{"id":4110,"date":"2024-01-31T14:44:15","date_gmt":"2024-01-31T13:44:15","guid":{"rendered":"https:\/\/www.lagota.ch\/?p=4110"},"modified":"2024-01-31T14:44:15","modified_gmt":"2024-01-31T13:44:15","slug":"narco-kapitalismus-militarisierung-und-extraktivismus-uber-die-lage-in-ecuador-und-indigene-selbstorganisation","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.lagota.ch\/?p=4110","title":{"rendered":"Narco-Kapitalismus, Militarisierung und Extraktivismus. \u00dcber die Lage in Ecuador und indigene Selbstorganisation."},"content":{"rendered":"\n<p>Quelle: <a href=\"https:\/\/www.ajourmag.ch\/ecuador-narco-kapitalismus\/\">https:\/\/www.ajourmag.ch\/ecuador-narco-kapitalismus\/<\/a><br><br><strong>In Ecuador eskaliert der Drogenkrieg. Milit\u00e4r und Kartelle liefern sich blutige Auseinandersetzungen. Dagegen setzen indigene Gemeinschaften auf Selbstorganisation und kollektiven Widerstand.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>In der ersten Januarwoche 2024 entkam Jos\u00e9 Adolfo Mac\u00edas Villamar, alias \u00abFito\u00bb, der Kopf des m\u00e4chtigsten ecuadorianischen Kartells \u00abLos Choneros\u00bb, dem Gef\u00e4ngnis. Zudem kam es in mehreren von Narcos kontrollierten Haftanstalten zu Ausschreitungen. Das war der Tropfen, der das Fass zum \u00dcberlaufen brachte: Pr\u00e4sident Daniel Noboa rief den Ausnahmezustand aus. Wie ist es dazu gekommen?<\/p>\n\n\n\n<p>In den letzten Jahren ist Ecuador zu einem wichtigen Knotenpunkt f\u00fcr den Kokainhandel geworden. Der kleine Andenstaat, der zwischen den zwei gr\u00f6ssten Kokainproduzenten Kolumbien und Peru liegt, stand dadurch j\u00fcngst vermehrt in den internationalen Schlagzeilen. Im August 2023 wurde der Pr\u00e4sidentschaftskandidat und Gegner der Drogenkartelle, Fernando Villavicencio, in der ecuadorianischen Hauptstadt Quito am helllichten Tag und vor laufenden Kameras erschossen. Seit August 2022 wurden acht Politiker ermordet. Ecuador wies im 2023 die h\u00f6chste j\u00e4hrliche Mordrate S\u00fcdamerikas auf: <a href=\"https:\/\/www.tagesschau.de\/ausland\/amerika\/ecuador-geiselnahme-100.html\">46,5 auf 100.000 Einwohner:innen<\/a>, in einigen Vierteln der Hafenstadt Guayaquil betrug sie sogar <a href=\"https:\/\/amerika21.de\/2024\/01\/267573\/ecuador-gewalttaetigstes-land-2023\">110 Tote auf 100.000 Einwohner:innen<\/a>. Insgesamt wurden im Jahr 2023 in Ecuador fast achttausend Menschen ermordet.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.ajourmag.ch\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/Narcos_Tv_Station-1-600x337.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-7493\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Bewaffnete Narcos st\u00fcrmten am 9. Januar 2024 vor laufenden Kameras ein Fernsehstudio in Guayaquil und nahmen Geiseln. Bild: <a href=\"https:\/\/www.perfil.com\/noticias\/internacional\/delincuentes-armados-y-encapuchados-ingresaron-con-armas-a-un-canal-de-television-en-ecuador.phtml\">perfil.com<\/a><\/em><a href=\"https:\/\/www.perfil.com\/noticias\/internacional\/delincuentes-armados-y-encapuchados-ingresaron-con-armas-a-un-canal-de-television-en-ecuador.phtml\"><\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Zum Jahresbeginn nun mit dem Ausbruch von Adolfo Mac\u00edas eine weitere Eskalation. Seither gilt ein sechzigt\u00e4giger Ausnahmezustand, der mit einer n\u00e4chtlichen Ausgangssperre einhergeht. Pr\u00e4sident Daniel Noboa, Sohn des reichsten Mannes Ecuadors und erst seit kurzem im Amt, mobilisierte \u00fcber dreitausend Sicherheitskr\u00e4fte. Die Massnahmen erschweren das Drogengesch\u00e4ft erheblich, weshalb die \u00abChoneros\u00bb auf Eskalation und Destabilisierung setzen. Seit der Ank\u00fcndigung des Ausnahmezustands st\u00fcrmten bewaffnete Kartellmitglieder eine Fernsehstation, ein Club wurde in Brand gesetzt, es kam zu Pl\u00fcnderungen, zu Schiessereien vor Schulen und zu Geiselnahmen von 180 Justizvollzugsbeamt:innen, die aber mittlerweile alle wieder frei sind. In vielen Gef\u00e4ngnissen kam es zu Revolten, weil die Kartelle in diesen grossen Einfluss haben. Die Narcos treffen oftmals Abkommen mit den W\u00e4rter:innen: Im Gegenzug zu gewissen Freiheiten und gelockerten Kontrollen f\u00fcr die Gefangenen sorgen die Kartelle f\u00fcr Ruhe innerhalb der Gef\u00e4ngnismauern.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die Verlagerung des Kokain-Business nach Ecuador<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Bis jetzt haben die \u00abChoneros\u00bb ihr Ziel erreicht: Die Unsicherheit im Land ist riesig. Doch was f\u00fchrte dazu, dass sich die Drogenkartelle vermehrt nach Ecuador verlagerten und weshalb ist Ecuador so wichtig f\u00fcr den Kokainschmuggel? Das ecuadorianische Justizwesen ist schwach, die Korruption greift in allen staatlichen Strukturen weit um sich. Seit Jahren wurden die Ausgaben f\u00fcr Polizei und Milit\u00e4r gek\u00fcrzt. Der damalige linke Pr\u00e4sident, Rafael Correa, hat beispielsweise im Jahr 2009 eine Milit\u00e4rbasis in der K\u00fcstenregion Manta geschlossen, wo zuvor viele Flugzeuge der Drogenbek\u00e4mpfung starteten. Hinzu kommt, dass Correa die Zusammenarbeit mit der die US-Antidrogenbeh\u00f6rde DEA beendete, was die staatliche Kontrolle in den kolumbianischen Grenzgebieten schw\u00e4chte. Auch seine Nachfolger Lenin Moreno und Guillermo Lasso d\u00fcrften die Gefahr untersch\u00e4tzt haben, die 2016 ihren Anfang nahm. In diesem Jahr schloss die FARC-Guerilla (Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia) ein Friedensabkommen mit der kolumbianischen Regierung. Das kolumbianische Drogenmonopol der FARC brach dadurch zusammen und es entstanden verschiedene neue Drogenbanden, die nach neuen Routen und Allianzen suchten \u2013 insbesondere mit mexikanischen Drogenkartellen, aber auch mit mafi\u00f6sen Strukturen aus Bosnien-Herzegowina, Kroatien, Montenegro und Serbien, die ebenfalls in Lateinamerika aktiv sind. Einige dieser neuen Narco-Strukturen und auch ehemalige FARC-Mitglieder, die mit dem Friedensabkommen nicht einverstanden waren, verlagerten ihre T\u00e4tigkeiten nach Ecuador, weil dort die staatliche \u00dcberwachung und Kontrolle geringer war. Ecuador bot den Kartellen also eine gute Ausgangslage. Dies bedeutet jedoch keineswegs, dass ein st\u00e4rkerer, repressiverer Staat ein Garant f\u00fcr die Eind\u00e4mmung der Macht von Drogenkartellen w\u00e4re. Eine schwache Justiz verhilft den Drogenkartellen zwar zu gewissen Vorteilen, aber ohne institutionellen R\u00fcckhalt im Staat h\u00e4tten die Narcos nie die Macht und Gr\u00f6sse erreicht, die sie vielerorts haben: Richter:innen, Politiker:innen, Polizist:innen und Milit\u00e4rs sind das R\u00fcckgrat der Profitmaschinerie der Kartelle.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.ajourmag.ch\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/Villavicencio_Mord-600x400.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-7494\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Am 9. August 2023 wurde der Pr\u00e4sidentschaftskandidat Fernando Villavicencio von Narcos ermordet. Bild: <a href=\"https:\/\/elpais.com\/internacional\/2023-08-10\/el-asesinato-del-candidato-ecuatoriano-fernando-villavicencio-en-imagenes.html\">elpais.com<\/a><\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Strategische H\u00e4fen und Narco-Allianzen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Da der gr\u00f6sste Teil des in der Region produzierten Kokains dort verschifft wird, sind die H\u00e4fen der ecuadorianischen Pazifikk\u00fcste in den Provinzen Guayas und Manab\u00ed f\u00fcr die Drogenkartelle von zentraler Bedeutung. <a href=\"https:\/\/www.infobae.com\/america\/mexico\/2022\/11\/18\/que-desato-la-violencia-en-ecuador-vinculada-al-cjng\/\">Sch\u00e4tzungen zufolge gelangen etwa 75 Prozent der \u00fcber 1200 Tonnen Kokain, die j\u00e4hrlich in Kolumbien produziert werden, \u00fcber ecuadorianische und kolumbianische H\u00e4fen nach Europa, Asien und Nordamerika<\/a>. Die mexikanischen Kartelle \u00abCartel de Sinaloa\u00bb und \u00abCartel Jalisco Nueva Generaci\u00f3n\u00bb haben hierbei einen grossen Einfluss und kooperieren mit lokalen Drogenbanden, die sich gegenseitig bek\u00e4mpfen und quasi Subunternehmen der mexikanischen Kartelle sind. Der \u00abCartel de Sinaloa (CS)\u00bb hat seit \u00fcber zwanzig Jahren Allianzen mit ecuadorianischen Narcos geschmiedet, insbesondere mit den \u00abChoneros\u00bb. Letztere konnten \u00fcber Jahre ungest\u00f6rt f\u00fcr den CS arbeiten und hatten praktisch keine Konkurrenz. Im Nachgang des <a href=\"https:\/\/revistas.flacsoandes.edu.ec\/urvio\/article\/view\/4410\/3468\">FARC-Friedensabkommens<\/a> wurden die neuen Drogenbanden auch in ecuadorianischem Gebiet aktiv und es verbreiteten sich auch Coca-Plantagen \u2013 insbesondere in den Provinzen Esmeraldas, Carchi und Sucumb\u00edos. Im Zuge dessen wurde auch das mexikanische Kartell \u00abCartel Jalisco Nueva Generaci\u00f3n (CJNG)\u00bb aktiv und verb\u00fcndete sich mit den Gruppen \u00abLos Lobos\u00bb, \u00abLos Lagartos\u00bb und \u00abLos Tiguerones\u00bb, die stellvertretend f\u00fcr den CJNG in Ecuador ihr Drogengesch\u00e4ft leiten. Die Folge der vermehrten Pr\u00e4senz des CJNG war ein Krieg zwischen Drogenbanden. <a href=\"https:\/\/www.swissinfo.ch\/spa\/onu-homicidios-ecuador-final_la-violencia-por-la-droga-deja-en-ecuador-la-mayor-tasa-de-homicidios-de-am%C3%A9rica-del-sur\/49042826\">Seit 2016 stieg die Anzahl der Morde um 470 Prozent<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Militarisierung der Gesellschaft<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Regierung Noboa versucht die angespannte Lage in Ecuador durch Militarisierung in den Griff zu bekommen. Doch <a href=\"https:\/\/www.bpb.de\/shop\/zeitschriften\/apuz\/33088\/calderons-gescheiterter-feldzug-gegen-die-drogenkartelle\/\">ein Blick nach Mexiko<\/a> zeigt, dass die Drogenkartelle auf diese Weise kaum zu stoppen sein werden, vielmehr droht eine Gewaltspirale, weil auch die Kartelle aufr\u00fcsten und um Einflussgebiete ringen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die weitreichende Verankerung der Drogenkartelle erw\u00e4chst aus der der sozialen Ungleichheit und der Armut eines immensen Teils der Bev\u00f6lkerung in der Region. In Lateinamerika arbeiten viele Menschen im informellen Sektor und es gibt kaum Auffangstrukturen f\u00fcr so viel soziales Elend \u2013 Drogenkartelle fungieren hier als willkommene Arbeitgeber. Sie sind hierarchische, bewaffnete und transnationale Unternehmen mit klarer Arbeitsteilung und Befehlsketten. Auf einer der untersten Stufen dieser Befehlsketten befindet sich vor allem das junge Surplus-Proletariat, das angesichts mangelnder Alternativen leichte Beute f\u00fcr die Kartelle ist. Die r\u00fccksichtslose und gewaltt\u00e4tige Akkumulationsmaschinerie der Drogenkartelle ist als Kontinuit\u00e4t der kapitalistischen Logik und nicht als Bruch mit dieser zu verstehen. Ihre Aktivit\u00e4ten sind mit \u00ablegalen\u00bb und \u00abillegalen\u00bb&nbsp; Formen der Kapitalakkumulation verbunden, die mit verschiedenen staatlichen und \u00f6konomischen Akteuren verschr\u00e4nkt sind.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.ajourmag.ch\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/Fito-Verhaftung-600x337.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-7495\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Jos\u00e9 Adolfo Mac\u00edas Villamar a.k.a. \u00abFito\u00bb. Am 7. Januar 2024 brach er aus dem Gef\u00e4ngnis aus. Bild: <a href=\"https:\/\/www.eltiempo.com\/mundo\/latinoamerica\/ecuador-fito-el-criminal-que-se-fugo-de-la-carcel-y-provoco-el-caos-en-ese-pais-843149\">eltiempo.com<\/a><\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Die Profite der Drogenkartelle sind so gross, dass sie nicht kleinm\u00fctig nachgeben werden. Unter einem bewaffneten Konflikt zwischen Staat und Drogenkartellen leidet vor allem die Bev\u00f6lkerung. Als w\u00e4re die Gewalt der Kartelle nicht schon genug, f\u00fchren die staatliche Aufr\u00fcstung und der Ausnahmezustand zu weitgehenden Kompetenzen f\u00fcr Milit\u00e4r und Polizei, die willk\u00fcrlich und ohne Konsequenzen zu bef\u00fcrchten gegen die Bev\u00f6lkerung vorgehen. Polizeiliche und milit\u00e4rische Menschenrechtsverletzungen und rassifizierte Gewalt richten sich dabei insbesondere gegen Menschen aus \u00e4rmeren Gegenden. Die Drangsalierung von Strassenh\u00e4ndler:innen, Handlangern und Armutsbetroffenen wird das Problem der Drogenkartelle aber nicht l\u00f6sen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Verschiedene Gesch\u00e4ftszweige der Kartelle<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Drogenkartelle beschr\u00e4nken sich nicht aufs Drogengesch\u00e4ft, sondern diversifizieren ihre Einkommensquellen, um Schwankungen der Profitrate vorzubeugen. Auch wenn die Nachfrage nach Kokain st\u00e4ndig zunimmt, k\u00f6nnen Gesetzes\u00e4nderungen oder ein h\u00e4rteres staatliches Vorgehen gegen den Drogenhandel kurz- oder mittelfristig das Gesch\u00e4ft verschlechtern. Die \u00f6konomischen Bet\u00e4tigungsfelder der Drogenkartelle beinhalten darum beispielsweise auch <a href=\"http:\/\/Vgl. https:\/\/bienescomunes.fcs.ucr.ac.cr\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/Conflictos-territoriales-419-455.pdf\">Immobilien-Spekulation oder andere Formen der Geldw\u00e4sche, Menschenhandel, Holzeinschlag oder der illegale Abbau von Rohstoffen<\/a>, allen voran Gold. Insbesondere im Extraktivismus mischen die Drogenkartelle mit und ermorden vor allem in Mexiko und Kolumbien systematisch Umweltaktivist:innen. Die Diversifizierung der Gesch\u00e4ftszweige seitens der Drogenkartelle bedeutet auch, dass beispielsweise eine Legalisierung von Drogen \u2013 die zwar im Hinblick auf die Eind\u00e4mmung der Macht der Kartelle einen wichtigen Einfluss h\u00e4tte \u2013 dazu f\u00fchren k\u00f6nnte, dass andere Gesch\u00e4ftspraktiken verst\u00e4rkt in den Vordergrund geraten. Eine Legalisierung allein w\u00fcrde also die Macht der Kartelle kaum brechen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Indigene Selbstorganisation gegen Staat und Kartelle<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Wo sich Drogenkartelle breit machen, hat die soziale Selbstzerfleischung Hochkonjunktur. Die Narcos dringen nicht nur gewaltt\u00e4tig in das Alltagsleben der Menschen ein und zerst\u00f6ren den Zusammenhalt der sozialen Gef\u00fcge, sondern <a href=\"https:\/\/bienescomunes.fcs.ucr.ac.cr\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/Conflictos-territoriales-419-455.pdf\">sie betreiben mit ihrem Extraktivismus auch eine Form der urspr\u00fcnglichen Akkumulation<\/a>. Ihnen die Kontrolle \u00fcber Leben und Ressourcen zu entreissen, ist ein antikapitalistischer und antistaatlicher Kampf zugleich. Dieser Widerstand ist der Gewalt der Kartelle zwar nicht immer gewachsen \u2013 dennoch ist es fatal, auf Justiz, Polizei und Milit\u00e4r zu hoffen. Der Staat ist Komplize und Gegner der Kartelle zugleich und seine Methoden der Drogenbek\u00e4mpfung f\u00fchren zu einer Normalisierung des Militarismus. Gesetzesanpassungen im Namen der Drogenbek\u00e4mpfung tendieren immer dazu, die Repression gegen soziale Bewegungen zu verst\u00e4rken. In Ecuador wurde beispielsweise auch in den Jahren 2019 und 2021 ein Ausnahmezustand ausgerufen, dazumal gegen die <a href=\"https:\/\/www.ajourmag.ch\/ecuador-2\/\">massiven soziale Proteste<\/a>. An wen kann man sich also wenden, wenn Staat, Kapital und Kartelle den Menschen das Leben zur H\u00f6lle machen? Effektiver Selbstschutz entsteht vor allem durch selbstorganisierte, k\u00e4mpferische und solidarische Communitys. Hierbei lohnt sich beispielsweise ein Blick auf Formen der indigenen Selbstorganisation. F\u00fcr viele indigene Communitys, nicht nur innerhalb Kolumbiens, sondern auch in vielen anderen L\u00e4ndern Lateinamerikas, ist beispielsweise das jahrhundertealte Konzept der \u00abMinka\u00bb von grosser Bedeutung. Der Begriff der \u00abMinka\u00bb stammt aus dem Quechua, eine der meistgesprochenen indigenen Sprachen Lateinamerikas, und bezeichnet eine Form der kollektiven Zusammenarbeit zum Wohlergehen der Community. Alle Mitglieder beteiligen sich freiwillig daran, indigene Communitys sehen in dieser kollektiven Form der Solidarit\u00e4t eine Praxis, die ein gutes Zusammenleben erm\u00f6glicht und in der das Zugeh\u00f6rigkeitsgef\u00fchl zur Community und zum Territorium gest\u00e4rkt wird. <a href=\"https:\/\/wissenschaft-und-frieden.de\/artikel\/die-minga-aus-den-anden\/\">Eine \u00abMinka\u00bb st\u00e4rkt in diesem Sinne die Gemeinschaftsbeziehungen und f\u00f6rdert die Selbstorganisation<\/a>. Sie kann aus verschiedenen Gr\u00fcnden ausgerufen werden, beispielsweise um Infrastruktur aufzubauen oder zu reparieren, Konflikte zu l\u00f6sen, Mobilisierungen und Proteste zu organisieren oder eben, um sich gegen Drogenkartelle zu wehren.&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.ajourmag.ch\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/guardia-indigena-cauca-600x407.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-7496\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Indigener Selbstschutz im Cauca (Kolumbien). Bild: <a href=\"https:\/\/www.kolko.net\/menschenrechte\/indigenen-selbstschutz-im-cauca-guardia-indigena-des-cric-video\/\">kolko.ne<\/a><\/em><a href=\"https:\/\/www.kolko.net\/menschenrechte\/indigenen-selbstschutz-im-cauca-guardia-indigena-des-cric-video\/\">t<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Community und territoriale Kontrolle \u2013 die \u00abGuardias Ind\u00edgenas\u00bb<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Nebst den Zapatist:innen in S\u00fcdmexiko oder den \u00abRondas Campesinas\u00bb in Cajamarca (Peru) ist die \u00abGuardia Ind\u00edgena\u00bb in Pioy\u00e1 im Nordosten der Provinz Cauca (Kolumbien) ein interessantes Beispiel einer funktionierenden Selbstorganisation gegen die Gewalt der Drogenkartelle. Die dortige indigene Community hat, wie viele andere indigene Communitys, ein ungebrochenes Gemeinschaftsgef\u00fchl der kollektiven Verantwortung \u2013 etwas das im Kontext der neoliberalen Subjektivierung in den St\u00e4dten eher selten anzutreffen ist. Seit dem Jahr 2001 organisiert die indigene Nasa-Community in Pioy\u00e1 indigene Selbstschutzeinheiten. Sie versuchen dadurch die Cannabis- und Koka-Plantagen, die Kokainlabore und generell die Drogenkartelle aus ihren Gebieten zu dr\u00e4ngen. Ihre Waffen? Walkie-Talkies und etwa achtzig Zentimeter lange Holzst\u00f6cke \u2013 f\u00fcr die Nasa-Community ein Symbol der Autonomie, des Widerstands und der Verbundenheit zu ihren L\u00e4ndereien. Die \u00abGuardias Ind\u00edgenas\u00bb haben ein Netz aus Kontrollpunkten erstellt, um nach Drogenkartellen Ausschau zu halten. Werden Drogenkartellmitglieder gesichtet, wird per Walkie-Talkie sofort die ganze Community in der Umgebung informiert. Ein Mitglied der \u00abGuardia Ind\u00edgena\u00bb schilderte in einem Interview einen Vorfall vom Jahr 2018 wie folgt: \u00abGegen Mitternacht sichteten wir Narcos, zu jenem Zeitpunkt waren wir zu zehnt. Als wir uns ihnen n\u00e4herten, fingen sie an, auf uns zu schiessen. Dennoch eilten immer mehr Mitglieder der \u00abGuardia Ind\u00edgena\u00bb herbei, um uns zu unterst\u00fctzen. Aus zehn von uns wurden schlussendlich mehr als f\u00fcnftausend. Im Verlauf des Morgens nahmen wir die Narcos gefangen. Sie hatten viele Gewehre, vier Granaten und 375 Schuss Munition. Sie wollten viele Menschen massakrieren. Wir verurteilten sie gem\u00e4ss unserer eigenen Rechtssprechung und zerst\u00f6rten ihre Waffen [\u2026]\u00bb.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.ajourmag.ch\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/Nasa_Protestas-600x396.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-7497\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Mitglieder der \u00abGuardia Indigena\u00bb vom Cauca nahmen 2021 an Protesten gegen soziale Ungleichheit und staatliche Gewalt in Kolumbien teil. Bild: <a href=\"https:\/\/gatopardo.com\/noticias-actuales\/la-guardia-indigena-protege-a-los-manifestantes-en-cali\/\">g<\/a><\/em><a href=\"https:\/\/gatopardo.com\/noticias-actuales\/la-guardia-indigena-protege-a-los-manifestantes-en-cali\/\"><em>atopardo.com<\/em><\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Die Selbstorganisation der Nasa-Communtiy richtet sich aber nicht nur gegen die Narcos, sondern auch gegen ihre Plantagen und Kokainlabors. Sobald solche gesichtet werden, werden sie zerst\u00f6rt, was effektiv verhindert, dass sich Plantagen und Labors unkontrolliert verbreiten. Der kollektive und selbstorganisierte Kampf gegen die Drogenkartelle ist nat\u00fcrlich alles andere als einfach und viele Mitglieder der Nasa-Community wurden von den Kartellen ermordet. Dennoch l\u00e4sst sich die Nasa-Community in Pioy\u00e1 nicht einsch\u00fcchtern, denn sie sehen sich als kollektiver K\u00f6rper der nicht durch die Gewalt der Waffen ausradiert werden kann. Ein weiteres Mitglied der Community beteuert: \u00abDie Narcos waren bewaffnet, aber sie konnten uns nicht t\u00f6ten. Wir waren zu viele. Und wenn eine Community zusammenh\u00e4lt, kennt sie keine Angst. Wir haben ihre Koka-Plantagen und ihre Labore verbrannt. Wir fanden alles M\u00f6gliche. Es sah aus wie ein Chemielabor. Das hat uns damals viele Drohungen gebracht, weil wir einem Gesch\u00e4ft schadeten, das viel Geld einbrachte.\u00bb<\/p>\n\n\n\n<p>Der selbstorganisierte und kollektive Widerstand gegen die Gewalt der Narcos sollte nicht romantisiert werden, aber er kann Perspektiven aufzeigen. Leider gibt es diesen Widerstand nicht ohne Tote und es gibt auch viele Beispiele in Lateinamerika, in der die brutale Gewalt der Kartelle ganze Communitys eingesch\u00fcchtert hat. An vielen Orten konnten sich Drogenkartelle dadurch ganzer Territorien bem\u00e4chtigen und den Staat verdr\u00e4ngen. Doch trotz der Widerspr\u00fcche und Schwierigkeiten, die mit Selbstorganisationsversuchen gegen das Drogengesch\u00e4ft einhergehen, zeigt gerade die aktuelle Situation in Ecuador auf, dass Selbstorganisation unumg\u00e4nglich ist, denn es ist aussichtslos, auf den Staat zu vertrauen: Nicht nur hat er den Drogenkartellen \u00fcberhaupt erst zu ihrer Macht verholfen, er garantiert auch das reibungslose Funktionieren des Kapitalverh\u00e4ltnisses, dass sich durch den Drang und die Notwendigkeit nach Profit charakterisiert und eine soziale Misere hervorbringt, die den N\u00e4hrboden f\u00fcr die Verbreitung der Kartelle bietet. Auch eine erweitere staatliche Kooperation zur Bek\u00e4mpfung des \u00aborganisierten Verbrechens\u00bb, wie sie vor wenigen Tagen von Bolivien, Ecuador, Kolumbien und Peru unterzeichnet haben, wird daran nichts \u00e4ndern.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Quelle: https:\/\/www.ajourmag.ch\/ecuador-narco-kapitalismus\/ In Ecuador eskaliert der Drogenkrieg. Milit\u00e4r und Kartelle liefern sich blutige Auseinandersetzungen. Dagegen setzen indigene Gemeinschaften auf Selbstorganisation und kollektiven Widerstand. 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