten Westen also schlechter sind als im \u00e4u\u00dfersten Osten. Auch eine Stadt wie das pf\u00e4lzische Pirmasens w\u00e4hlt im <a href=\"https:\/\/jungle.world\/artikel\/2023\/51\/afd-ostdeutschland-nazis-rechtsextremismus-ein-duesterer-blick-die-zukunft\">Gegensatz zum s\u00e4chsischen Pirna bisher eben keinen AfD-Oberb\u00fcrgermeister<\/a>, obwohl der \u00f6konomische Absturz der einst prosperierenden Stadt den Pirnas weit in den Schatten stellt.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcberhaupt f\u00fchrt es in die Irre, West- und Ostdeutschland \u00f6konomisch jeweils in toto zu vergleichen. Deindustrialisierung gab es h\u00fcben wie dr\u00fcben. Die sozialen Folgen \u00e4hneln sich, was aber eben deutlich weniger f\u00fcr die mentalen Muster gilt, mit denen der jeweilige Absturz verarbeitet wird. Die in den ostdeutschen Bundesl\u00e4ndern vorhandene signifikant st\u00e4rkere Neigung zur AfD l\u00e4sst sich mit Verweis auf \u00f6konomische Benachteiligung nicht wegdiskutieren. Eine solche Argumentation gleicht letztlich der, dass die Arbeitslosigkeit einst zu Hitler gef\u00fchrt habe; aber Arbeitslosigkeit war ein weltweites Ph\u00e4nomen, Hitler eben ein rein deutsches.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch wenn dieser Vergleich heftig wirken mag: Die AfD steigt nicht unbedingt dort zur gesellschaftlich alles dominierenden Partei auf, wo die Lebensverh\u00e4ltnisse am schlechtesten sind, sondern da, wo es keine <em>re-education<\/em> gab.<br><br>Quelle: <a href=\"https:\/\/jungle.world\/artikel\/2024\/03\/afd-zustimmung-ostdeutschland-erklaerung-schoenhubers-witterung\">https:\/\/jungle.world\/artikel\/2024\/03\/afd-zustimmung-ostdeutschland-erklaerung-schoenhubers-witterung<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Warum in Ostdeutschland die AfD dominiert. Bisweilen tut auch Faschistenmund Wahrheit kund, wenn auch auf seine eigene widerliche Art und Weise. 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