{"id":4443,"date":"2026-10-04T17:58:43","date_gmt":"2026-10-04T16:58:43","guid":{"rendered":"https:\/\/www.lagota.ch\/?p=4443"},"modified":"2026-10-04T17:58:43","modified_gmt":"2026-10-04T16:58:43","slug":"kein-ruhiges-hinterland","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.lagota.ch\/?p=4443","title":{"rendered":"Kein ruhiges Hinterland"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Quelle: <a href=\"https:\/\/www.woz.ch\/2640\/offene-antifaschistische-treffen\/kein-ruhiges-hinterland\/!6V90SSQ8ANG0\">https:\/\/www.woz.ch\/2640\/offene-antifaschistische-treffen\/kein-ruhiges-hinterland\/!6V90SSQ8ANG0<\/a><br><br>Das Z\u00fcrcher Oberland ist ein bisschen wie die Schweiz im Kleinen: Seen und H\u00fcgel, teilweise l\u00e4ndlich, teilweise urban, vielerorts zersiedelt, in weiten Teilen eine einzige grosse Agglomeration. Bloss Berge gibt es hier keine, wie man ausserhalb der Region vielleicht vermuten w\u00fcrde, daf\u00fcr einige \u00abSchlaforte\u00bb, in denen Leute wohnen, deren Leben sich in Z\u00fcrich oder Winterthur abspielt. Politisch ist die Region mit einigen Ausnahmen wie etwa der Stadt Uster eher konservativ, mancherorts klar rechts dominiert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auch der Rechtsextremismus hat hier eine gewisse Tradition. Waren es fr\u00fcher Fackelumz\u00fcge, Konzerte oder sonstige Treffen von Neonazis, die alle paar Jahre f\u00fcr Aufruhr sorgten, tauchten j\u00fcngst Sticker der Jungen Tat und rechtsextreme Sprayereien auf. Seit rund zwei Jahren gibt es im Z\u00fcrcher Oberland allerdings auch einen antifaschistischen Gegenpol.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Raum schaffen<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es ist Sonntagnachmittag. An einem schattigen Pl\u00e4tzchen hinter dem Bahnhof Uster haben sich rund zwanzig Personen versammelt. Sie sind jung, zwischen 17 und 25&nbsp;Jahre alt, mit Ausnahme eines Mannes, der sich sp\u00e4ter als Grossvater eines Teilnehmers vorstellt. Nach einer Vorstellungsrunde erkl\u00e4rt Momo, der seinen richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen m\u00f6chte, den heutigen Plan: ein Spaziergang mit Inputs zu historischen Aufst\u00e4nden in der Region. Die Gruppe setzt sich plaudernd in Bewegung, viele kennen sich schon, einige sind zum ersten Mal dabei.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zwar ist das Format an diesem Tag ein besonderes, der Termin ist es aber nicht: Jeden letzten Sonntag im Monat gibt es im Z\u00fcrcher Oberland ein \u00aboffenes antifaschistisches Treffen\u00bb, kurz OAT. Wo genau man sich trifft, erfahren Interessierte auf Anfrage per Mail oder in den sozialen Medien. Trotz aller Offenheit, ein bisschen Vorsicht m\u00fcsse sein, meint Momo: \u00abWir werden ab und zu von offensichtlichen Fake-Profilen angeschrieben, daher haben uns wohl schon einige Rechtsradikale auf dem Schirm.\u00bb<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Momo hat das OAT mitgegr\u00fcndet, wie er, durch Uster spazierend, erz\u00e4hlt, einfach, weil es hier so etwas noch nicht gab. \u00abWir wollten einen Raum schaffen, in dem man sich austauschen kann\u00bb, sagt der 22-J\u00e4hrige. Eigentlich w\u00e4re man als junge linke Person auf dem Land gar nicht allein, so Momo, doch \u00abauch wenn es in vielen D\u00f6rfern Menschen gibt, die gerne etwas aktiver w\u00e4ren, ist es schwierig, sich zu finden\u00bb. Momo ist in Illnau-Effretikon aufgewachsen, einer Gemeinde mit 18\u2009000&nbsp;Einwohner:innen. Andere, die an die Treffen kommen, stammen aus kleineren, abgelegeneren D\u00f6rfern.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das OAT Z\u00fcrcher Oberland ist nicht das einzige seiner Art: In St\u00e4dten wie Bern, Basel und Luzern, aber auch in Liestal, Solothurn oder im Aargau entstanden in den letzten Jahren ebensolche offene Treffen. Die Idee ist \u00fcberall dieselbe: Antifaschist:innen und Interessierte sollen m\u00f6glichst niederschwellig Gleichgesinnte kennenlernen und herausfinden k\u00f6nnen, ob und wie sie sich politisch engagieren m\u00f6chten. Daneben gibt es meist einen Input zu einem politischen Thema, beispielsweise zu Gewerkschaftsarbeit oder zum Widerstand gegen KI-Datenzentren, wie ihn im Oberland k\u00fcrzlich Aktivist:innen der Gruppe \u00abAufst\u00e4nde der Allmende\u00bb vorstellten.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image is-resized\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.woz.ch\/files\/styles\/480w\/public\/text\/2026\/2640_03_WOZ-OAT-USTER_tk.jpg?itok=_PnINvWR\" alt=\"eine Hand \u00fcberklebt einen Schweizer-Wappen-Kleber an einem Masten\" style=\"aspect-ratio:0.6666666666666666;width:480px;height:auto\"\/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Etwas vorsichtiger als in der Stadt \u2013 aber pr\u00e4sent ist der Antifaschismus auch im Oberland.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Maschinen st\u00fcrmen<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Widerstand gegen die M\u00e4chtigen&nbsp;\u2013 den gab es in der Region auch fr\u00fcher schon. Nach einem viertelst\u00fcndigen Fussmarsch ist das erste Ziel erreicht: Gleich neben dem Friedhof, auf dem Zimikerh\u00fcgel, liegt der Ustertag-Gedenkstein. Momo erz\u00e4hlt, wie sich hier am 22.&nbsp;November&nbsp;1830 10\u2009000&nbsp;M\u00e4nner versammelten. Sie forderten eine neue Verfassung, die das Land der Stadt gleichstellen sollte. Kurz darauf fanden tats\u00e4chlich Neuwahlen statt, bei denen die Landschaft zus\u00e4tzliche Sitze im Grossen Rat erhielt. Die militantere Fortsetzung der Geschichte sollte schliesslich als einziger erfolgreicher Maschinensturm des Landes bekannt werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Davon erz\u00e4hlt Celeste, wie Momo Mitorganisator:in des OAT und lieber nicht mit richtigem Namen in der Zeitung, bei der n\u00e4chsten Station. Ein knapp vierzigmin\u00fctiger Spaziergang durch die Wohnquartiere f\u00fchrt auf ein altes Fabrikareal am Ostende der Stadt, das am Ustermer Aabach liegt. Vor den Geb\u00e4uden, in denen bis Mitte der Neunziger Textilien produziert wurden, bleibt Celeste stehen und erz\u00e4hlt vom \u00abUsterbrand\u00bb, der sich hier zutrug.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zwei Jahre nach dem Ustertag wollten die Obrigkeiten dieses Tages mit einer Feier gedenken. Doch vielen Oberl\u00e4nder:innen war nicht zum Feiern zumute: Sie hatten soeben eine Hungersnot \u00fcberstanden und versuchten, sich mit Heimarbeit \u00fcber Wasser zu halten. Und genau diese Arbeit wurde nun zunehmend durch Maschinen verrichtet. Viele Heimarbeiter:innen hatten deshalb am Ustertag auch ein Verbot von Webmaschinen gefordert&nbsp;\u2013 erfolglos. Statt zu feiern, zogen darum am 22.&nbsp;November&nbsp;1832 mehrere Hundert Personen zur Spinnerei und Weberei Corrodi&nbsp;&amp; Pfister und brannten deren Webmaschinen und die Fabrik bis auf die Grundmauern nieder.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Anschlussf\u00e4hig bleiben<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Etwa eine Viertelstunde lang, bloss ab und an unterbrochen vom L\u00e4rm einer vorbeibrausenden S-Bahn, erz\u00e4hlt Celeste, was sich an diesem Ort ereignete. \u00abIch bin kein:e Historiker:in\u00bb, sagt they* sp\u00e4ter, wieder unterwegs in Richtung Bahnhof, \u00ababer mich haben die Maschinenst\u00fcrme in England sehr interessiert.\u00bb Als Celeste erfahren habe, dass sich in der Region \u00c4hnliches zugetragen habe, habe they alles dar\u00fcber herausfinden wollen. \u00abZuvor war das Z\u00fcrcher Oberland f\u00fcr mich lange vor allem der Ort, von dem ich weg war.\u00bb<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die 24-j\u00e4hrige Person ist in Pf\u00e4ffikon aufgewachsen, lebte dann in betreuten Wohnformen unter anderem in Winterthur und Z\u00fcrich und heute wieder in einem Dorf im Oberland. Celeste wohnt aufgrund der Lebenssituation hier, daher nur \u00abhalb freiwillig\u00bb. \u00abAls queere Person wird man hier schon h\u00e4ufiger angefeindet\u00bb, so die junge Person im blassrosa Shirt, auf dessen R\u00fcckseite \u00abEin Box auf Nazis\u00bb steht. Beim OAT engagiert sich Celeste, um in der Region mehr Leute kennenzulernen, aber auch, weil Z\u00fcrich relativ weit weg ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Celeste war auch schon an antifaschistischen Treffen in Z\u00fcrich, bei denen das Prinzip zwar das gleiche sei, aber sehr viel mehr Leute k\u00e4men. Auch Momo war wenige Male an OATs in Z\u00fcrich und Winterthur, bevor er mit anderen aus der Region beschloss, selber Treffen zu organisieren. Schon beim ersten Mal seien viele Personen gekommen, von denen er l\u00e4ngst nicht alle kannte. Im Oberland zu bleiben, so Momo, sei auch ein Akt der \u00dcberzeugung, weil es ihm \u00abgegen den Strich geht, dass alle Queers und Linken wegziehen\u00bb. Doch auch pragmatische Gr\u00fcnde spielten eine Rolle, so sei das Wohnen hier etwas weniger teuer als in Z\u00fcrich.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wer sich auf dem Land antifaschistisch engagieren wolle, m\u00fcsse etwas vorsichtiger auftreten, glaubt Momo. \u00abWir versuchen, anschlussf\u00e4hig zu bleiben.\u00bb Ziel sei es, nicht selbst der st\u00f6rende Faktor in der Dorfgemeinschaft zu sein, sondern klarzumachen, \u00abdass das die Faschos sind\u00bb. Man erf\u00fclle f\u00fcr viele insbesondere die Funktion einer Anlaufstelle und helfe bei der Vernetzung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Trotzdem ist man auch im \u00f6ffentlichen Raum pr\u00e4sent, etwa wenn hier und da mal ein politisches Banner gehisst wird oder nat\u00fcrlich mit den politischen Stickern, die an diesem Nachmittag grossz\u00fcgig verteilt werden. Einige landen auch an Strassenlaternen in Bubikon, wo Momo zwischen Bahnhof und Ritterhaus erz\u00e4hlt, wie Bauern 1525 Letzteres st\u00fcrmten. Dann geht es zur\u00fcck zum Bahnhof und f\u00fcr die einen zum Ausklang nach Wetzikon, f\u00fcr die anderen nach Hause. In einem Monat, so viel ist sicher, werden sich einige von ihnen wieder irgendwo im Z\u00fcrcher Oberland treffen.&nbsp;\u25cf<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Quelle: https:\/\/www.woz.ch\/2640\/offene-antifaschistische-treffen\/kein-ruhiges-hinterland\/!6V90SSQ8ANG0 Das Z\u00fcrcher Oberland ist ein bisschen wie die Schweiz im Kleinen: Seen und H\u00fcgel, teilweise l\u00e4ndlich, teilweise urban, vielerorts zersiedelt, in weiten Teilen eine einzige grosse Agglomeration. 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