{"id":4311,"date":"2025-09-22T15:13:13","date_gmt":"2025-09-22T14:13:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.lagota.ch\/?p=4311"},"modified":"2025-09-22T15:13:13","modified_gmt":"2025-09-22T14:13:13","slug":"hochmut-und-fall","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.lagota.ch\/?p=4311","title":{"rendered":"Hochmut und Fall"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Nach Milliardenmehrkosten f\u00fcr Kampfjets nun hohe Handelsz\u00f6lle im wichtigsten Exportmarkt: Im bilateralen Verh\u00e4ltnis bestimmt Washington DC, nicht Bern. Die Quittung kriegen Arbeiter_innen in den betroffenen Industrien, das Kapital plant derweil die Verlegung zus\u00e4tzlicher Produktion in die USA.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><a href=\"https:\/\/www.lagota.ch\/wp-content\/uploads\/t\u00d76s_8c19aa26-f146-49c8-b641-3c515f59da50_2025-08-31_14-02-14.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"600\" height=\"368\" src=\"https:\/\/www.lagota.ch\/wp-content\/uploads\/t\u00d76s_8c19aa26-f146-49c8-b641-3c515f59da50_2025-08-31_14-02-14.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-4312\" srcset=\"https:\/\/www.lagota.ch\/wp-content\/uploads\/t\u00d76s_8c19aa26-f146-49c8-b641-3c515f59da50_2025-08-31_14-02-14.png 600w, https:\/\/www.lagota.ch\/wp-content\/uploads\/t\u00d76s_8c19aa26-f146-49c8-b641-3c515f59da50_2025-08-31_14-02-14-300x184.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 600px) 100vw, 600px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p><em>(gpw)<\/em>&nbsp;In den letzten Wochen ist die Stellung der Schweiz im imperialistischen Weltgef\u00fcge gegen\u00fcber den Vereinigten Staaten unverbl\u00fcmt klargestellt worden. Erst die F-35-Kampfjets, deren Preis sich infolge der Teuerung um bis zu 1.3 Milliarden Franken erh\u00f6hen sollen, dann die Handelsz\u00f6lle, die f\u00fcr viele G\u00fcter aus der Schweiz auf fast 40% hochschiessen. Auf fr\u00fche Phasen helvetischen Hochmuts, in denen man sich der eigenen Englisch-Kenntnisse br\u00fcstet und auf Einsch\u00e4tzungen funkelnder Anwaltskanzleien verl\u00e4sst, folgt zum Schluss der Fall vom hohen Ross. Ein Auge lacht \u00fcber das Auflaufen der Schweizer Bourgeoisie, ein Auge weint angesichts der m\u00f6glichen Folgen f\u00fcr die Arbeiter_innenklasse in der Schweiz, welche die Z\u00f6lle nach sich ziehen k\u00f6nnten.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcber Nacht wird der \u00abSonderfall\u00bb Schweiz weit weniger besonders. Essays und Kommentare verarbeiten in den b\u00fcrgerlichen Bl\u00e4ttern die r\u00fcde Korrektur des Eigenbilds. Der Exzeptionalismus, den man f\u00fcr sich reklamierte, wird als jene ideologische Mythenbildung enth\u00fcllt, die er schon immer war. Die Schweiz, aufgrund protestantischer Tugenden eines der reichsten L\u00e4nder dieser Welt, infolge humanit\u00e4rer Traditionen mit sich selber und allen anderen im Reinen? Von wegen. Gewiss ist es aussergew\u00f6hnlich, wie die Schweiz als Land mit beschr\u00e4nkten nat\u00fcrlichen Ressourcen, ohne Meeresanstoss, eigenen Kolonien oder grosser Milit\u00e4rmacht zur internationalen Wirtschaftsmacht wurde. Aber dieser Werdegang hat weltliche Urspr\u00fcnge, keine metaphysischen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Lachende Dritte<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Richard Behrendt, ein b\u00fcrgerlicher \u00d6konom, beschrieb 1923 in einer Arbeit \u00fcber die Schweiz und den Imperialismus die Position der Schweiz kurzerhand als jene des \u00ablachenden Dritten\u00bb \u2013 wo zwei sich streiten, da freut sich der Dritte. Die der Eidgenossenschaft auferlegte Neutralit\u00e4t, von den europ\u00e4ischen Grossm\u00e4chten beim Wiener Kongress 1815 verordnet, damit die Schweiz k\u00fcnftig weder Frankreich noch \u00d6sterreich zugeschlagen werde, erwies sich f\u00fcr das Kapital im Ersten Weltkrieg als Gl\u00fccksfall. W\u00e4hrend viele L\u00e4nder Europas nach Ende des imperialistischen Kriegs mit dessen gewaltigen Folgen konfrontiert waren (get\u00f6tete Arbeiter_innenmassen, zerst\u00f6rte Industrien), stand das Schweizer Kapital bereit, um w\u00e4hrend und nach dem Krieg zu profitieren. Beispielhaft zeigt sich das an der Chemieindustrie in Basel, die grossgeworden war mit den Farben f\u00fcr die Textilindustrie, welche in der Industralisierung der Schweiz im 19. Jahrhundert so bedeutsam war. W\u00e4hrend des Kriegs vertrieb sie Farbstoffe, um die Uniforme der k\u00e4mpfenden Heere einheitlich zu f\u00e4rben, nach dem Krieg sah sie sich um die Konkurrenz der deutschen Chemieindustrie beraubt, was ihr den Aufschwung im 20. Jahrhundert sehr erleichterte.<\/p>\n\n\n\n<p>Knapp 60 Jahre nach Behrendt stiess Jean Ziegler in ein \u00e4hnliches Horn, als er von der Schweiz als Sekund\u00e4rimperialismus schrieb. Die Schweiz sei keine imperialistische Macht erster Klasse (wie die USA), bei welchen die \u00f6konomische Interessen in der (Neu-) Aufteilung der Welt milit\u00e4risch durchgesetzt werden, sehr wohl aber ein Land mit imperialistischen Kapitalfraktionen (wie der Finanzwirtschaft und multinationalen Konzernen), welche international ausgerichtet sind und entsprechend weltweit man\u00f6vrieren. Im Blick hatte er insbesondere die hiesigen Banken, denen die Neutralit\u00e4t im Zweiten Weltkrieg beim Gesch\u00e4ften mit den Nazis sowie sp\u00e4ter mit dem s\u00fcdafrikanischen Apartheidstaat n\u00fctzlich war. Ob nun beim b\u00fcrgerlichen Behrendt oder dem linken Ziegler: Der \u00abSonderfall\u00bb Schweiz wurzelt viel st\u00e4rker in solchen dem Kapital g\u00fcnstigen historischen Konstellationen, die sich vielfach als Folge der Interessenskonflikte gr\u00f6sserer Staaten ergaben, als es hier oftmals vermittelt wird.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Finanzielles Schwergewicht<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Heute geh\u00f6rt die Schweiz zu den Top Ten der L\u00e4nder mit den\u00a0pro Kopf weltweit h\u00f6chsten Direktinvestitionen einheimischer Unternehmen im Ausland. 2023 betrugen die Investitionen aus der Schweiz im Ausland mindestens 1\u2019287 Milliarden Franken (dabei sind Beteiligungen unter 10 Prozent an ausl\u00e4ndischen Unternehmen nicht miteinberechnet). Davon entfallen jeweils ein wenig mehr als ein Drittel auf Investitionen von Finanzgesellschaften und aus der Industrie, rund 10 Prozent der 1.2 Billionen Franken steuern Banken und Versicherungen bei. Etwa ein Viertel des Betrags sind in Nordamerika investiert. Das d\u00fcrfte einen Teil der Nonchalance erkl\u00e4ren, mit denen das international aufgestellte Schweizer Kapital (wie die ABB, Roche oder Novartis) auf die Z\u00f6lle reagiert: Dann verlagern sie eben weitere Teile der Produktion dorthin. Schon heute arbeiten f\u00fcr Firmen mit Sitz in der Schweiz mehr als 2.5 Millionen Menschen im Ausland, 340\u2019000 davon in den USA. Diese Verlagerungsm\u00f6glichkeit steht nicht allen offen. Weder den Arbeiter_innen der Grosskonzerne, deren Arbeitspl\u00e4tze ins Ausland verlegt werden sollen, noch den kleineren und mittleren Unternehmen aus dem gesamten Komplex der exportorientierten Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie. Um die 320\u2019000 Menschen arbeiten in diesen Industrien, das entspricht etwa 8 Prozent aller Besch\u00e4ftigten in der Schweiz. Gemeinsam rufen Gewerkschaftsbund und Swissmem nach einer Kollektivierung der zu erwartenden Folgen indem die Kurzarbeit ausgeweitet werden soll, f\u00fcr die die Arbeitslosenversicherung aufkommt, damit Entlassungen aufgeschoben werden k\u00f6nnen. Gewerkschaftsspitzen und Industriebosse reichen sich die Hand, die Sozialpartnerschaft h\u00e4lt \u2013 noch. Diese uns\u00e4gliche historische Tradition braucht wohl noch einige Hiebe, um gen\u00fcgend ins Wanken zu kommen, damit imperialistische Verh\u00e4ltnisse und die damit verbundene Ausbeutung der Klasse fundamentaler in Frage gestellt werden.<br><br>Quelle: <a href=\"https:\/\/www.aufbau.org\/2025\/08\/31\/hochmut-und-fall\/\">https:\/\/www.aufbau.org\/2025\/08\/31\/hochmut-und-fall\/<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach Milliardenmehrkosten f\u00fcr Kampfjets nun hohe Handelsz\u00f6lle im wichtigsten Exportmarkt: Im bilateralen Verh\u00e4ltnis bestimmt Washington DC, nicht Bern. Die Quittung kriegen Arbeiter_innen in den betroffenen Industrien, das Kapital plant derweil die Verlegung zus\u00e4tzlicher Produktion in die USA. 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