{"id":4229,"date":"2025-02-03T12:49:33","date_gmt":"2025-02-03T11:49:33","guid":{"rendered":"https:\/\/www.lagota.ch\/?p=4229"},"modified":"2025-02-03T12:49:33","modified_gmt":"2025-02-03T11:49:33","slug":"50-jahre-ohne-franco","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.lagota.ch\/?p=4229","title":{"rendered":"50 Jahre ohne Franco"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Die sozialdemokratisch-linke Regierung feiert den 50.\u2009Todestag Francos als \u00bb50 Jahre der Freiheit\u00ab mit Hunderten Fest- und Gedenkveranstaltungen. Die rechte Opposition boykottiert diese.<\/strong><br><br>\u00bbAlles ist gut verschn\u00fcrt hinterlassen, alles gut verschn\u00fcrt.\u00ab So k\u00fcndigte der faschistische Diktator Francisco Franco Bahamonde 1969 in seiner allj\u00e4hrlichen Weihnachtsansprache an, f\u00fcr das Fortbestehen des Faschismus nach seinem Tod Vorsorge getroffen zu haben. Sechs Jahre sp\u00e4ter verstarb er.<br>Das Aufschn\u00fcren in Form erinnerungspolitischer Aufarbeitung begann nicht etwa z\u00f6gerlich und zaghaft, sondern lange Zeit gar nicht. Mit der Generalamnestie von 1977 sollte der Blick ausschlie\u00dflich in die Zukunft gerichtet und \u00fcber die Vergangenheit geschwiegen werden. Erst in den vergangenen Jahren wurden von staatlicher Seite erste erinnerungspolitische Initiativen ergriffen. Anl\u00e4sslich des 50.\u2009Todestags des Diktators hat die spanische Regierung unter dem Motto \u00bb50&nbsp;Jahre in Freiheit\u00ab nun gleich ein ganzes Gedenkjahr ausgerufen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die linke Minderheitsregierung des Ministerpr\u00e4sidenten Pedro S\u00e1nchez vom sozialdemokratischen Partido Socialista Obrero Espa\u00f1ol (PSOE) zele\u00adbriert mit einem prallgef\u00fcllten Terminkalender Spaniens R\u00fcckkehr zur Demokratie, die mit dem Tod Francos 1975 begann und 1977 zur ersten Parlamentswahl f\u00fchrte. Eine eigens f\u00fcr die Gedenkfeierlichkeiten eingesetzte Kommission ist f\u00fcr die Organisation von \u00fcber 100&nbsp;Veranstaltungen&nbsp;\u2013 Universit\u00e4tskongressen, Ausstellungen, Buchver\u00f6ffentlichungen und Filmvorf\u00fchrungen&nbsp;\u2013 im ganzen Land verantwortlich.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>\u00bbDie Differenzen der gro\u00dfen Parteien in der Erinnerungskultur sind bei weitem nicht so gro\u00df, wie die Show um das Gedenkjahr einen glauben lassen mag.\u00ab\u2002<em>Emilio Silva Barrera, Verein zur Wiederherstellung des historischen Ged\u00e4chtnisses<\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Doch an der Reaktion der rechten Opposition zeigt sich, wie weit die Widerst\u00e4nde gegen eine Auseinandersetzung mit der Vergangenheit in die Gegenwart reichen. Die rechtsextreme Partei Vox schnaubte und nannte das Gedenkjahr einen Akt \u00bbabsurder Nekro\u00adphilie\u00ab. In einem Manifest des konservativen Partido Popular (PP), das von 80&nbsp;Politikern und Intellektuellen unterzeichnet wurde, ist von Boykott\u00adauf\u00adrufen gegen \u00bball diese Hexensabbate\u00ab zu lesen. Vor allem wird den Veranstaltern vorgeworfen, mit dem Gedenkjahr Zwietracht in der spanischen Gesellschaft zu sch\u00fcren.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei der Auftaktveranstaltung am 8.\u2009Januar im gro\u00dfen Museum f\u00fcr Gegenwartskunst, dem Museo Nacional Centro de Arte Reina Sof\u00eda in Madrid, versuchte die Regierung Einigkeit zu demonstrieren. Fast alle Minister:innen sowie hochrangige PSOE-Politiker aus allen Landesteilen waren anwesend.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbMan muss nicht links oder rechts sein, um mit Angst und Traurigkeit auf die d\u00fcsteren Jahre der Diktatur zur\u00fcckzublicken und zu f\u00fcrchten, dass sich dieser R\u00fcckschritt wiederholt. Es reicht, Demokrat zu sein\u00ab, appellierte S\u00e1nchez an das Publikum&nbsp;\u2013 und wohl an den durch Abwesenheit gl\u00e4nzenden Oppositionsf\u00fchrer Alberto N\u00fa\u00f1ez Feij\u00f3o und seinen PP.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Auch von der politischen Linken gibt es Kritik<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>An die wachsende W\u00e4hlerschaft&nbsp;\u2013 vornehmlich junge M\u00e4nner&nbsp;\u2013 der rechtsextremen Partei Vox gerichtet, f\u00fcgte S\u00e1nchez hinzu: \u00bbWer heute \u203aein einziges Spanien\u2039 gro\u00df und frei!\u00ab (Wahl- und Wappenspruch des Franquismus), einfordere, der vergesse, \u00bbdass jenes \u00adSpanien 1970 ein Wrack war, isoliert von der Au\u00dfenwelt und nach Freiheit hungernd\u00ab.<\/p>\n\n\n\n<p>Nicht nur s\u00e4mtliche Vertreter von Vox und PP blieben der Auftaktveranstaltung fern. Selbst K\u00f6nig Felipe&nbsp;VI., der Sohn des noch von Franco 1975 zum Staatsoberhaupt ernannten K\u00f6nigs Juan Carlos&nbsp;I., war nicht anwesend&nbsp;\u2013 aus \u00bbterminlichen Gr\u00fcnden\u00ab, wie das \u00adK\u00f6nigshaus angab.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch auch von der politischen Linken gibt es Kritik. Der linke Koalitionspartner des PSOE, Podemos, kritisierte das Gedenken als \u00bbSchminke\u00ab. Schlie\u00dflich werde f\u00fcr eine wirkliche Aufarbeitung der Diktatur noch wenig getan, beispielsweise sei der von Podemos ins Parlament eingebrachte Gesetzesentwurf zur Aufarbeitung des Systems der \u00bbbeb\u00e9s robados\u00ab (geraubten Kleinkinder) immer noch nicht verabschiedet worden.<\/p>\n\n\n\n<p>Der PSOE versicherte zwar seine Unterst\u00fctzung, wollte den Antrag aber nicht unterzeichnen, seitdem stockt das Verfahren. Zwischen 1936 und 1975 lie\u00df das Regime sch\u00e4tzungsweise 300.000&nbsp;Kinder von Oppositionellen und ledigen M\u00fcttern entf\u00fchren und zur Adoption freigeben. <a href=\"https:\/\/jungle.world\/artikel\/2018\/29\/das-land-der-gestohlenen-kinder\">Hauptkollaborateur des Kinderraubs, der zum Teil sogar bis in die achtziger Jahre fortdauerte, war die katholische Kirche<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Die Profiteure\u00a0werden nicht angetastet<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>Auch Emilio Silva Barrera, Gr\u00fcnder des Vereins zur Wiederherstellung des historischen Ged\u00e4chtnisses, kritisiert den PSOE und dessen Selbstinszenierung als Vertreter einer kritischen Auseinandersetzung mit der Vergangenheit. \u00bbDie Differenzen der gro\u00dfen Parteien in der Erinnerungskultur sind bei weitem nicht so gro\u00df, wie die Show um das Gedenkjahr einen glauben lassen mag\u00ab, sagt er im Gespr\u00e4ch mit der \u00ad<em>Jungle World<\/em>. Denn, so f\u00e4hrt er fort, beim \u00adWesentlichen&nbsp;\u2013 den Pakt der \u00dcbergangsphase aus der Diktatur so zu belassen, wie er ist&nbsp;\u2013 w\u00fcrden sie \u00fcbereinstimmen. Dies bedeute, dass die Verbrechen der Diktatur allesamt juristisch unges\u00fchnt bleiben und die Profiteure&nbsp;\u2013 von der katholischen Kirche, dem Hauptkollaborateur der Diktatur, bis zum gro\u00dfen Industriekapital, das von der Zwangsarbeit der republikanischen Kriegsgefangenen profitierte&nbsp;\u2013 w\u00fcrden nicht angetastet.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbWas wir das Jahr \u00fcber sehen werden, wird stattdessen eine permanente W\u00fcrdigung der wegweisenden Pers\u00f6nlichkeiten der \u00dcbergangsphase zur Demokratie sein\u00ab, ist Silva Barrera \u00fcberzeugt. Zu diesen geh\u00f6rt der ehemalige K\u00f6nig Juan Carlos&nbsp;I., dessen Foto die Startseite des Webauftritts der Gedenkkampagne \u00bb50&nbsp;Jahre in Freiheit\u00ab ziert. Dabei wird geflissentlich unterschlagen, dass Juan Carlos&nbsp;I. ein Z\u00f6gling Francos war und den Diktator w\u00e4hrend seiner Herrschaft zweimal interimsm\u00e4\u00dfig vertrat.<\/p>\n\n\n\n<p>Silva Bandera feiert dieses Jahr ein eigenes Jubil\u00e4um, das 25j\u00e4hrige Bestehen des Vereins zur Wiederherstellung des historischen Ged\u00e4chtnisses. Begonnen hatte die Arbeit des Vereins mit einer Exhumierung im Herbst 2000. Es war die erste dieser Art, bei der ein <a href=\"https:\/\/jungle.world\/artikel\/2017\/31\/graben-fuer-die-gewissheit\">Massengrab aus dem B\u00fcrgerkrieg ge\u00f6ffnet wurde, um sterbliche \u00dcberreste der Opfer der faschistischen Putschisten zu bergen<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Im Stra\u00dfenbild Spaniens ist die Diktatur noch vielfach pr\u00e4sent, \u00fcber 6.000&nbsp;Stra\u00dfen sind landesweit nach faschistischen Regimegr\u00f6\u00dfen benannt, in der Franco-Zeit errichtete Siegesdenkm\u00e4ler, wie der Arco de la Victoria in Madrid, ragen in den Himmel.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Seit 2022 wird mit dem Gesetz zur demokratischen Erinnerung die Bergung der \u00dcberreste der Opfer forciert und staatlich finanziert. Dennoch befinden sich immer noch die Relikte von Zehntausenden der 114.000 namentlich bekannten Opfer in Massengr\u00e4bern. Und im Stra\u00dfenbild Spaniens ist die Diktatur noch vielfach pr\u00e4sent, \u00fcber 6.000&nbsp;Stra\u00dfen sind landesweit nach faschistischen Regimegr\u00f6\u00dfen benannt, in der Franco-Zeit errichtete Siegesdenkm\u00e4ler, wie der Arco de la Victoria in Madrid, ragen in den Himmel.<\/p>\n\n\n\n<p>Diejenigen, so scheint es derzeit, die die Erinnerungsarbeit initiiert und zum Gro\u00dfteil geleistet haben, Vereine wie der Silva Barreras, regionale und lokale Initiativen, anarchosyndikalistische Gewerkschaften wie die CNT-AIT oder die CGT und linke respektive nationalistisch-separatistische Parteien aus Katalonien, dem Baskenland und Galizien sind zu den Regierungsfestspielen der \u00bbFreiheit\u00ab nicht geladen.<br><br>Quelle: <a href=\"https:\/\/jungle.world\/artikel\/2025\/05\/50-jahre-ohne-franco\">https:\/\/jungle.world\/artikel\/2025\/05\/50-jahre-ohne-franco<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die sozialdemokratisch-linke Regierung feiert den 50.\u2009Todestag Francos als \u00bb50 Jahre der Freiheit\u00ab mit Hunderten Fest- und Gedenkveranstaltungen. 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