{"id":583,"date":"2011-03-30T14:25:58","date_gmt":"2011-03-30T12:25:58","guid":{"rendered":"http:\/\/www.lagota.ch\/?p=583"},"modified":"2011-03-30T14:25:58","modified_gmt":"2011-03-30T12:25:58","slug":"generation-revolution-von-bengasi-bis-lampedusa","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.lagota.ch\/?p=583","title":{"rendered":"Generation Revolution: von Bengasi bis Lampedusa"},"content":{"rendered":"<p>Quelle: <a href=\"http:\/\/de.indymedia.org\" target=\"_blank\">http:\/\/de.indymedia.org<\/a><br \/>\n<strong><br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.lagota.ch\/wp-content\/uploads\/egypt.jpeg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-medium wp-image-584\" title=\"egypt\" src=\"https:\/\/www.lagota.ch\/wp-content\/uploads\/egypt-300x224.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"224\" srcset=\"https:\/\/www.lagota.ch\/wp-content\/uploads\/egypt-300x224.jpg 300w, https:\/\/www.lagota.ch\/wp-content\/uploads\/egypt.jpeg 440w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a>Der als Journalist, Blogger und Autor arbeitende italienische Menschenrechtsaktivist Daniele del Grande h\u00e4lt sich seit 14. Tagen in Bengasi auf, um von Dort \u00fcber die libysche Revolution und den Krieg zu berichten.<\/strong><\/p>\n<p>Er ist durch sein blog Fortresseurope und einigen Publikationen zum Thema Migration und Grenzen, die sie unterd\u00fccken, auch international bekannt. Die ihrerseits unter anderem f\u00fcr das Infoportal Rebelion aus Tunesien berichtende spanisch-tunesische Linksaktivistin Alma Allende f\u00fchrte ein Interview mit ihm zu verschiedenen unbequemen Fragen bez\u00fcglich der Lage am s\u00fcdlichen Rand des Mittelmeers, auf der Insel Lampedusa und auch bez\u00fcglich manchen Problems in westlichen K\u00f6pfen.<\/p>\n<p>Der folgenden \u00dcbersetzung liegt die von Del Grande selbst auf Fortresseurope ver\u00f6ffentlichte Fassung zugrunde: http:\/\/fortresseurope.blogspot.com\/2011\/03\/generazione-revolution-da-Bengasi.html#more<\/p>\n<p>Generation Revolution: von Bengasi bis Lampedusa<\/p>\n<p>Um eine klarere Sicht zu bekommen, hilft manchmal eine Unterhaltung. Besonders wenn die Gespr\u00e4chspartnerin jemand wie Alma Allende ist, die f\u00fcr die Website Rebelion die gesamte Revolution in Tunesien verfolgt hat. Die Fragen sind von ihr, die Antworten von mir, der ich seit zwei Wochen zusammen mit den Kids der Revolte hier in Bengasi bin. Wohin steuert Libyen? Warum poltern alle, es gebe einen amerikanischen oder imperialistischen Komplott? Welche ist die Rolle der Information gewesen? Kann man an einem Ort vie diesen unparteilich sein? Schlie\u00dflich, noch Lampedusa. Hat Libyen wirklich etwas mit den Landungen der letzen Wochen zu tun? Lies&#8217; das Interview&#8230;<\/p>\n<p><strong>Gabriele, es gibt jetzt, wo die UNO-Intervention beschlossen wurde und \u00fcber Libyen die Bomben der Alliierten herabregnen antiimperialistische Stimmen, die versuchen, den Nachweis zu erbringen, dass die Revolte von Anfang an von den westlichen M\u00e4chten vorbereitet worden war. Was h\u00e4ltst Du davon? Gab es einen externen Plan oder hat es sich um spontane Revolten von Unten gehandelt, wie in Tunesien und \u00c4gypten?<\/strong><\/p>\n<p>Ich bin mit denen, die rufen, es habe eine Verschw\u00f6rung gegeben \u00fcberhaupt nicht einverstanden. Wie in Tunesien, \u00c4gypten, Jemen und jetzt auch in Syrien sind die Revolten in Libyen nicht die Frucht amerikanischer Verschw\u00f6rungen, sondern vielmehr die nat\u00fcrlichste Antwort gewesen, die wir nach jahrzehntelangen, im Namen der Stabilit\u00e4t und guter Gesch\u00e4fte von den Gro\u00dfm\u00e4chten unterst\u00fctzten Diktaturen h\u00e4tten erwarten k\u00f6nnen. Sie sind spontan gewesen und von unten ausgegangen. Es wundert, dass gewisse Verschw\u00f6rungstheorien aus linken Kreisen kommen. Das ist ein im Sinne einer Analyse interessantes Paradoxon. Es sind vor Allem die Armen, die in Kairo wie in Tunis und Bengasi auf der Stra\u00dfe sind. Die Armen aber fordern keine L\u00f6hne, sie wettern nicht gegen die Bonzen, sie identifizieren sich nicht mit der Arbeiterklasse &#8211; zumindest noch nicht. Vor allen Dingen fordern sie Freiheit, und sie identifizieren sich vordergr\u00fcndig als B\u00fcrger. Eins der wichtigsten Instrumente, der es ihnen erlaubt, sich zu organisieren, ist ein Konsumgegenstand, der vielleicht symbolhaft f\u00fcr die belanglosesten unter den G\u00fctern des Konsumismus steht: der Computer, mit dem man ins Netzt gehen kann, und die Videohandys, mit denen sich das, was auf der Stra\u00dfe passiert festhalten l\u00e4sst. Schlie\u00dflich gibt es noch ein generationsspezifisches Element. Es handelt sich im Gegensatz zu Italien, wo der B\u00fcrger im Durchschnitt im kalten Krieg heranwuchs, um junge L\u00e4nder. der Gro\u00dfteil der Bev\u00f6lkerung ist hier weniger als 25 Jahre alt, und er dr\u00e4ngt auf Wandel. Ein Wandel, den wir es am n\u00f6rdlichen Ufer nicht verm\u00f6gen, zu begreifen &#8211; auch wegen einer rassistischen und kolonialen Herangehensweise, von der wir es nicht schaffen, uns zu befreien. Europa h\u00e4lt sich f\u00fcr die einzige Wahrerin der Demokratie, als es sich dabei um einen Begriff handle, der einigen, aber nicht anderen eigen sei. Und sie h\u00e4lt es f\u00fcr nicht m\u00f6glich, dass ein muslimisches Land nach Freiheit statt nach religi\u00f6sem Obskurantismus streben k\u00f6nne. Das ist der Grund, weshalb die Verschw\u00f6rungstheorien greifen. Wir verm\u00f6gen es nicht zu akzeptieren, dass &#8220;unserer&#8221; Dekadenz &#8220;ihr&#8221; Wiederaufleben entspricht.<\/p>\n<p><strong>Warum glaubst Du, dass die USA, die EU und auch Italien sich f\u00fcr eine &#8220;humanit\u00e4re&#8221; Intervention gegen einen Freund und Verb\u00fcndeten entschieden haben?<\/strong><\/p>\n<p>Aufgrund eines kapitalen Berechnungsfehlers, glaube ich. Ich erl\u00e4utere das: Anf\u00e4nglich schien es so, als w\u00fcrde das Gaddafi-Regime innerhalb weniger Tage in sich selbst zusammenfallen w\u00fcrde. In Tunesien und \u00c4gypten war es so gegangen. Und es gab in jenen Tagen einen Wettlauf der Weltm\u00e4chte, um die libysche Diktatur zu verurteilen und um Signale der \u00d6ffnung an die Aufst\u00e4ndischen zu senden, um sich die Kontinuit\u00e4t der \u00d6lvertr\u00e4ge und der milliardenschweren Auftr\u00e4ge, die Libyen bietet und in den n\u00e4chsten Jahren bieten wird zu sichern. Dann hat sich zugetragen, dass Gaddafi sich als einen h\u00e4rteren Brocken erwiesen hat, als vermutet und dass er dank dem auf Zeit spielen der UNO und dem Antreten in Libyen von S\u00f6ldnern aus anderen afrikanischen Staaten, die Professionelle des Krieges sind und in einer Kriegskampagne in den St\u00e4dten der Aufst\u00e4ndischen eingesetzt werden, an Boden zur\u00fcckgewinnen konnte. An der Stelle haben die internationalen Gro\u00dfm\u00e4chte eine Entscheidung treffen m\u00fcssen, um ihre Interessen in Libyen zu verteidigen: entweder auf die Aufst\u00e4ndischen setzen, oder umkehren &#8211; was die sehr hohe Gefahr beinhaltete, dass eine Gestalt wie Gaddafi vor dem Hintergrund seines eigenwilligen und wankelm\u00fctigen handlings des Systems Libyen aus Ressentiment f\u00fcr den Affront die Vertr\u00e4ge mit den Gesellschaften jener Staaten aufheben k\u00f6nne.<\/p>\n<p><strong>Wer geh\u00f6rt dem libyschen Nationalrat an? Sind es Agenten des Imperialismus, gute Revolution\u00e4re oder eine Mischung aus Allem?<\/strong><\/p>\n<p>Es sind Gestalten unterschiedlichsten Hintergrunds &#8211; vor Allem Anw\u00e4lte, Richter, Gesch\u00e4ftsleute und das eine oder andere saubere Gesicht des Regime, das Gaddafi rechtzeitig zur\u00fcck gelassen und kein Blut an den H\u00e4nden kleben hat. Einige sind nach Jahren des Exils im Ausland nach Libyen zur\u00fcck gekehrt, besonders aus den USA. Aus ihren Erkl\u00e4rungen geht deutlich hervor, dass sie ein geeintes, auf ein verfassungsrechtliches, parlamentarisches und von Parteien getragenes System gest\u00fctztes Libyen anstreben, das, mit Hauptstadt Tripolis, die alten \u00d6lvertr\u00e4ge einh\u00e4lt und dass die Freiheit der Meinungs\u00e4u\u00dferung, der Bildung von Vereinigungen und Unternehmen sowie der Gesinnung anerkannt wird. Die Arbeit, die vor ihnen liegt, ist unendlich lang, weil die Zivilgesellschaft in Libyen seit 42 Jahren auf Null gesetzt wurde. Es gibt keine Vereinigungen. Es gibt keine Gewerkschaften. Es gibt keine politischen Parteien. Es gibt keine Institutionen. Es gibt nur das Netzwerk der Volkskomitees Gaddafis, seine Spezialkr\u00e4fte, eine Armee, die nichts z\u00e4hlt und die lange Hand des gro\u00dfen H\u00e4uptlings, der je nach Laune \u00fcber alles entscheidet.<\/p>\n<p><strong>Gibt es in Bengasi eine mehr oder weniger organisierte Linke? Welche Rolle haben die jugendlichen gespielt?<\/strong><\/p>\n<p>Die Linke gibt es nicht und wenn sie es gibt, sieht man sie nicht. Noch mal: es gibt und es hat in den letzten 40 Jahren keine politischen Parteien gegeben. Jede Form des Dissenses ist repressiv unterdr\u00fcckt worden. Die einzige Form der internen Opposition der letzten Jahrzehnte ist die des politischen Islam gewesen. Der h\u00e4rtester Repression ausgesetzt wurde. Es gen\u00fcgt, an die 1200 Islamisten zu denken, die 1996 im Abu Salim Gef\u00e4ngnis in Tripolis in einer Nacht F\u00fcsiliert wurden. Und auch die Revolution vom 17. Februar ist durch den Funken eines ihrer Proteste explodiert, als die Angeh\u00f6rigen der Opfer am 15. Februar auf die Stra\u00dfe gingen, um Gerechtigkeit zu fordern. Sonst ist es eine spontane Bewegung, die vor Allem aus jungen Menschen besteht, die, wenn ihr so wollt, auch naiv sein m\u00f6gen, aber im positiven Sinne. Das hei\u00dft, es gibt eine Generation, die ohne Sophismen beschlossen hat, dass es sich lohnt, um die Freiheit zu k\u00e4mpfen, und dem Gaddafi-Regime ein Ende zu setzen &#8211; auch um den Preis es Lebens.<\/p>\n<p><strong>Wie war die soziale und wirtschaftliche Lage in der Zyrenaika vor den Revolten? Ist Libyen nicht ein reiches Land? Warum also der Protest?<\/strong><\/p>\n<p>Das ist wieder etwas sehr interessantes. Im Unterschied zu Tunesien und \u00c4gypten ist Libyen ein reiches Land. Auch in diesen Tagen sieht man brandneue Gel\u00e4ndewagen durch die Gegend fahren und die H\u00e4user, in denen ich war, sind H\u00e4user der Mittelklasse. Die Armen in der Stadt sind vor Allem die Ausl\u00e4nder. \u00c4gypter, Sudanesen, Chader, Tunesier, Marokkaner, Nigerianer, die auf der Suche nach Gl\u00fcck nach Libyen eingewandert sind und bei der Verrichtung der niedersten und am geringsten entlohnten Arbeiten geendet sind. Anders verh\u00e4lt es sich auf dem Land und in der b\u00e4uerlichen Welt, die entschieden unterhalb des Lebensstandards in den St\u00e4dten lebt. Hier wird aber nicht wegen der L\u00f6hne protestiert &#8211; ich betone es noch mal. Ich habe nie geh\u00f6rt, wie das Wort &#8220;Lohn&#8221; ausgesprochen wurde. Nat\u00fcrlich wird der Skandal der Korruption angeprangert, der springende Punkt ist aber die Freiheit und das Ende der Diktatur und des Staatsterrorismus. Dar\u00fcber hinaus ist es klar, dass alle glauben, dass eine des Allgemeinwohls bedachte Verwaltung des \u00d6ls dem ganzen Land gro\u00dfen Reichtum, mehr Bildung und Lebensqualit\u00e4t einbringen wird. Der Springende Punkt ist aber ein weiteres Mal die Freiheit.<\/p>\n<p><strong>Haben die Bewohner Bengasis tats\u00e4chlich um die Intervention gebeten? Haben sie keine Angst, dass sie die Kontrolle \u00fcber ihre Revolution verlieren k\u00f6nnten? Angst, auf internationaler Ebene an Glaubw\u00fcrdigkeit zu verlieren?<\/strong><\/p>\n<p>Die Bewohner Bengasis haben zu zwei Dingen klare Vorstellungen. Sie wollen die Flugverbotszone und die Bombardements der Alliierten gegen die Luftwaffe Gaddafis und gegen sein schweres Ger\u00e4t, das die Zivilbev\u00f6lkerung bedrohen. Gleichzeitig wollen sie weder einen Einmarsch ausl\u00e4ndischer Truppen noch eine milit\u00e4rische Besatzung. Das sagt die Stra\u00dfe und der nationale \u00dcbergangsrat bekr\u00e4ftigt es.<\/p>\n<p><strong>Die Antiimperialisten, die von Verschw\u00f6rung sprechen, fragen sich, wieso die Demonstranten sich nach den ersten Tagen sofort bewaffnet haben. Woher haben sie diese Waffen genommen? Wer hat die Rebellen versorgt?<\/strong><\/p>\n<p>Es ist seltsam, dass sie sich stattdessen nicht fragen, wer Gaddafi bewaffnet hat und woher er all die Panzer und Raketenwerfer genommen hat, mit denen er die Zivilbev\u00f6lkerung terrorisiert. Um aber zur Frage zu kommen: es handelt sich um eine sehr simple Dynamik. Am 15. Februar beginnt der Protest in Bengasi. Wie in Tunis und in Kairo, weigert sich die Armee, auf das Volk zu schie\u00dfen. An seiner statt tun es aber die Spezialsicherheitskr\u00e4fte Gaddafis. Binnen weniger Tage ist es ein Massaker, es gibt mindestens 300 Tote. Unter dem druck des Volkes \u00f6ffnet die Armee daraufhin die Kasernen. Es l\u00e4sst zu, dass sich die jungen Leute die alten Kalaschnikovs und die wenigen Raketenwerfer holen, die in den Depots liegen. Dank diesen Waffen gelingt es ihnen, Gaddafis Spezialkr\u00e4fte aus der Stadt zu verjagen und weiterhin mit diesen Waffen verteidigen sie die Stadt Bengasi, befreien sie die Nachbarst\u00e4dte Ljadabiya, Brega und Ras Lanuf. Bis Gaddafi Sondereinheiten und mit Panzern und Raketen bewaffnete und von der Milit\u00e4rluftwaffe unterst\u00fctze S\u00f6ldner gegen sie losschickt, die mit Bombardements an der Front in den Reihen der Aufst\u00e4ndischen Panik ausl\u00f6sen. Es ist dann wahr, dass in den Tagen, die auf den ersten milit\u00e4rischen Niederlagen gegen die Armada Gaddafis folgten, neue Waffen und Munition in der Stadt ankamen. Es waren erneut alte Kalashnikovs und ein bisschen Flugabwehrartillerie. Jemand hat drei Hubschrauber und zwei Mirage Flugzeuge wieder in Gang gesetzt, die sp\u00e4ter beide abgeschossen wurden, eins durch friendly-fire und eins wegen einer Explosion des Motors. Wenn es wie auch immer ein R\u00e4tsel ist, woher die neuen Waffen gekommen sind, so ist dagegen sicher, dass es sich um leichte Waffen von extrem schlechter Qualit\u00e4t handelt. Bez\u00fcglich der mutma\u00dflichen milit\u00e4rischen Aussbilder, \u00fcber die so viel spekuliert wurde ist zu sagen, dass sie nie ankamen, wenn man dem Chaos an der Front nach urteilt.<\/p>\n<p><strong>Wie glaubst Du k\u00f6nnte die westliche Intervention den Verlauf der libyschen und arabischen Revolution beeinflussen?<\/strong><\/p>\n<p>Das h\u00e4ngt ganz davon ab, welche Entscheidungen fallen werden. Vorerst hat das Bombardement der schweren Artillerie Gaddafis einfach einen Massaker abgewendet. Mit Sicherheit wurden hunderte libysche Soldaten und S\u00f6ldner get\u00f6tet. Mit Sicherheit konnte man das durch eine vorherige Intervention auf Diplomatieebene verhindern, vielleicht zehn Jahre fr\u00fcher, statt den Diktator seit dem Ende des Embargos 2004 zu hofieren. So wie die Dinge stehen hat jenes Bombardement aber die Enterung Bengasis durch drei\u00dfig Panzer und zwanzig Raketenwerfern verhindert, als diese bereits vor den Toren standen und nach dem ein einziger Gefechtstag in Stadt 94 Tote gekostet hatte! Ob der Krieg gef\u00e4llt oder nicht &#8211; und mir gef\u00e4llt er nicht &#8211; das ist es, wovon wir reden. Jetzt aber ist es notwendig, dass die Intervention aufh\u00f6rt, und dass der Rest von der Arbeit von den Libyern erledigt wird. Weil das Problem nicht Krieg ja oder nein ist. Der Krieg ist schon da. Und es ist ein Befreiungskrieg. Der Krieg eines Volkes gegen ein Regime, seinen Marionetten und seinen S\u00f6ldnern. Und es darf kein Kolonialkrieg gegen eine den eigenen besonderen Interessen feindliche Regierung werden. Anhand dessen, was ich in diesen Tagen gesehen habe, f\u00fchle ich mich motiviert, das lybische Volk umfassend zu unterst\u00fctzen. Im besten Falle wird eine auf ein neoliberales Wirtschaftssystem gest\u00fctzte verfassungsrechtliche Republik dabei heraus kommen. Das mag uns nicht zusagen, es ist aber das, was den Libyern zusagt und die werden doch wohl das Recht haben, \u00fcber ihre Zukunft zu entscheiden! Gaddafi im Namen seiner sozialistischen und thirdworldistischen Maske zu unterst\u00fctzen ist nicht nur dumm, sondern etwas f\u00fcr Komplizen eines Kriegsverbrechers.<\/p>\n<p><strong>&#8220;Gaddafi darf kein Haar gekr\u00fcmmt werden, die Bilder seines bombardierten Hauses tun mir weh&#8221;, sagt Berlusconi. Er sagt auch, dass er die Absicht hat, h\u00f6chstpers\u00f6nlich einen Besuch in Tripolis abzustatten, um mit dem Rais &#8220;einen ehrbaren Gang von der B\u00fchne&#8221; zu verhandeln. Aus welchem Grund?<\/strong><\/p>\n<p>Berlusconi spricht ein St\u00fcck weit wegen seinem Allmachtswahn so und zum Teil wegen seinem st\u00e4ndigen Suchen nach einem Platz unter den gro\u00dfen Staatsm\u00e4nnern der italienischen Geschichte. Und ein bisschen auch um die italienische und internationale \u00d6ffentlichkeit von seinem Hurenbock-Image abzulenken, das seit den letzten, von der italienischen Richterschaft und Presse so morbide untersuchten Sexskandalen an ihm haftet.<\/p>\n<p><strong>Reden wir \u00fcber Lampedusa. Elftausend gelandete Migranten, von denen sich heute noch dreitausend auf der Insel befinden, nachdem zweitausend verlegt wurden. Es fehlen f\u00fcnf- bis achttausend, die das Innenministerium behauptet, im ganzen Land &#8220;verteilt&#8221; zu haben, als sei die Zahl der in den Abschiebezentren und in den Aufnahmezentren f\u00fcr Asylbewerber nicht \u00f6ffentlich bekannt. Gibt es einen Zusammenhang mit Libyen, auch wenn es nicht so scheint, als unter den Migranten Libyer w\u00e4ren?<\/strong><\/p>\n<p>Nein, vorerst gibt es keinen Zusammenhang. Es wird ihn bald geben, sobald sie wieder aus Zuwara ablegen werden, vermutlich nach dem Ende der Revolution. Momentan sehe ich aber keinen. Auf der Insel kommt momentan keiner an, der auf der Flucht aus Libyen w\u00e4re. Gewiss, von hier sind 250000 Ausl\u00e4nder weggegangen, besonders \u00c4gypter und Tunesien, und dann Chinesen und Bangladeshis und andere. Sie sind inzwischen aber zum gro\u00dfen Teil heimgekehrt, um sp\u00e4ter wieder in Libyen zu arbeiten, w\u00e4hrend sich die libyschen Fl\u00fcchtlinge f\u00fcr den Moment von einer Stadt des Landes in die n\u00e4chste bewegen und in den befreiten Zonen im Osten Zuflucht suchen. In Lampedusa sind hingegen ausschlie\u00dflich Tunesier angekommen, die zudem aus Zarzis, Djerba und Tatouine stammen. Auch hier liegt nicht das im Lande durch die Revolution entstandene Chaos an der Wurzel des rasanten Anstiegs der Abfahrten, wie viele behauptet haben, die nach politischem Asyl rufen und von Fl\u00fcchtlingen reden. Es liegen stattdessen zwei Faktoren vor. Ein eher zuf\u00e4lliger, der mit der tunesischen Wirtschaftskrise zusammenh\u00e4ngt, die auf den Zusammenbruch des Tourismus nach den Nachrichten \u00fcber die Revolution gefolgt ist. Der zweite h\u00e4ngt mit dem kollektiven Abenteuer. Noch mal: allein nach einem Krisenschema zu r\u00e4sonieren ist oberfl\u00e4chlich und rassistisch, weil wir so dazu gebracht werden zu vergessen, dass von jungen Leuten die Rede ist, die uns mit ihren Tr\u00e4umen und ihrem Sinn f\u00fcr Herausforderungen gleich sind. Tausende junge Leute haben gelernt, dass es richtig ist, zu rebellieren. Ohne es vielleicht rational erfasst zu haben, haben sie begonnen, gegen die Ungerechtigkeit der Grenze aufzubegehren. Sie wollen zu ihren Verwandten nach Paris, sie wollen ein paar Monate arbeiten, sie wollen das n\u00f6rdliche Ufer sehen, sie wollen sich mit einer Italienerin verloben. Sie wollen reisen. Der Grund, das ist ihre Sache, das Reisen ist schlie\u00dflich nichts, das ausschlie\u00dflich Verzweifelte betreiben, es ist, ganz im Gegenteil, ein nicht weg zu denkender Teil des Lebens aller jungen Leute von Heute. Deswegen sage ich, dass es im Endeffekt nicht schlecht ist, dass Lampedusa \u00fcberf\u00fcllt ist. Weil das auf explosive Weise ernste Fragen aufwirft. Das Regime der Kriminalisierung der Bewegungsfreiheit muss fallen, genau so, wie die Diktaturen am Mittelmeer gefallen sind. Die Zeiten sind inzwischen reif.<\/p>\n<p><strong>Hast Du nicht das Gef\u00fchl gehabt, parteiisch zu sein, in dem Du aus Bengasi schreibst? Wie beurteilst Du die Qualit\u00e4t der Information zu Libyen im Allgemeinen und zu Bengasi im Besonderen? Haben sie uns manipuliert? Wer? Die linke &#8211; eine bestimmte Linke &#8211; sagt zum Beispiel, dass Gaddafi die Demonstranten nie bombardiert hat und dass dies der Beweis daf\u00fcr ist, dass alles gelogen ist. Aber auch einige linke Journalisten &#8211; wie Mateuzzi von Il Manifesto oder Telesur &#8211; haben eine partielle oder geradezu falsche Information betrieben.<\/strong><\/p>\n<p>Klar bin ich parteiisch. Ich bin mir dessen bewusst und stolz dar\u00fcber. Jede Erz\u00e4hlung hat einen Standpunkt, und es wichtig, den eigenen zu w\u00e4hlen. So, wie ich von Grenze schreibe und dabei den Standpunkt der Zur\u00fcckgewiesenen und der Familien derer, die in der See gestorben sind \u00fcbernehme, statt den der europ\u00e4ischen Bourgeoisie oder der Grenzpolizei, so habe ich aus der Mitte der Aufst\u00e4ndischen und nicht aus der Mitte der Schergen der Diktatoren von den Revolutionen in Tunesien und \u00c4gypten erz\u00e4hlt. In Libyen ist es genau so. Ich will nicht der Sprecher eines Kriegsverbrechers wie Gaddafi sein. Ich w\u00e4re hingegen gerne in Tripolis, das schon, um vom Dissens in der Hauptstadt zu erz\u00e4hlen, der aus den Nachrichten verschwand, nach dem die ersten, sch\u00fcchternen Demonstrationen im Blut ertr\u00e4nkt alle eingebetteten Journalisten in die Hotels gesperrt und gezwungen wurden, lediglich die vom Regime selektierten Nachrichten zu covern. Folglich bin ich parteiisch, und ich ziehe es vor, auf der Seite derer zu sein, die f\u00fcr die Freiheit k\u00e4mpfen, statt auf der Seite desjenigen, der S\u00f6ldnertruppen oder Raketenwerfer einsetzen, um das eigene Volk anzugreifen, weil er nach 42 Jahren Diktatur die Macht nicht loslassen will. Dann kriegt die Linke eine Krise, weil Gaddafi ein Symbol f\u00fcr Sozialismus und thirdworldismus gewesen ist. Noch heute hat er viele Freunde. Unter denen Chavez ist, und damit Telesur, und Valentino Parlato und damit Il Manifesto. F\u00fcr das, was die Libyenfrage betrifft, w\u00fcrde ich diese beiden Medien also nicht als gute Journalismusbeispiele benennen. So wie ich auch nicht den TV-Sender Al Arabiya benennen w\u00fcrde, der die falsche Zahl von 10000 Toten in Umlauf brachte, und alle anderen Medien, die ohne Beweise die Nachricht der Bombardements auf die Demonstrantenmengen und auf die Massengr\u00e4ber verbreitet haben und dabei sogar so weit gegangen sind, auf unangebrachte Weise das Wort Genozid zu verwenden. Hierbei kommt zum x-ten Mal die mangelnde Qualit\u00e4t des heutigen Journalismus zu Tage, besonders des Italienischen. Vor Allem, wenn es darum geht, Ph\u00e4nomen darzustellen, die von den gewohnten Denkmustern abweichen. Sozialismus und Diktatur, Krieg und Frieden, Islam und Demokratie. Gerade deswegen scheint es mir wichtig, hier zu sein, und von den Geschichten der wahren Protagonisten dieser Revolution ausgehend zu schreiben &#8211; den Kids der neuen libyschen Generation.<br \/>\nLink zur spanischen Version des Interviews: http:\/\/www.rebelion.org\/noticia.php?id=125004<\/p>\n<p>http:\/\/fortresseurope.blogspot.com\/2011\/03\/generazione-revolution-da-Bengasi.html#more<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der als Journalist, Blogger und Autor arbeitende italienische Menschenrechtsaktivist Daniele del Grande h\u00e4lt sich seit 14. Tagen in Bengasi auf, um von Dort \u00fcber die libysche Revolution und den Krieg zu berichten.<\/p>\n<p>Er ist durch sein blog Fortresseurope und einigen Publikationen zum Thema Migration und Grenzen, die sie unterd\u00fccken, auch international bekannt. Die ihrerseits unter anderem f\u00fcr das Infoportal Rebelion aus Tunesien berichtende spanisch-tunesische Linksaktivistin Alma Allende f\u00fchrte ein Interview mit ihm zu verschiedenen unbequemen Fragen bez\u00fcglich der Lage am s\u00fcdlichen Rand des Mittelmeers, auf der Insel Lampedusa und auch bez\u00fcglich manchen Problems in westlichen K\u00f6pfen. <a href=\"https:\/\/www.lagota.ch\/?p=583\">Continue reading <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[14,10,6],"tags":[],"class_list":["post-583","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-arbeitskampf","category-aus-aller-welt","category-news"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.lagota.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/583","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.lagota.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.lagota.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.lagota.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.lagota.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=583"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.lagota.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/583\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":586,"href":"https:\/\/www.lagota.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/583\/revisions\/586"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.lagota.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=583"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.lagota.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=583"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.lagota.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=583"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}