{"id":4178,"date":"2024-09-04T09:40:25","date_gmt":"2024-09-04T08:40:25","guid":{"rendered":"https:\/\/www.lagota.ch\/?p=4178"},"modified":"2024-09-04T09:40:25","modified_gmt":"2024-09-04T08:40:25","slug":"ausgerechnet-in-den-usa","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.lagota.ch\/?p=4178","title":{"rendered":"Ausgerechnet in den USA"},"content":{"rendered":"\n<p>Quelle: <a href=\"https:\/\/jungle.world\/artikel\/2024\/35\/trump-rechtspopulismus-ausgerechnet-in-den-usa\">https:\/\/jungle.world\/artikel\/2024\/35\/trump-rechtspopulismus-ausgerechnet-in-den-usa<\/a><br><br><strong>Der Rechtspopulismus von Donald Trump ist Ausdruck gesellschaftlicher Entwicklungen, die auch Europa pr\u00e4gen. Spezifisch f\u00fcr die USA ist allerdings, dass so viele etwas durch einen Wahlsieg Trumps zu verlieren haben, dass sogar die Sozialdemokratie wieder erwacht<\/strong>.<br><br>Als Donald Trump 2016\u00a0\u2013 mit mehr Gl\u00fcck als Verstand\u00a0\u2013 die Pr\u00e4sidentschaftswahl knapp gewann, setzte das gro\u00dfe R\u00e4tselraten ein. Dass ein zweitklassiger Schmierenkom\u00f6diant und Westentaschendemagoge das gleiche Amt aus\u00fcben w\u00fcrde wie vor ihm George Washington und Thomas Jefferson, Abraham Lincoln und Franklin D. Roosevelt, tr\u00fcbte doch ein wenig das Bild von den USA als <em>the land of the free and the home of the brave<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"https:\/\/www.lagota.ch\/wp-content\/uploads\/03-Kapitol.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"683\" src=\"https:\/\/www.lagota.ch\/wp-content\/uploads\/03-Kapitol-1024x683.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4179\" srcset=\"https:\/\/www.lagota.ch\/wp-content\/uploads\/03-Kapitol-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/www.lagota.ch\/wp-content\/uploads\/03-Kapitol-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.lagota.ch\/wp-content\/uploads\/03-Kapitol-768x512.jpg 768w, https:\/\/www.lagota.ch\/wp-content\/uploads\/03-Kapitol.jpg 1200w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p>Die erste Reaktion auf den Schock war darum Exterritorialisierung: Nicht das Wahlvolk sei schuld an Trump und auch nicht die archaische Institu\u00adtion des Wahlkollegiums, sondern Wladimir Putin. Au\u00dferdem wurde gehofft: Sp\u00e4testens in vier Jahren, so die verbreitete \u00dcberzeugung, werde der Spuk sich legen und die Rechte wieder zur Besinnung kommen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Demokratie in den USA war lange eine Herrenvolkdemokratie<\/h3>\n\n\n\n<p>Weit gefehlt. Statt zum Triumphzug f\u00fcr Vernunft und Sittlichkeit geriet die Wahl 2020 samt Nachgang zur ern\u00fcchternden Zitterpartie. Dass weder die schier un\u00fcberschaubare Masse an Skandalen und Enth\u00fcllungen noch die sich h\u00e4ufenden Niederlagen bei Zwischenwahlen, ja nicht einmal die <a href=\"https:\/\/jungle.world\/artikel\/2021\/02\/nazis-im-kapitol\">Staatsstreich-Performance vom 6.\u2009Januar 2021<\/a> dem Personenkult um Trump etwas anhaben konnten, machte alle Hoffnungen zunichte, das Ph\u00e4nomen als blo\u00dfen Betriebsunfall abtun zu k\u00f6nnen. Seither steht die Frage auf der Tagesordnung, wie so etwas ausgerechnet in den USA m\u00f6glich ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Antworten darauf gibt es zur Gen\u00fcge. Demokratie in den USA war die l\u00e4ngste Zeit ihres Bestehens eine Herrenvolkdemokratie; die in den S\u00fcdstaaten herrschende Rassentrennung wurde gesetzlich erst in den sechziger Jahren des 20.\u2009Jahrhunderts beendet.<\/p>\n\n\n\n<p>Dementsprechend reich ist die US-amerikanische Ideengeschichte an reaktion\u00e4ren Legitimationsideologien.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Wie weit muss man zur\u00fcckgehen, um die \u00bbMake America Great Again\u00ab-Bewegung zu verstehen?<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Die vergangenen Jahre sahen geradezu eine Flut an Ver\u00f6ffentlichungen, die sich mit den historischen Traditionen und Kontinuit\u00e4ten befassen, aus denen sich ein spezifisch US-amerikanischer Autoritarismus speist: aus dem Elitarismus der Gr\u00fcnderv\u00e4ter und ihrer steten Sorge, zu viel Demokratie k\u00f6nne dem \u00bbP\u00f6bel\u00ab zur Macht verhelfen; aus der ausgebliebenen politischen und \u00f6konomischen Entmachtung der ehemaligen Sklavenhalter nach dem B\u00fcrgerkrieg und der bis heute andauernden nostalgischen Verkl\u00e4rung der Konf\u00f6derierten; aus der Umdeutung von Freiheit in Entgesellschaftung, wie sie aus der <em>frontiers<\/em>-Rhetorik und dem populistischen Kult um die \u00bbkleinen Leute\u00ab spricht; aus dem fanatischen Widerstand gegen Roosevelts \u00bbNew Deal\u00ab von Teilen der Kapitalistenklasse, die lieber mit Nazi-Deutschland gemeinsame Sache machen wollten, als auch nur das kleinste bisschen Sozialstaat zu erdulden; aus der Erbschaft von 400 Jahren Puritanismus und religi\u00f6sem Erweckungseifer; aus dem sich periodisch Bahn brechenden Hass auf die jeweils neueste Gruppe unerw\u00fcnschter Einwanderer, von Iren und Deutschen \u00fcber Juden und Polen bis zu Ostasiaten und S\u00fcdamerikanern; aus dem z\u00e4hem Widerstand der Insti\u00adtutionen samt Polizeigewalt gegen jeden neu erk\u00e4mpften Fortschritt afroamerikanischer Emanzipation.<\/p>\n\n\n\n<p>Keine dieser Vorhaltungen ist falsch. Aber gerade weil in der Gestalt Trumps so ungeheuer viele reaktion\u00e4re Str\u00e4nge zusammenlaufen, erkl\u00e4rt der Rekurs darauf zugleich alles und nichts. Wie weit muss man zur\u00fcckgehen, um die <a href=\"https:\/\/jungle.world\/tags\/maga\">\u00bbMake America Great Again\u00ab-Bewegung<\/a> zu verstehen? Zum Pal\u00e4okonservatismus der neunziger Jahre? Zu Joe McCarthy und den antikommunistischen Geheimgesellschaften der F\u00fcnfziger? Zu den antikatholischen <em>Know Nothings<\/em>, den Nativisten des mittleren 19.\u2009Jahrhunderts? Oder gleich bis 1619, dem Jahr der Landung des ersten Sklavenschiffs in Nordamerika? Und was w\u00e4re damit gewonnen?<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Verschmelzung von Fernsehstar und F\u00fchrerkult<\/h3>\n\n\n\n<p>Vielleicht w\u00e4re es darum sinnvoller, die Frage einmal umzudrehen: nicht warum \u00bbausgerechnet in Amerika\u00ab der Autoritarismus eine Massenbasis gewinnen konnte&nbsp;\u2013 sondern warum ausgerechnet die USA vom weltweiten Trend zur Autoritarismus h\u00e4tten verschont bleiben sollen. Nichts an Trump ist schlie\u00dflich originell. All das Gegeifer gegen Fl\u00fcchtlinge und Migranten, gegen \u00bbdie da oben\u00ab als korrupte und abgehobene \u00bbEliten\u00ab, die uns unsere Sitten und Gebr\u00e4uche madig machen wollen, das alles hat man ja schon hunderttausendfach geh\u00f6rt. Selbst das scheinbar Innovativste, die Verschmelzung von Fernsehstar und F\u00fchrerkult, hat vor ihm schon Silvio Berlusconi vorgef\u00fchrt, nur mit dem Unterschied, dass Italien weniger bedeutend ist als die nukleare Supermacht USA.<\/p>\n\n\n\n<p>Was in den USA vor sich geht, l\u00e4sst sich beschreiben wie in anderen L\u00e4ndern auch: Es ist das Resultat einer Rechten, die sich gr\u00fcndlich totgesiegt hat&nbsp;\u2013 und deren Widerspr\u00fcche ihr nun um die Ohren fliegen. Man hatte versprochen, die Logik des Marktes zu entfesseln, und nun sieht man, wozu M\u00e4rkte f\u00e4hig sind.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbAlles St\u00e4ndische und Stehende\u00ab, wie Marx einmal schrieb, \u00bbverdampft\u00ab, darunter in den vergangenen Jahrzehnten auch genau das, was den US-Konservativen die Grundbausteine menschlichen Zusammenlebens sind: Kirchen und Vereine, Nachbarschaft und Dorfgemeinschaft, Ehe und Familie. Wenn es, wie Margaret Thatcher triumphierend verk\u00fcndete, keine Gesellschaft gibt, dann vergeht auch deren repressive Kraft. Die Aufl\u00f6sung des Nachkriegsfordismus entmachtete nicht blo\u00df die Gewerkschaften, sondern auch die geschlechtlichen Tabus, und die Niederlagen der Arbeiterbewegung \u00adgehen einher mit den Siegen der Frauen- und LGBT-Emanzipation. Ohne Gesellschaft, wie die Reaktion mit Schrecken fest\u00adstellen muss, auch keine Feinde der Gesellschaft. Das l\u00e4sst die Ressentiments leerdrehen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Monetarismus, Militarismus, geistig-moralische Erneuerung<\/h3>\n\n\n\n<p>Wenn es an dieser Entwicklung etwas spezifisch US-Amerikanisches gibt, dann nur, dass sie, wie alles, was das Kapital betrifft, dort besonders offen zutage liegt. Nirgends trat das Dreigestirn der Reaktion&nbsp;\u2013 Monetarismus, Militarismus, geistig-moralische Erneuerung&nbsp;\u2013 messianischer auf als in den USA unter Ronald Reagan. Umso tiefer daher der Fall: Nirgends hat sich die Deregulierung gr\u00fcndlicher blamiert als in der Bankenkrise 2007\/2008; nirgends hat sich der Neokonservatismus mehr desavouiert als in der Irak-Intervention; nirgends tritt der christliche Fundamentalismus \u00adl\u00e4cherlicher auf als dort, wo er einen Windbeutel verg\u00f6ttert, der f\u00fcr Sex mit Pornostars Schweigegelder zahlt. Nirgends m\u00fcssen daher diese offenkundigen Realit\u00e4ten gr\u00fcndlicher verleugnet werden. Daraus bezieht die US-amerikanische Rechte ihre b\u00f6sartige Energie.<\/p>\n\n\n\n<p>Es bezeichnet zugleich auch ihre Schw\u00e4che. Wenn es einen signifikanten Unterschied zwischen Maga-Republikanern und rechtspopulistischen Bewegungen anderswo gibt, dann den, dass Trump seinen Anh\u00e4ngern nie auch nur ansatzweise sozialstaatliche Versprechungen macht. Das Ressentiment bleibt reiner Luxus. \u00dcber andere politische Ziele der Republikaner, die hei\u00df ersehnte Privatisierung der Rentenkassen etwa, redet man weniger gerne. Was umgekehrt wiederum hei\u00dft, dass gen\u00fcgend Menschen etwas zu verlieren haben&nbsp;\u2013 und das durchaus wissen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass die USA eine der ersten gro\u00dfen multiethnischen Demokratien der Welt waren, die nach der Durchsetzung der B\u00fcrgerrechtsgesetze in den Sechzigern auch rassistisch diskriminierte schwarze B\u00fcrger einschloss, erkl\u00e4rt historisch die Schw\u00e4che des US-Sozialstaats: lieber keine staatliche Krankenversicherung als eine, von der auch die verachteten anderen profitieren.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Revita\u00adlisierung einer zuvor moribunden Sozialdemokratie<\/h3>\n\n\n\n<p>Aber es erkl\u00e4rt auch deren Beharrungskraft. Die nach dem US-Zensus um die 40&nbsp;Millionen Afroamerikaner, 60&nbsp;Millionen Latinos, selbst die zehn bis 15&nbsp;Millionen undokumentierten Einwanderer stellen keine winzigen Minderheiten dar, an denen man sich ungestraft das M\u00fctchen k\u00fchlen kann; erst recht, wenn dann auch noch die wei\u00dfen Bewohner der West- und Ostk\u00fcste zum Feindbild dazukommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass die durchprivatisierte Volksgemeinschaft, die die Maga-Bewegung sich ersehnt, nicht nur in sich einen Widerspruch bildet, sondern dar\u00ad\u00fcber hinaus auch noch weniger als die H\u00e4lfte der Nation umfasst, treibt die amerikanische Rechte permanent zur Wei\u00dfglut. Aber es zwingt auch deren Gegner, mit der Opposition dagegen, so wenig gerne man es t\u00e4te, doch irgendwann ernst zu machen.<\/p>\n\n\n\n<p>Was die \u00c4ra Trump kennzeichnet, ist nicht blo\u00df die stetige Eskalation der Rechten, sondern auch die Revita\u00adlisierung einer zuvor moribunden Sozialdemokratie; mehr also, als man un\u00adter \u00e4hnlichen Bedingungen f\u00fcr Deutschland erhoffen d\u00fcrfte, wo die vorauseilende Kapitulation bekanntlich als \u00aderste B\u00fcrgerpflicht gilt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Quelle: https:\/\/jungle.world\/artikel\/2024\/35\/trump-rechtspopulismus-ausgerechnet-in-den-usa Der Rechtspopulismus von Donald Trump ist Ausdruck gesellschaftlicher Entwicklungen, die auch Europa pr\u00e4gen. Spezifisch f\u00fcr die USA ist allerdings, dass so viele etwas durch einen Wahlsieg Trumps zu verlieren haben, dass sogar die Sozialdemokratie wieder erwacht. 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