{"id":569,"date":"2011-03-24T09:24:24","date_gmt":"2011-03-24T07:24:24","guid":{"rendered":"http:\/\/www.lagota.ch\/?p=569"},"modified":"2011-03-24T09:24:24","modified_gmt":"2011-03-24T07:24:24","slug":"libyen-volksaufstand-burgerkrieg-oder-militarische-aggression","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.lagota.ch\/?p=569","title":{"rendered":"Libyen: Volksaufstand, B\u00fcrgerkrieg oder milit\u00e4rische Aggression?"},"content":{"rendered":"<p>Quelle: <a href=\"http:\/\/ch.indymedia.org\/de\/2011\/03\/80660.shtml\" target=\"_blank\">http:\/\/ch.indymedia.org\/de\/2011\/03\/80660.shtml<\/a><br \/>\nvon Mohamed Hassan*<\/p>\n<p>Seit drei Wochen stehen sich dem Colonel Gaddafi ergebene Truppen und aus dem Osten des Landes stammende Oppositionskr\u00e4fte gegen\u00fcber. Wird Gaddafi \u2013 nach Ben Ali und Mubarak \u2013 der n\u00e4chste Diktator sein, der f\u00e4llt? Ist das, was sich in Libyen abspielt, mit den Volksaufst\u00e4nden in Tunesien und \u00c4gypten vergleichbar? Wie sind die Eskapaden und Verwandlungen des Colonel zu verstehen? Warum bereitet die NATO den Krieg vor? Wie l\u00e4sst sich der Unterschied zwischen einem guten und einem schlechten Araber verstehen?<\/p>\n<p>In diesem neuen Kapitel unserer Serie \u201eDie islamische Welt verstehen\u201c antwortet Mohamed Hassan auf diese Forschung und Handeln betreffenden Fragen.<\/p>\n<p>(Interview: Gr\u00e9goire Lalieu &amp; Michel Collon)<\/p>\n<p><em>Hat die arabische Revolution nach Tunesien und \u00c4gypten jetzt auf Libyen \u00fcbergegriffen?<\/em><\/p>\n<p>Was sich derzeit in Libyen abspielt, ist andersartig. In Tunesien und \u00c4gypten war der Mangel an Freiheiten augenscheinlich. Aber es sind die beklagenswerten sozialen Verh\u00e4ltnisse, die die Jungen tats\u00e4chlich zum Aufstand getrieben haben. Tunesier und \u00c4gypter hatten keine Zukunftsaussichten.<\/p>\n<p>Das Regime Muammar Gaddafis ist korrupt, nimmt einen gro\u00dfen Teil der Reicht\u00fcmer in Beschlag und hat immer unnachsichtig jeden Protest unterdr\u00fcckt. Aber die sozialen Bedingungen der Libyer sind besser als die in den Nachbarl\u00e4ndern. Die Lebenserwartung in Libyen ist h\u00f6her als im Rest Afrikas. Gesundheits- und Erziehungssystem sind ganz ordentlich. Libyen ist \u00fcbrigens eines der ersten afrikanischen L\u00e4nder, das die Malaria ausgerottet hat. Auch wenn es starke Ungleichheiten in der Verteilung des Reichtums gibt, bel\u00e4uft sich das Bruttoinlandsprodukt pro Einwohner auf 11 000 Dollar &#8211; eines der h\u00f6chsten in der arabischen Welt. In Libyen findet man also nicht die gleichen objektiven Bedingungen vor, wie sie zu den Volksaufst\u00e4nden in Tunesien und \u00c4gypten gef\u00fchrt haben.<\/p>\n<p><em>Wie erkl\u00e4ren Sie dann das, was sich gerade in Libyen abspielt?<\/em><\/p>\n<p>Um die derzeitigen Ereignisse gut zu verstehen, m\u00fcssen wir sie in ihrem geschichtlichen Zusammenhang betrachten. Libyen war fr\u00fcher eine ottomanische Provinz. 1830 bem\u00e4chtigte sich Frankreich Algeriens. Au\u00dferdem betrieb der unter der Oberherrschaft des ottomanischen Reichs stehende \u00e4gyptische Gouverneur Mohamed Ali eine zunehmend unabh\u00e4ngige Politik. Mit den Franzosen in Algerien auf der einen Seite und Mohamed Ali in \u00c4gypten auf der anderen f\u00fcrchteten die Ottomanen, die Kontrolle \u00fcber die Region zu verlieren: sie schickten ihre Truppen nach Libyen.<\/p>\n<p>Zu dieser Zeit \u00fcbte die Bruderschaft der Senoussis im Land einen sehr starken Einfluss aus. Sie war von Said Mohammed Ibn Ali as Senoussi gegr\u00fcndet worden, einem Algerier, der, nachdem er in seinem Land und in Marokko studiert hatte, seine Sichtweise des Islam in Tunesien und Libyen predigte.<\/p>\n<p>Zu Beginn des 19. Jahrhunderts begann Senoussi, zahlreiche Anh\u00e4nger zu gewinnen, aber er wurde von gewissen ottomanischen religi\u00f6sen Autorit\u00e4ten, die er in seinen Predigten kritisierte, nicht gut angesehen. Nach einer Reise nach \u00c4gypten und Mekka beschloss Senoussi, endg\u00fcltig in die Kyrenaika im Osten Libyens ins Exil zu gehen. (Die Kyrenaika ist eine der drei historischen libyschen Gro\u00dfprovinzen, Anm. d. \u00dcbers.).<\/p>\n<p>Seine Bruderschaft entwickelte sich dort und organisierte das Leben in dieser Region, indem sie dort Steuern erhob, Konflikte zwischen den St\u00e4mmen schlichtete usw.. Sie besa\u00df sogar ihre eigene Armee und bot Begleitdienste f\u00fcr die H\u00e4ndlerkarawanen an, die dort durchreisten. Letztendlich wurde die Senoussi-Bruderschaft zur faktischen Regierung der Kyrenaika, wobei sie ihren Einfluss sogar bis in den Norden des Tschad ausdehnte. Dann jedoch setzten sich die europ\u00e4ischen Kolonialm\u00e4chte in Afrika fest, wobei sie die Subsahararegion des Kontinents aufteilten. Das hatte negative Auswirkungen f\u00fcr die Senoussis. Zus\u00e4tzlich ersch\u00fctterte die Invasion Libyens durch Italien ernsthaft die Vorherrschaft der Bruderschaft in der Region.<\/p>\n<p><em>2008 zahlte Italien an Libyen Entsch\u00e4digungen f\u00fcr die Kolonialverbrechen. War die Kolonialisierung denn so schlimm? Oder wollte Berlusconi sich blo\u00df beliebt machen, um Handelsabkommen mit Gaddafi abzuschlie\u00dfen?<\/em><\/p>\n<p>Die Kolonialisierung Libyens war f\u00fcrchterlich. Zu Beginn des Zwanzigsten Jahrhunderts begann eine faschistische Gruppe, eine Propaganda zu verbreiten, welche vorgab, dass Italien &#8211; das durch die \u00e4thiopische Armee in der Schlacht von Adua 1896 besiegt worden war \u2013 die Vorherrschaft des wei\u00dfen Mannes auf dem schwarzen Kontinent wiederherstellen m\u00fcsse. Man m\u00fcsse die gro\u00dfe zivilisierte Nation von dem Angriff reinwaschen, der ihr von den Barbaren zugef\u00fcgt worden war. Diese Propaganda behauptete, Libyen sei ein wildes, von einigen r\u00fcckst\u00e4ndigen Nomaden bewohntes Land, und es sei den Italienern angemessen, sich in dieser angenehmen Region mit ihrer Postkartenlandschaft niederzulassen.<\/p>\n<p>Die Invasion in Libyen f\u00fchrte zum italienisch-t\u00fcrkischen Krieg von 1911, einem besonders blutigen Konflikt, der mit dem Sieg Italiens ein Jahr sp\u00e4ter endete. Allerdings kontrollierte die europ\u00e4ische Macht nur die Region Tripolitanien (die zweite der drei historischen Gro\u00dfprovinzen, im Nordwesten Libyens; Anm. d. \u00dcbers.) und musste sich mit einem hartn\u00e4ckigen Widerstand im Rest des Landes, speziell der Kyrenaika, auseinandersetzen. Der Clan der Senoussis unterst\u00fctzte dort Omar al Mokthar, der einen bemerkenswerten Guerillakampf in den Bergen leitete. Er f\u00fcgte der italienischen Armee ernsthafte Sch\u00e4den zu, obwohl sie besser ausger\u00fcstet und zahlenm\u00e4\u00dfig \u00fcberlegen war.<\/p>\n<p>Zu Beginn der drei\u00dfiger Jahre ergriff Mussolinis Italien schlie\u00dflich radikale Ma\u00dfnahmen, um den Widerstand zu beseitigen. Die Unterdr\u00fcckung wurde extrem gewaltt\u00e4tig und einer ihrer haupts\u00e4chlichen Metzger, der General Rodolfo Graziani, schrieb: \u201eDie italienischen Soldaten waren \u00fcberzeugt, dass sie in einer edlen und und zivilisatorischen Mission unterwegs waren.(&#8230;) Sie waren es sich schuldig, diese menschliche Pflicht zu erf\u00fcllen, koste es was es wolle.(&#8230;) Wenn die Libyer sich nicht vom Wohlbegr\u00fcndetsein dessen, was ihnen vorgeschlagen wurde, \u00fcberzeugen lie\u00dfen, w\u00fcrden die Italiener einen dauerhaften Kampf gegen sie f\u00fchren und das ganze libysche Volk zerst\u00f6ren m\u00fcssen, um zum Frieden zu gelangen, zur Friedhofsruhe&#8230;\u201c<\/p>\n<p>2008 zahlte Silvio Berlusconi Entsch\u00e4digungen f\u00fcr die Kolonialverbrechen an Libyen. Das geschah nat\u00fcrlich aus Eigeninteresse: Berlusconi wollte sich bei Gaddafi lieb Kind machen, um Wirtschaftspartnerschaften abzuschlie\u00dfen. Dessen ungeachtet kann man sagen, dass das libysche Volk schrecklich unter dem Kolonialismus gelitten hat. Es w\u00e4re nicht \u00fcbertrieben, hier von V\u00f6lkermord zu sprechen.<\/p>\n<p><em>Wie errang Libyen seine Unabh\u00e4ngigkeit?<br \/>\n<\/em><br \/>\nW\u00e4hrend die italienischen Kolonisten den Widerstand in der Kyrenaika unterdr\u00fcckten, ging der Chef der Senoussis, Idriss, nach \u00c4gypten ins Exil, um mit den Engl\u00e4ndern zu verhandeln. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das europ\u00e4ische Kolonialreich zunehmend zerschlagen, und Libyen wurde 1951 unabh\u00e4ngig. Idriss \u00fcbernahm &#8211; unterst\u00fctzt von Gro\u00dfbritannien &#8211; die Macht. Ein Teil der libyschen Bourgeoisie &#8211; beeinflusst durch den arabischen Nationalismus, der sich in Kairo entwickelte &#8211; w\u00fcnschte jedoch, dass Libyen an \u00c4gypten angegliedert w\u00fcrde. Aber die imperialistischen M\u00e4chte wollten keine gro\u00dfe arabische Nation sich entwickeln sehen. Sie unterst\u00fctzten daher die Unabh\u00e4ngigkeit Libyens, indem sie ihre Marionette Idriss dort platzierten.<\/p>\n<p><em>Entsprach der K\u00f6nig Idriss ihren Erwartungen?<br \/>\n<\/em><br \/>\nVoll und ganz. Mit der Unabh\u00e4ngigkeit fanden sich die drei Regionen, aus denen Libyen gebildet wird &#8211; Tripolitanien, der Fessan und die Kyrenaika &#8211; in einem bundesstaatlichen System vereint. Man muss jedoch wissen, dass das libysche Territorium dreimal gr\u00f6\u00dfer als Frankreich ist. Infolge des Mangels an Infrastrukturen konnten die Grenzen dieses Territoriums erst nach der Erfindung des Flugzeugs klar bestimmt werden. Und 1951 z\u00e4hlte das Land nur eine Million Einwohner. Au\u00dferdem hatten die drei neu vereinten Regionen eine sehr unterschiedliche Kultur und Geschichte. Schlie\u00dflich fehlten dem Land auch Stra\u00dfen, die es den Regionen erlaubt h\u00e4tten, miteinander zu kommunizieren. Tats\u00e4chlich befand sich Libyen in einem sehr r\u00fcckst\u00e4ndigen Zustand, es war keine wirkliche Nation.<\/p>\n<p><em>K\u00f6nnen Sie dieses Konzept n\u00e4her erl\u00e4utern?<\/em><\/p>\n<p>Der Nationalstaat ist ein Konzept, das mit dem Erscheinen der Bourgeoisie und des Kapitalismus verkn\u00fcpft ist. In Europa wollte die kapitalistische Bourgeoisie w\u00e4hrend des Mittelalters ihren Handel in m\u00f6glichst gro\u00dfem Ma\u00dfstab entwickeln, wurde aber durch s\u00e4mtliche Zw\u00e4nge des Feudalsystems gebremst. Die Gebiete waren in zahlreiche kleine Einheiten zerst\u00fcckelt, was die H\u00e4ndler zwang, eine gro\u00dfe Anzahl von Abgaben zu entrichten, um eine Ware von einem Ort zum anderen zu liefern; die verschiedenen Privilegien, die man sich bei den Feudalherren verschaffen musste, sind dabei noch nicht einmal mitgez\u00e4hlt. Alle diese Hemmnisse wurden von den b\u00fcrgerlich-kapitalistischen Revolutionen abgeschafft, welche die Bildung von Nationalstaaten mit gro\u00dfen nationalen M\u00e4rkten ohne Hindernisse erlaubten.<\/p>\n<p>Aber die libysche Nation war gebildet worden, als sie sich noch in einem vorkapitalistischen Stadium befand. Ihr fehlten Infrastrukturen, ein gro\u00dfer Teil der Bev\u00f6lkerung bestand aus Nomaden, die unm\u00f6glich kontrolliert werden konnten, die Aufspaltungen innerhalb der Gesellschaft waren sehr stark, die Sklaverei wurde noch praktiziert&#8230; Au\u00dferdem hatte K\u00f6nig Idriss keinerlei Plan f\u00fcr die Entwicklung des Landes. Er war vollkommen von den Hilfen der USA und Gro\u00dfbritanniens abh\u00e4ngig.<\/p>\n<p><em>Warum unterst\u00fctzten ihn Gro\u00dfbritannien und die USA? Wegen des \u00d6ls?<\/em><\/p>\n<p>1951 war das libysche \u00d6l noch gar nicht entdeckt. Aber die Angelsachsen hatten Milit\u00e4rbasen in diesem Land, das eine strategische Position hinsichtlich der Kontrolle des Roten Meers und des Mittelmeers einnimmt.<\/p>\n<p>Erst 1954 entdeckte ein reicher Texaner, Nelson Bunker Hunt, das libysche \u00d6l. Zu dieser Zeit wurde das arabische \u00d6l f\u00fcr 90 Cent pro Barrel verkauft. Aber das libysche \u00d6l wurde f\u00fcr 30 Cent gekauft, so r\u00fcckst\u00e4ndig war das Land. Es war vielleicht das \u00e4rmlichste ganz Afrikas.<\/p>\n<p><em>Geld kam jetzt aber wegen des \u00d6ls herein. Wozu diente es?<\/em><\/p>\n<p>K\u00f6nig Idriss und sein Clan bereicherten sich pers\u00f6nlich. Ebenso verteilten sie einen Teil der \u00d6leink\u00fcnfte an die Chefs der anderen St\u00e4mme, um die Spannungen zu mildern. Dank des Petroleumhandels entwickelte sich eine kleine Elite, und einige Infrastrukturen wurden aufgebaut, vor allem an der Mittelmeerk\u00fcste, dem f\u00fcr den Au\u00dfenhandel interessantesten Teil. Aber die l\u00e4ndlichen Zonen im Landesinneren blieben \u00e4u\u00dferst arm, und Massen von Armen sammelten sich in den Elendsvierteln rund um die St\u00e4dte. Das ging so bis 1969, als drei Offiziere den K\u00f6nig st\u00fcrzten. Unter ihnen befand sich Gaddafi.<\/p>\n<p><em>Wieso ging die Revolution von Armeeoffizieren aus?<br \/>\n<\/em><br \/>\nIn einem tiefgreifend von Stammesaufteilungen gekennzeichneten Land war die Armee tats\u00e4chlich die einzige nationale Institution. Libyen als solches existierte nur mittels dieser Armee. Daneben besa\u00dfen die Senoussis des K\u00f6nigs Idriss ihre eigene Miliz. Aber in der nationalen Armee konnten sich die aus verschiedenen Regionen und St\u00e4mmen kommenden Jugendlichen zusammenfinden.<\/p>\n<p>Gaddafis Entwicklung fand zun\u00e4chst innerhalb einer nasseristischen Gruppe statt, aber als er begriff, dass diese Formation nicht in der Lage sein w\u00fcrde, die Monarchie zu st\u00fcrzen, engagierte er sich in der Armee. Die drei Offiziere, die K\u00f6nig Idriss absetzten, waren sehr durch Nasser beeinflusst. Gamal Abdel Nasser selbst war ein Offizier der \u00e4gyptischen Armee, die K\u00f6nig Faruk st\u00fcrzte. Vom Sozialismus inspiriert, stellte sich Nasser der Einmischung der neokolonialen M\u00e4chte entgegen und pries die Einheit der arabischen Welt. Er nationalisierte im \u00dcbrigen den Suezkanal, der bis dahin von Frankreich und Gro\u00dfbritannien betrieben wurde, wodurch er sich 1956 Wut und Bombardierungen seitens des Westens zuzog.<\/p>\n<p>Der revolution\u00e4re Panarabismus Nassers hatte eine bedeutende Auswirkung auf Libyen, besonders innerhalb der Armee und auf Gaddafi. Die libyschen Offiziere im Umkreis des Staatsstreichs von 1969 folgten den gleichen Vorstellungen wie Nasser.<\/p>\n<p><em>Welche Auswirkungen hatte die Revolution in Libyen?<\/em><\/p>\n<p>Gaddafi hatte zwei M\u00f6glichkeiten. Entweder das libysche \u00d6l in den H\u00e4nden der westlichen Gesellschaften belassen, wie es K\u00f6nig Idriss getan hatte. Libyen w\u00e4re dann wie die \u00d6l-Monarchien am Golf geworden, wo die Sklaverei noch praktiziert wird, wo die Frauen keinerlei Rechte haben und wo europ\u00e4ische Architekten die Sau damit rauslassen k\u00f6nnen, ausgeflippte T\u00fcrme mithilfe von Geldern in astronomischer H\u00f6he zu bauen, die in Wirklichkeit aus den Reicht\u00fcmern der arabischen V\u00f6lker stammen. Oder aber einen Weg gehen, der von den neokolonialen M\u00e4chten unabh\u00e4ngig war. Gaddafi hat diese zweite M\u00f6glichkeit gew\u00e4hlt, er hat das libysche \u00d6l nationalisiert, wodurch er die Wut der Imperialisten hervorrief.<\/p>\n<p>In den f\u00fcnfziger Jahren macht ein Witz im Wei\u00dfen Haus die Runde, im Inneren der Eisenhower-Administration, der sich dann unter Reagan zu einer regelrechten politischen Theorie entwickelte. Wie unterscheidet man die guten von den schlechten Arabern? Ein guter Araber macht das, was ihm die Vereinigten Staaten sagen. Als Gegenleistung bekommt er Flugzeuge, man erlaubt ihm, sein Geld in der Schweiz anzulegen, er wird nach Washington eingeladen usw.. Eisenhower und Reagan benannten die guten Araber: die K\u00f6nige von Saudiarabien und Jordanien, die Scheichs und Emire aus Kuweit und vom Golf, den Schah des Iran, den K\u00f6nig von Marokko und nat\u00fcrlich K\u00f6nig Idriss aus Libyen. Die schlechten Araber? Diejenigen, die Washington nicht gehorchten: Nasser, Gaddafi, sp\u00e4ter dann Saddam&#8230;<\/p>\n<p><em>Trotzdem, Gaddafi ist nicht sehr&#8230;<\/em><\/p>\n<p>Gaddafi ist kein schlechter Araber, weil er in die Menge schie\u00dfen l\u00e4sst. Man macht das Gleiche in Saudiarabien oder Bahrain, und die F\u00fchrer dieser L\u00e4nder erhalten alle Ehrungen des Westens. Gaddafi ist ein schlechter Araber, weil er das libysche \u00d6l nationalisiert hat, das die westlichen Gesellschaften &#8211; bis zur Revolution 1969 &#8211; als ihr Eigentum betrachteten. Indem er dies tat, brachte Gaddafi Libyen positive Ver\u00e4nderungen auf der Ebene von Infrastrukturen, Erziehung, Gesundheit, Lage der Frauen usw..<\/p>\n<p><em>Gut, Gaddafi st\u00fcrzt die Monarchie, nationalisiert das \u00d6l, stellt sich den imperialen M\u00e4chten entgegen und bringt Libyen positive Ver\u00e4nderungen. Trotzdem, nach vierzig Jahren ist er ein korrupter Diktator, der die Opposition unterdr\u00fcckt und erneut die Tore des Landes f\u00fcr die westlichen Gesellschaften \u00f6ffnet. Wie kann man diesen Wandel erkl\u00e4ren?<br \/>\n<\/em><br \/>\nVon Anfang an hat sich Gaddafi den gro\u00dfen Kolonialm\u00e4chten entgegengestellt und gro\u00dfz\u00fcgig diverse Befreiungsbewegungen in der Welt unterst\u00fctzt. Ich finde, dass er in dieser Hinsicht sehr gut war. Aber der Vollst\u00e4ndigkeit halber muss man auch klarstellen, dass der Colonel antikommunistisch war. 1971 zum Beispiel lie\u00df er ein Flugzeug, welches sudanesische kommunistische Dissidenten transportierte, Richtung Sudan umleiten, wo sie sofort von Pr\u00e4sident Numeiri exekutiert wurden.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich war Gaddafi niemals ein gro\u00dfer Vision\u00e4r. Seine Revolution war die eines b\u00fcrgerlichen Nationalisten, und er hat in Libyen einen Staatskapitalismus installiert. Um zu verstehen, wie sein Regime abgedriftet ist, m\u00fcssen wir den Kontext, welcher sich nicht zu seinen Gunsten auswirkte, untersuchen, aber auch die pers\u00f6nlichen Irrt\u00fcmer des Colonels.<br \/>\nWir haben zun\u00e4chst gesehen, wie der Colonel in Libyen aus dem Nichts hervorgegangen ist. Das Land war sehr r\u00fcckst\u00e4ndig. Es gab daher keine gebildeten Leute oder eine starke Arbeiterklasse, die die Revolution h\u00e4tten unterst\u00fctzen k\u00f6nnen. Die Mehrzahl der Menschen, die eine Ausbildung erfahren hatten, waren Teil der Elite, welche die libyschen Reicht\u00fcmer an die neokolonialen M\u00e4chte verramschte. Selbstverst\u00e4ndlich kamen diese Leute nicht der Revolution zu Hilfe, und die Mehrzahl von ihnen verlie\u00df das Land, um die Opposition im Ausland zu organisieren.<\/p>\n<p>Dar\u00fcber hinaus waren die libyschen Offiziere, die K\u00f6nig Idriss st\u00fcrzten, sehr von Nasser beeinflusst. \u00c4gypten und Libyen planten \u00fcbrigens, eine strategische Partnerschaft einzugehen. Aber der Tod Nassers 1970 lie\u00df das Vorhaben ins Wasser fallen, und \u00c4gypten wurde ein konterrevolution\u00e4res, auf den Westen ausgerichtetes Land. Der neue \u00e4gyptische Pr\u00e4sident, Anwar al-Sadat, n\u00e4herte sich den Vereinigten Staaten an, liberalisierte zunehmend die Wirtschaft und verb\u00fcndete sich mit Israel. 1977 brach sogar ein kurzer Konflikt aus. Stellen Sie sich die Lage vor, in der sich Gaddafi befand: das Land, das ihn inspiriert hatte, und mit dem er eine Allianz von gr\u00f6\u00dfter Wichtigkeit h\u00e4tte abschlie\u00dfen m\u00fcssen, wurde pl\u00f6tzlich sein Feind!<\/p>\n<p>Noch ein anderes Element wirkte sich in diesem Zusammenhang zu Ungunsten der libyschen Revolution aus: der erhebliche R\u00fcckgang des \u00d6lpreises in den achtziger Jahren. 1973 beschlossen die \u00d6lerzeugerl\u00e4nder &#8211; im Zusammenhang mit dem israelisch-arabischen Krieg &#8211; ein Embargo, durch das der Preis des Barrels blitzartig nach oben schoss. Dieses Embargo rief den ersten gro\u00dfen Reichtumstransfer vom Norden in den S\u00fcden hervor. Aber in den achtziger Jahren fand das statt, was man eine \u00d6l-Konterrevolution nennen k\u00f6nnte, welche von Reagan und den Saudis in Szene gesetzt wurde. Saudiarabien erh\u00f6hte seine \u00d6lproduktion betr\u00e4chtlich und \u00fcberflutete damit den Markt, was einen radikalen Preisverfall hervorrief. Der Preis des Barrels sank von 35 auf 8 Dollar.<\/p>\n<p><em>Hat sich Saudiarabien damit nicht selbst ins Bein geschossen?<br \/>\n<\/em><br \/>\nDas hatte in der Tat negative Auswirkungen auf die saudische Wirtschaft. Aber \u00d6l ist nicht das Wichtigste f\u00fcr Saudiarabien. Seine Beziehung zu den Vereinigten Staaten rangiert vor allem anderen, denn es ist die Hilfe aus Washington, die es dem saudischen Herrscherhaus erm\u00f6glicht, sich an der Macht zu halten.<\/p>\n<p>Der Erdrutsch der \u00d6lpreise hatte katastrophale Folgen f\u00fcr zahlreiche \u00f6lerzeugende L\u00e4nder, die sich daraufhin verschuldeten. Und das alles spielte sich nur zehn Jahre nach Gaddafis Machtergreifung ab. Der libysche F\u00fchrer, aus dem Nichts kommend, sah jetzt zus\u00e4tzlich die einzigen Mittel, die ihm zur Verf\u00fcgung standen, um etwas aufzubauen, mit dem \u00d6lpreisverfall wie Schnee in der Sonne schmelzen.<\/p>\n<p>Ber\u00fccksichtigen Sie zugleich, dass diese Konterrevolution den Fall der UdSSR beschleunigte, die damals in in Afghanistan verstrickt war. Mit dem Verschwinden des sowjetischen Blocks verlor Libyen seine haupts\u00e4chliche politische Unterst\u00fctzung und fand sich sehr isoliert auf der internationalen Szene vor. Die Isolierung war umso gr\u00f6\u00dfer, als die Reagan-Administration Libyen auf die Liste der Terrorstaaten gesetzt und ihm eine ganze Serie von Sanktionen auferlegt hatte.<\/p>\n<p><em>Und was ist mit den von Gaddafi begangenen Irrt\u00fcmern?<\/em><\/p>\n<p>Wie ich schon sagte, er war kein gro\u00dfer Vision\u00e4r. Die rund um sein Gr\u00fcnes Buch entwickelte Theorie ist eine Mischung aus Antiimperialismus, Islamismus, Nationalismus, Staatskapitalismus und noch anderen Dingen. Neben seinem Mangel an politischer Vision hat Gaddafi zun\u00e4chst einen schweren Fehler begangen, als er den Tschad in den 70er Jahren angriff. Der Tschad ist das f\u00fcnftgr\u00f6\u00dfte Land Afrikas und der Colonel hat damals, zweifellos in Anbetracht dessen, dass Libyen f\u00fcr seine gr\u00f6\u00dfenwahnsinnigen Ambitionen zu klein war, den Aozou-Streifen annektiert. Historisch gesehen ist es zutreffend, dass die Senoussi-Bruderschaft ihren Einfluss bis in diese Gegend aus\u00fcbte. Und 1935 wollte der franz\u00f6sische Au\u00dfenminister Pierre Laval Mussolini kaufen, indem er ihm den Aozou-Streifen anbot. Aber letztendlich n\u00e4herte Mussolini sich Hitler an, und das Abkommen blieb unbeachtet.<\/p>\n<p>Nichtsdestotrotz wollte Gaddafi dieses Gebiet annektieren und lieferte sich mit Paris einen Kampf um den Einfluss in dieser fr\u00fcheren franz\u00f6sischen Kolonie. Zum Schluss haben die Vereinigten Staaten, Frankreich, \u00c4gypten, der Sudan und andere reaktion\u00e4re Kr\u00e4fte der Region die Armee des Tschad unterst\u00fctzt und die libyschen Truppen zum R\u00fcckzug gezwungen. Tausende Soldaten und bedeutende Mengen von Waffen wurden erbeutet. Der Pr\u00e4sident des Tschad, Hissein Habr\u00e9, verkaufte diese Soldaten an die Reagan-Administration. Und die CIA benutzte sie als S\u00f6ldner in Kenia und Lateinamerika.<\/p>\n<p>Aber der gr\u00f6\u00dfte Irrtum der libyschen Revolution besteht darin, alles auf die \u00d6lressourcen gesetzt zu haben. In Wirklichkeit sind ja die menschlichen Ressourcen der gr\u00f6\u00dfte Reichtum eines Landes. Sie k\u00f6nnen einer Revolution nicht zum Erfolg verhelfen, wenn Sie nicht die nationale Harmonie, die soziale Gerechtigkeit und eine gerechte Verteilung der Reicht\u00fcmer entwickeln.<br \/>\nNun hat der Colonel aber niemals die \u00fcberkommenen Diskriminierungen in Libyen beseitigt. Wie wollen Sie die Bev\u00f6lkerung mobilisieren, wenn Sie den Libyern nicht zeigen, dass alle &#8211; unabh\u00e4ngig von ihrer Zugeh\u00f6rigkeit zu einer Ethnie oder einem Stamm &#8211; gleich sind und gemeinsam f\u00fcr das Wohl der Nation t\u00e4tig sein k\u00f6nnen? Die Mehrheit der libyschen Bev\u00f6lkerung ist arabisch, spricht die gleiche Sprache und teilt die gleiche Religion. Die ethnische Vielfalt ist nicht sehr bedeutend. Es war m\u00f6glich, die Diskriminierungen abzuschaffen, um die Bev\u00f6lkerung zu mobilisieren.<\/p>\n<p>Gaddafi war gleicherma\u00dfen unf\u00e4hig, das libysche Volk f\u00fcr die Herausforderungen der Revolution auszubilden. Er hat das politische Bewusstsein seiner Staatsb\u00fcrger nicht angehoben und hat keine Partei aufgebaut, um die Revolution zu unterst\u00fctzen.<\/p>\n<p><em>Aber unmittelbar nach seinem Gr\u00fcnen Buch von 1975 gr\u00fcndet er Volkskomitees, eine Art direkter Demokratie.<\/em><\/p>\n<p>Dieser Versuch einer direkten Demokratie war von marxistisch-leninistischen Konzepten beeinflusst. Aber diese Volkskomitees in Libyen st\u00fctzen sich auf keinerlei politische Analyse, keine klare Weltanschauung. Es handelte sich um einen Fehlschlag. Gaddafi hat auch \u00fcberhaupt keine politische Partei aufgebaut, um seine Revolution zu unterst\u00fctzen. Schlie\u00dflich hat er sich des Volkes bem\u00e4chtigt. Die libysche Revolution wurde zum Vorhaben einer einzigen Person. Alles drehte sich um diesen charismatischen, von der Realit\u00e4t abgekoppelten F\u00fchrer. Und wenn die Kluft zwischen einem F\u00fchrer und seinem Volk gr\u00f6\u00dfer wird, beginnen Sicherheitsma\u00dfnahmen und Unterdr\u00fcckung die Leere auszuf\u00fcllen. Die Exzesse nahmen zu, die Korruption entwickelte sich in betr\u00e4chtlichem Ausma\u00df und die Stammesaufspaltungen kristallisierten sich heraus.<\/p>\n<p>Heute treten diese Aufspaltungen in der libyschen Krise wieder zutage. Nat\u00fcrlich gibt es einen Teil der Jugend in Libyen, der der Diktatur \u00fcberdr\u00fcssig und von den Ereignissen in Tunesien und \u00c4gypten beeinflusst ist. Aber diese verbreiteten Gef\u00fchle werden von der Opposition im Osten des Landes instrumentalisiert, der seinen Anteil am Kuchen einfordert, wo doch die Verteilung der Reicht\u00fcmer unter dem Regime Gaddafis sehr ungleich war. Bald werden die wirklichen Widerspr\u00fcche zutage treten.<\/p>\n<p>Man wei\u00df im \u00dcbrigen nicht sehr viel \u00fcber diese Oppositionsbewegung. Um wen handelt es sich? Was ist ihr Programm? Wenn sie wirklich eine demokratische Revolution durchf\u00fchren wollten, warum haben sie dann die Fahnen des K\u00f6nigs Idriss wieder ausgegraben, Symbole einer Zeit, als die Kyrenaika die beherrschende Provinz des Landes war? Haben sie die anderen Libyer um ihre Meinung gefragt? Kann man von einer demokratischen Bewegung sprechen, wenn diese Widerst\u00e4ndler die Schwarzen der Region massakrieren? Wenn Sie zur Opposition eines Landes geh\u00f6ren, wenn Sie patriotisch sind und wenn Sie Ihre Regierung st\u00fcrzen m\u00f6chten, dann versuchen Sie das in richtiger Art und Weise. Sie verursachen keinen B\u00fcrgerkrieg in Ihrem eigenen Land und lassen es nicht das Risiko einer Balkanisierung eingehen.<\/p>\n<p><em>Ihrer Meinung nach w\u00fcrde es sich also eher um einen B\u00fcrgerkrieg handeln, der aus den Widerspr\u00fcchen zwischen den libyschen Clans hervorgeht?<\/em><\/p>\n<p>Ich denke, es ist schlimmer. Es gab Widerspr\u00fcche zwischen den St\u00e4mmen, aber sie haben niemals einen solchen Umfang angenommen. Hier n\u00e4hren die Vereinigten Staaten diese Widerspr\u00fcche, um milit\u00e4risch in Libyen eingreifen zu k\u00f6nnen. Seit den ersten Stunden des Aufstands hat Au\u00dfenministerin Hillary Clinton vorgeschlagen, den Aufst\u00e4ndischen Waffen zu bringen. Erst einmal hat die unter dem Nationalrat organisierte Opposition jede Einmischung ausl\u00e4ndischer M\u00e4chte zur\u00fcckgewiesen, weil sie wusste, dass das ihre Bewegung in Verruf bringen w\u00fcrde. Aber heute rufen gewisse Oppositionelle nach einer bewaffneten Intervention.<\/p>\n<p>Seitdem der Konflikt ausgebrochen ist, hat Pr\u00e4sident Obama gesagt, dass er alle m\u00f6glichen Optionen in Betracht ziehe, und der US-Senat ruft die internationale Gemeinschaft auf, eine Flugverbotszone \u00fcber das libysche Territorium zu verh\u00e4ngen, was ein wirklicher Kriegsakt w\u00e4re. Au\u00dferdem ist der Atom-Flugzeugtr\u00e4ger USS Enterprise, der im Golf von Aden zur Bek\u00e4mpfung der Piraterie stationiert war, wieder bis an die libysche K\u00fcste hinaufgefahren. Zwei Amphibienschiffe, die USS Kearsage und die USS Ponce, die mehrere Tausend Marinesoldaten und Flotten von Kampfhubschraubern an Bord haben, wurden ebenso im Mittelmeer in Position gebracht.<\/p>\n<p>Vergangene Woche hat sich Louis Michel, der fr\u00fchere europ\u00e4ische Kommissar f\u00fcr Entwicklung und humanit\u00e4re Hilfe der Europ\u00e4ischen Union, mit Nachdruck auf einer Fernsehb\u00fchne gefragt, welche Regierung den Mut h\u00e4tte, vor ihrem Parlament die Notwendigkeit eines milit\u00e4rischen Eingreifens in Libyen zu verteidigen. Aber Louis Michel hat niemals zu einem solchen Eingreifen in \u00c4gypten oder Bahrain aufgerufen. Warum?<\/p>\n<p><em>Ist die Repression in Libyen nicht gewaltiger?<\/em><\/p>\n<p>Die Repression war sehr gewaltig in \u00c4gypten, aber die NATO hat nie Kriegsschiffe entlang der \u00e4gyptischen K\u00fcste in Stellung gebracht, um Mubarak zu bedrohen. Man hat gerade eben mal appelliert, einen demokratischen Ausgang zu finden!<\/p>\n<p>Was Libyen angeht, so muss man sehr vorsichtig sein mit Informationen, die uns erreichen. An einem Tag spricht man von 2000 Toten, am n\u00e4chsten wird die Zahl auf 300 korrigiert. Seit Beginn der Krise wurde auch gesagt, Gaddafi bombardiere sein eigenes Volk, aber die russische Armee, die die Lage mittels Satellit \u00fcberwacht, hat diese Information offiziell dementiert. Wenn sich die NATO darauf vorbereitet, milit\u00e4risch in Libyen einzugreifen, k\u00f6nnen wir sicher sein, dass die herrschenden Medien die \u00fcbliche Kriegspropaganda ausstrahlen werden.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich ist dieselbe Sache in Rum\u00e4nien mit Ceaucescu geschehen. Am Abend des Heiligabend 1989 hielt der belgische Premierminister Wilfried Martens eine Ansprache im Fernsehen. Er behauptete, die Sicherheitskr\u00e4fte Ceaucescus h\u00e4tten soeben 12 000 Personen get\u00f6tet. Das war falsch. Die Bilder des ber\u00fchmten Massengrabs von Timisoara gingen ebenfalls um die Welt. Sie waren dazu bestimmt, die blinde Gewalt des rum\u00e4nischen Pr\u00e4sidenten zu beweisen. Aber sp\u00e4ter stellte sich heraus, dass das Ganze eine Inszenierung war: Leichen waren aus der Leichenhalle geholt und in Gr\u00e4ben platziert worden, um die Journalisten zu beeindrucken. Man hat auch gesagt, die Kommunisten h\u00e4tten das Wasser vergiftet, es seien syrische und pal\u00e4stinensische S\u00f6ldner in Rum\u00e4nien gewesen, und au\u00dferdem noch, Ceaucescu h\u00e4tte Waisen ausgebildet, um aus ihnen T\u00f6tungsmaschinen zu machen. Das war reine Propaganda, um das System zu destabilisieren.<\/p>\n<p>Letztendlich wurden Ceaucescu und seine Frau get\u00f6tet, nach einem Scheinprozess, der 55 Minuten dauerte. Nat\u00fcrlich war der rum\u00e4nische Pr\u00e4sident, genauso wie Gaddafi, kein Chorknabe. Aber was hat sich danach ereignet? Rum\u00e4nien ist eine Halbkolonie Europas geworden. Dort werden die billigen Arbeitskr\u00e4fte ausgebeutet. Zahlreiche Dienste wurden zugunsten westlicher Gesellschaften privatisiert und sind f\u00fcr einen gro\u00dfen Teil der Bev\u00f6lkerung unerschwinglich. Und jetzt kommen jedes Jahr Massen von Rum\u00e4nen und weinen am Grab Ceaucescus. Die Diktatur war eine schreckliche Sache, aber seitdem das Land wirtschaftlich zerst\u00f6rt worden ist, ist es noch schlimmer!<\/p>\n<p><em>Warum m\u00f6chten die Vereinigten Staaten Gaddafi st\u00fcrzen? Seit einem Jahrzehnt ist der Colonel von neuem f\u00fcr den Westen besuchenswert geworden, und er hat einen gro\u00dfen Teil der libyschen Wirtschaft zugunsten westlicher Gesellschaften privatisiert.<\/em><\/p>\n<p>Man muss alle diese Ereignisse im Licht der neuen Machtverh\u00e4ltnisse in der Welt analysieren. Die imperialistischen M\u00e4chte befinden sich im Niedergang, w\u00e4hrend andere Kr\u00e4fte sich in vollem Aufschwung befinden. Vor kurzem hat China vorgeschlagen, die Schulden Portugals abzul\u00f6sen! In Griechenland steht die Bev\u00f6lkerung dieser Europ\u00e4ischen Union zunehmend feindlich gegen\u00fcber, die sie als Deckmantel des deutschen Imperialismus wahrnimmt. Die gleichen Gef\u00fchle entwickeln sich in den L\u00e4ndern des Ostens. Au\u00dferdem haben die Vereinigten Staaten den Irak angegriffen, um sich des \u00d6ls zu bem\u00e4chtigen, aber am Ende profitiert nur eine einzige US-Gesellschaft davon, w\u00e4hrend der Rest von malaiischen und chinesischen Gesellschaften ausgebeutet wird. Kurz, der Imperialismus befindet sich in der Krise.<\/p>\n<p>Au\u00dferdem hat die tunesische Revolution den Westen sehr \u00fcberrascht. Und der Fall Mubaraks noch mehr. Washington versucht, diese Volksbewegungen f\u00fcr seine Ziele einzuspannen, aber ihm entgleitet die Kontrolle. In Tunesien sollte Ministerpr\u00e4sident Mohamed Ghanouchi, ein reines Produkt der Diktatur Ben Alis, den \u00dcbergang gew\u00e4hrleisten und die Illusion eines Wechsels vermitteln. Aber die Entschlossenheit des Volkes zwang ihn abzudanken. In \u00c4gypten z\u00e4hlen die Vereinigten Staaten auf die Armee, um ein ihnen genehmes System aufrechtzuerhalten. Aber mich erreichten Informationen, die best\u00e4tigen, dass sich junge Offiziere in unz\u00e4hligen, \u00fcber das Land verstreuten Kasernen in Solidarit\u00e4t mit dem \u00e4gyptischen Volk in Revolutionskomitees organisieren. Sie h\u00e4tten sogar gewisse mit dem System von Mubarak verbundene Offiziere verhaften lassen.<\/p>\n<p>Die Region k\u00f6nnte der Kontrolle der Vereinigten Staaten entgleiten. In Libyen einzugreifen w\u00fcrde Washington daher erm\u00f6glichen, diese revolution\u00e4re Bewegung zu brechen und zu verhindern, dass sie sich auf den Rest der arabischen Welt und auf Afrika ausbreitet. Seit einer Woche revoltieren Jugendliche in Burkina Faso, aber die Medien sprechen davon nicht, genauso wenig wie von den Demonstrationen im Irak.<\/p>\n<p>Die andere Gefahr f\u00fcr die Vereinigten Staaten besteht darin, antiimperialistische Regierungen in Tunesien und \u00c4gypten entstehen zu sehen. In diesem Fall w\u00e4re Gaddafi nicht mehr isoliert und k\u00f6nnte auf die mit dem Westen abgeschlossenen \u00dcbereinkommen zur\u00fcckkommen. Libyen, \u00c4gypten und Tunesien k\u00f6nnten sich zusammenschlie\u00dfen und einen antiimperialistischen Block bilden. Mit allen Ressourcen, \u00fcber die sie verf\u00fcgen, insbesondere den bedeutenden ausl\u00e4ndischen Devisenreserven von Gaddafi, k\u00f6nnten diese drei L\u00e4nder eine bedeutende Regionalmacht werden. Sie w\u00e4re wahrscheinlich einflussreicher als die T\u00fcrkei.<\/p>\n<p><em>Aber Gaddafi hat doch Ben Ali unterst\u00fctzt, als sich das tunesische Volk erhoben hat. <\/em><\/p>\n<p>Das zeigt, wie schwach, isoliert und abgeschnitten von der Wirklichkeit er ist. Aber die sich \u00e4ndernden Machtverh\u00e4ltnisse in der Region k\u00f6nnten die Ausgangslage \u00e4ndern. Gaddafi k\u00f6nnte die Seite wechseln, das w\u00e4re nicht das erste Mal.<\/p>\n<p><em>Wie k\u00f6nnte sich die Lage in Libyen entwickeln?<br \/>\n<\/em><br \/>\nDie westlichen M\u00e4chte und diese sogenannte Oppositionsbewegung haben den Vermittlungsvorschlag von Ch\u00e1vez zur\u00fcckgewiesen. Das signalisiert, dass sie keinen friedlichen Ausgang des Konflikts wollen. Aber die Auswirkungen einer Intervention der NATO w\u00e4ren katastrophal. Man hat im Kosovo oder in Afghanistan gesehen, wohin das f\u00fchrt.<\/p>\n<p>Dar\u00fcber hinaus k\u00f6nnte eine milit\u00e4rische Aggression das Eindringen islamistischer Gruppen nach Libyen beg\u00fcnstigen, die sich vor Ort bedeutsamer Arsenale bem\u00e4chtigen k\u00f6nnten. Al Kaida k\u00f6nnte einsickern und aus Libyen einen zweiten Irak machen. Es gibt \u00fcbrigens schon bewaffnete Gruppen in Niger, die niemand zu kontrollieren vermag. Ihr Einfluss k\u00f6nnte sich auf Libyen, auf den Tschad, auf Mali, auf Algerien ausdehnen&#8230; Wirklich, mit dem Vorbereiten einer milit\u00e4rischen Intervention ist der Imperialismus dabei, sich die Tore zur H\u00f6lle zu \u00f6ffnen!<\/p>\n<p>Die Schlussfolgerung lautet: das libysche Volk verdient etwas Besseres als diese Oppositionsbewegung, die das Land ins Chaos st\u00fcrzt. Es br\u00e4uchte eine wirkliche demokratische Bewegung, um das Gaddafi-Regime zu ersetzen und soziale Gerechtigkeit herzustellen. Auf jeden Fall verdienen die Libyer keine milit\u00e4rische Aggression. Die im Niedergang befindlichen imperialistischen Kr\u00e4fte scheinen jedoch eine konterrevolution\u00e4re Offensive in der arabischen Welt vorzubereiten. Libyen anzugreifen ist ihre Notl\u00f6sung. Aber das w\u00fcrde ihnen auf die F\u00fc\u00dfe fallen.<\/p>\n<p>Quelle: www.michelcollon.info<\/p>\n<p>*Mohamed Hassan ist ein Spezialist f\u00fcr Geopolitik und die arabische Welt. Geboren in Addis Abeba (\u00c4thiopien), nahm er an den Studentenbewegungen im Rahmen der sozialistischen Revolution von 1974 in seinem Land teil. Er studierte politische Wissenschaften in \u00c4gypten, bevor er sich in der \u00f6ffentlichen Verwaltung in Br\u00fcssel spezialisierte. Als Diplomat seines Ursprungslands arbeitete er in den 90er Jahren in Washington, Peking und Br\u00fcssel. Als Mitautor von &#8220;Der Irak unter der Besatzung&#8221; (&#8220;L\u2019Irak sous l\u2019occupation&#8221;, EPO, 2003) nahm er au\u00dferdem an Arbeiten \u00fcber den arabischen Nationalismus und die islamischen Bewegungen und \u00fcber den fl\u00e4mischen Nationalismus teil. Er ist einer der besten zeitgen\u00f6ssischen Kenner der arabischen und muslimischen Welt.<\/p>\n<p>\u00dcbersetzung aus dem Franz\u00f6sischen: H. Eckel<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit drei Wochen stehen sich dem Colonel Gaddafi ergebene Truppen und aus dem Osten des Landes stammende Oppositionskr\u00e4fte gegen\u00fcber. Wird Gaddafi \u2013 nach Ben Ali und Mubarak \u2013 der n\u00e4chste Diktator sein, der f\u00e4llt? Ist das, was sich in Libyen abspielt, mit den Volksaufst\u00e4nden in Tunesien und \u00c4gypten vergleichbar? Wie sind die Eskapaden und Verwandlungen des Colonel zu verstehen? Warum bereitet die NATO den Krieg vor? 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