{"id":520,"date":"2011-02-28T20:09:51","date_gmt":"2011-02-28T18:09:51","guid":{"rendered":"http:\/\/www.lagota.ch\/?p=520"},"modified":"2011-02-28T20:10:47","modified_gmt":"2011-02-28T18:10:47","slug":"ben-ali-ist-abgehauen-seine-koter-aber","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.lagota.ch\/?p=520","title":{"rendered":"Ben Ali ist abgehauen, seine K\u00f6ter aber&#8230;"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/www.lagota.ch\/wp-content\/uploads\/tunesien.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-medium wp-image-521\" title=\"tunesien\" src=\"https:\/\/www.lagota.ch\/wp-content\/uploads\/tunesien-300x200.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"200\" srcset=\"https:\/\/www.lagota.ch\/wp-content\/uploads\/tunesien-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.lagota.ch\/wp-content\/uploads\/tunesien.jpg 640w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a>Der Kampf um den R\u00fccktritt des tunesischen Interimspremiers Ghannouchi &#8211; Augenzeugenbericht von drei Italienischen Aktivisten.<\/p>\n<p>&#8220;Eine Revolution ohne Anf\u00fchrer und ohne Waffen machen ist keine leichte Sache, das muss erfunden werden, die Tunesier und Tunesierinnen sind aber stolz darauf, dem Drama dieser Tage zum Trotz. Das Fehlen einer Mitte offenbart sich in einem vermeintlichen Chaos, das sich tats\u00e4chlich aber gerade durch die Vielfalt der Lebensformen ein weiteres Mal als kollektive Kraft und Intelligenz erweist&#8221;.<\/p>\n<p>Ben Ali ist abgehauen, seine K\u00f6ter sind aber noch da&#8230;<\/p>\n<p>Nach dem Pr\u00e4sident Ben Ali am 14. Januar durch den Druck des Volkszorns geschasst wurde, ist Tunesien wieder in Bewegung, der politische und soziale Transformationsprozess ist auf die gesamte arabische Welt und dar\u00fcber hinaus \u00fcber gesprungen findet weiter bei hoher Intensit\u00e4t statt: zur gleichen Zeit gibt es Revolten in \u00c4gypten, Algerien, Marokko, Bahrain, Iran, Libyen, Libanon. Auf der anderen Seite des Meeres wird Griechenland weiter durch ein unstillbares anti-regierungsfieber ersch\u00fcttert. In Libyen schlie\u00dflich, ist der im Gang befindliche B\u00fcrgerkrieg gleichzeitig eine politische Revolution gegen eine korrupte und blutr\u00fcnstige Diktatur.<\/p>\n<p>Von hier aus begann, was wider besseres Wissen die &#8220;Jasminrevolution&#8221; genannt wurde, die in Wahrheit eine Absetzungsbewegung ist, die darum k\u00e4mpft, zu einer politischen Revolution gegen die Versuchungen einer unm\u00f6glichen R\u00fcckkehr zur Normalit\u00e4t zu werden. Seit dem 25. Februar haben sich die Stra\u00dfen erneut gef\u00fcllt und den R\u00fccktritt des Ministers Ben Alis Ghannouchi, einem altgedienten Mann des Regimes, Banner der Reaktion und der Ordnungspartei gefordert. Seit Sonntag, dem 20. Januar ist die Kasbah der Medina, das historische und politische Zentrum von Tunis erneut besetzt. Das Gleiche findet in den anderen St\u00e4dten Tunesiens statt, wo die Medinen &#8211; zentrale Orte der St\u00e4dte &#8211; insgesamt durch Tausende Menschen belebt werden, die behaupten, dass sie &#8220;gewillt seinen, bis zum Tod zu bleiben, wenn nicht alle Mitglieder des alten Regimes zur\u00fccktreten und Tunesien frei sein wird&#8221;. &#8220;Keinen Schritt zur\u00fcck&#8221; ist das, was diese neue Demonstrationsform des tunesischen Volkes kraftvoll behauptet. Der Tahir-Platz ist zur Methode geworden, \u00e4hnlich dem lateinamerikanischen &#8220;Planton&#8221;. \u00dcberall finden Proteste statt und die Konfliktmomente mit der verhassten Regimepolizei nehmen Tag f\u00fcr Tag zu.<\/p>\n<p>Am 25. Januar hatte eine Demonstration mindestens 200000 Menschen auf die Stra\u00dfe gebracht &#8211; f\u00fcr ein kleines Land wie Tunesien, eine gigantische Zahl. Insgesamt ist im ganzen Land eine Million Menschen af die Stra\u00dfe gegangen. Auf der Stra\u00dfe rufen viele &#8220;Degage!&#8221; (&#8220;Geh!&#8221;, d.\u00dc.) und sie begleiten den Ruf mit einer aussagekr\u00e4ftigen Bewegung des Armes- Eine neue Deklination des &#8220;Que se vayan todos&#8221; das wir w\u00e4hrend der ersten tiefen Krise des neoliberalen Modells kennen gelernt haben. Wenn es alle zusammen rufen, wirkt es so, als w\u00fcrde eine Welle \u00fcber den Platz rollen, die erhobenen Arme bewegen sich hin und her und verspr\u00fchen Wut und Freude. Der Gedankengang ist einfach, er impliziert aber gleichzeitig die Bewusstwerdung der Schwierigkeit und der Radikalit\u00e4t eines revolution\u00e4ren Wandels: die Macht muss an die Basis zur\u00fcck, an das Volk. In einem Land, in dem 40% der Bev\u00f6lkerung von einem Dollar am Tag lebt ist es kein Zufall, dass es die J\u00fcngeren sind, die am lautesten schreien. Sie haben nicht viel zu verlieren, aber viel zu gewinnen.<\/p>\n<p>Zuerst hat das Volk den Platz der Kasbah durch kleine Menschenstr\u00f6me gef\u00fcllt, die ihn zu Fu\u00df aus den Gassen und den Alleen der Ringstra\u00dfe ansteuerten, dann sind Tausende wieder zur\u00fcck, sie sind aus der von den Rebellen in eine Festung umgewandelten Altstadt raus und daraufhin zum Palast des Innenministeriums gezogen, einem gro\u00dfen, grauen Geb\u00e4ude, Sitz der Folterer Ben Alis. Mindestens 5000 Leute haben die Gitterabsperrungen und den Stacheldraht der Armee entfernt, und den Palast friedlich blockiert. Es gab junge M\u00e4nner und Frauen, die auf dem Boden sa\u00dfen und sangen. Andere standen auf Fenstersimsen, weitere noch waren auf Milit\u00e4rfahrzeuge geklettert. Alle forderten mit Nachdruck den sofortigen R\u00fccktritt Ghannouchis. Pl\u00f6tzlich w\u00fcrden die ersten Maschinengewehrsalven in die Luft geschossen, als Antwort gab es Steine, Wut, und dann ein Hagel aus Steinen und Tr\u00e4nengaspatronen, auf den erste Sch\u00fcsse in die Menge um weh zu tun folgten. Am Abend gab es schon Verletzte auf der Stra\u00dfe und brennende Barrikaden um die zentral gelegene Avenue Bourghiba.<\/p>\n<p>Erst am sp\u00e4ten Abend erreicht uns eine genauere Verletztenbilanz: drei durch Feuerwaffe, 30, die durch Antirioteinheiten verletzt wurden und ein Toter, einem 17-j\u00e4hrigen Jugendlichen Namens Mohammed Hanchi, den ein Gewehrschuss am Hals traf. Der L\u00e4rm der Sch\u00fcsse ist so laut, wie das Schweigen der offiziellen tunesischen Medien Ohrenbet\u00e4ubend ist. Die italienischen tappen ihrerseits auf eine Art im Dunklen, die den Beigeschmack b\u00f6sen Willens hat.<\/p>\n<p>Am Abend trifft eine Erkl\u00e4rung des Interimspr\u00e4sidenten Ghannouchi ein, der im Juli vorgesehene Wahlen verk\u00fcndet, aber nicht den zentralen Knoten der Proteste l\u00f6st, n\u00e4mlich das Bed\u00fcrfnis, die mit der Diktatur verbundenen f\u00fchrenden Klasse auf Null zu setzen.<\/p>\n<p>Samstag, der 26. ist ein Tag des Zorns, die Nachricht vom durch einen Schuss in den Hals get\u00f6teten Jugendlichen durchdringt die Kasbah, die andere Nachricht ist, dass sich die Leiche in der Hand der Milit\u00e4rs befindet, so dass das Warten der Angeh\u00f6rigen zum Warten Aller wird. Unverz\u00fcglich fordern hunderte Jugendliche aus den schmalen Gassen des Suk heraus das Recht ein, ihre Wut und ihre Emp\u00f6rung kund zu tun. Die Kids verlassen die Medina und es geht sofort mit Tr\u00e4nengasw\u00fcrfen los, sobald sie sich auf der Alle der Kolonialstadt blicken lassen. Der Riot weitet sich auf die gesamte Umgebung aus, das Gas dringt bis in die Altstadt, ein Steineregen f\u00e4llt auf die Polizei herab, der es nicht gelingt, die Demonstranten zur\u00fcck zu dr\u00e4ngen.<\/p>\n<p>Am fr\u00fchen Nachmittag geleitet eine Demonstration mit mehr als 5000 Leuten die Leiche Mohammeds zum Friedhof. Am Fu\u00dfe der Kasbah w\u00e4chst die Zahl der Polizisten weiter. Ein Polizeirevier wird in Brand gesteckt, es scheint so, als sei die gesamte Plebs der Casbah auf der Stra\u00dfe.<\/p>\n<p>Von da an beginnt die Guerilla&#8230;<\/p>\n<p>An Maschinenpistolensalven, Cs-Gas, Schockgranaten gegen Kids, die mit Steinen bewaffnet sind, wird nicht gespart. Zwischen der Rue Palestine und der Rue de Paris werden Barrikaden aus jedem verf\u00fcgbaren Material organisiert, die Gewalt der Polizei aber ist nicht darauf ausgerichtet, ein Ende zu haben, alles, was am Fu\u00dfe der Kasbah geschieht wird von den Demonstranten selbst dokumentiert und bei einem verzweifelten Lauf durch die Gassen der Medina sofort zum Kommunikationszentrum gebracht, das im besetzten Teil der Stadt liegt. Die Interaktion zwischen Realem und Virtuellem in jenem Zelt ist transparent. Die Stimmen der Stra\u00dfe landen durch Fatima, einer jungen, Kopftuch tragenden Arbeiterin mit unersch\u00fctterlicher Energie im Netz. Sie nehmen ihren Weg zum Rest der Welt aus dem Munde Omars auf, ein dunkles Mondgesicht und Doktorarbeit \u00fcber Edward Said. Auf dieser Ebene manifestiert sich die kollektive Intelligenz als ein Lebensnerv dieser Im Gang befindlichen Revolution. ( http:\/\/www.facebook.com\/setting.kassaba)<\/p>\n<p>Stundenlang werden Ketten und Barrikaden organisiert, um den zentralen Platz zu verteidigen, auf dem die Zelte und die B\u00fchne des Protests stehen.<\/p>\n<p>Die ersten best\u00e4tigten Informationen sprechen von einer Bilanz von drei Toten, w\u00e4hrend nicht best\u00e4tigte Ger\u00fcchte von 15 Toten sprechen. Die Tatsachen fasst die Aussage eines Mannes unter den Platzbelagerern, der lakonisch erkl\u00e4rt: &#8220;Ben Ali ist abgehauen, seine K\u00f6ter sind noch da&#8221;. http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=B6UoCXNkD6E&amp;feature=player_embedded http:\/\/www.facebook.com\/setting.kassaba<\/p>\n<p>Samstag Nacht legt sich nach der Gewalt des Tages eine Ruhe, wie bei einer Sperrstunde, Milit\u00e4rfahrzeuge besetzen die Stra\u00dfen. In der Zwischenzeit erreichen uns Nachrichten aus den Provinzen, die ein kompliziertes Mosaikwerk von Revolten erzeugen, die in Sfax, Sousse, Kasserine, Gafsa usw. im Gange sind.<\/p>\n<p>Eine Revolution ohne Anf\u00fchrer und ohne Waffen machen ist keine leichte Sache, das muss erfunden werden, die Tunesier und Tunesierinnen sind aber stolz darauf, dem Drama dieser Tage zum Trotz. Das Fehlen einer Mitte offenbart sich in einem vermeintlichen Chaos, das sich tats\u00e4chlich aber gerade durch die Vielfalt der Lebensformen ein weiteres Mal als kollektive Kraft und Intelligenz erweist.<\/p>\n<p>Von der Platzbesetzung und dem Basispunkt der Gewerkschaft UGTT aus startet ein Aufruf an die Generaldirektion des Transportwesens, die kostenlose Nutzung der \u00f6ffentlichen Verkehrsmittel zu gestatten, damit m\u00f6glichst viele eine Chance bekommen, Tunis zu erreichen.<\/p>\n<p>Seit heute haben die tunesischen Medien den Generalstreik ausgerufen, niemand hatte es gemerkt, dass sie statt dessen f\u00fcr Tunesien arbeiteten&#8230; Wer wei\u00df, ob sie nicht die Freiheit erringen, von dem, was ihr Volk gerade tut zu berichten.<\/p>\n<p>Aus Tunis, 27. Februar 2011<\/p>\n<p>Quelle: <a href=\"http:\/\/de.indymedia.org\/2011\/02\/301445.shtml\" target=\"_blank\">http:\/\/de.indymedia.org\/2011\/02\/301445.shtml<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Kampf um den R\u00fccktritt des tunesischen Interimspremiers Ghannouchi &#8211; Augenzeugenbericht von drei Italienischen Aktivisten. <\/p>\n<p>&#8220;Eine Revolution ohne Anf\u00fchrer und ohne Waffen machen ist keine leichte Sache, das muss erfunden werden, die Tunesier und Tunesierinnen sind aber stolz darauf, dem Drama dieser Tage zum Trotz. 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