{"id":658,"date":"2011-05-05T23:27:07","date_gmt":"2011-05-05T21:27:07","guid":{"rendered":"http:\/\/www.lagota.ch\/?p=658"},"modified":"2011-05-05T23:27:07","modified_gmt":"2011-05-05T21:27:07","slug":"bin-ladens-ermordung-und-der-%e2%80%9ckrieg-gegen-den-terror%e2%80%9d","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.lagota.ch\/?p=658","title":{"rendered":"Bin Ladens Ermordung und der \u201cKrieg gegen den Terror\u201d"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/www.lagota.ch\/wp-content\/uploads\/osama.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-full wp-image-659\" title=\"Onlinseiten zum Tod von Osama bin Laden\" src=\"https:\/\/www.lagota.ch\/wp-content\/uploads\/osama.jpg\" alt=\"\" width=\"542\" height=\"305\" srcset=\"https:\/\/www.lagota.ch\/wp-content\/uploads\/osama.jpg 542w, https:\/\/www.lagota.ch\/wp-content\/uploads\/osama-300x168.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 542px) 100vw, 542px\" \/><\/a>Quelle: <a href=\"http:\/\/www.wsws.org\/de\/2011\/mai2011\/lade-m04.shtml\" target=\"_blank\">http:\/\/www.wsws.org\/de\/2011\/mai2011\/lade-m04.shtml<\/a><br \/>\n<strong><br \/>\nWashington und die Medienkonzerne nutzen die Ermordung Bin Ladens, um den US-Militarismus lautstark zu feiern. In keiner \u00f6ffentlichen Rede und keinem Medienkommentar gibt es jedoch eine Einsch\u00e4tzung des zehnj\u00e4hrigen \u201eKrieges gegen den Terror\u201c. Aber die Hinrichtung Bin Ladens in Pakistan wird zu dessen Meilenstein hochgejubelt.<\/strong><\/p>\n<p>Zum Zeitpunkt seiner Ermordung war Osama bin Laden weitgehend unbedeutend geworden. Er war ein kranker alter Mann, der allem Anschein nach unter Hausarrest des pakistanischen Geheimdienstes stand. Die strategische Bedeutung seines Todes wird allgemein als null und nichtig eingestuft.<\/p>\n<p>Ohne Frage war er eine zutiefst reaktion\u00e4re Figur. Seine Weltsicht war durchtr\u00e4nkt von Anti-Kommunismus und religi\u00f6sem Fanatismus. Diese Ideologie hatte ihn in dem katastrophalen Krieg, den Washington 1979 gegen die von der Sowjetunion unterst\u00fctzte Regierung in Afghanistan begann, zu einem wertvollen Agenten der CIA gemacht.<\/p>\n<p>Bei der Verk\u00fcndung von Bin Ladens Tod versicherte US-Pr\u00e4sident Barack Obama, es sei \u201eGerechtigkeit ge\u00fcbt worden\u201c. Au\u00dfenministerin Hillary Clinton erkl\u00e4rte in \u00e4hnlicher Weise, \u201eder Gerechtigkeit sei Gen\u00fcge getan worden.\u201c<\/p>\n<p>Bin Ladens Hinrichtung durch ein Navy-Seal-Team hat mit Gerechtigkeit nichts zu tun. Sein Tod war vorher beschlossene Sache. Dabei geschah er unter Umst\u00e4nden, unter denen man ihn h\u00e4tte festnehmen und auf Grund der Vorw\u00fcrfe im Zusammenhang mit den terroristischen Angriffen vom 11. September 2001 vor ein Gericht h\u00e4tte stellen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Hinter dieser Entscheidung lag die Entschlossenheit, die lange Geschichte von bin Ladens Beziehungen zur US-Regierung weiter vor der \u00d6ffentlichkeit geheim zu halten. Diese Beziehung begann mit der Bewaffnung und der finanziellen Unterst\u00fctzung der sogenannten Mujaheddin \u2013 islamistischer Guerillas, die gegen die sowjetischen Truppen in Afghanistan k\u00e4mpften. Pr\u00e4sident Ronald Reagan bezeichnete sie einst als das \u201emoralische Gegenst\u00fcck zu unseren Gr\u00fcnderv\u00e4tern\u201c.<\/p>\n<p>Osama, Sohn eines wohlhabenden Gesch\u00e4ftsmannes in Saudi-Arabien, spielte eine Schl\u00fcsselrolle bei der Rekrutierung und der Ausbildung arabischer Freiwilliger f\u00fcr die von der CIA unterst\u00fctzten Mujaheddin, die schlie\u00dflich den Aufstieg der Taliban erm\u00f6glichten. Al Kaida, arabisch f\u00fcr \u201eBasis\u201c, wurde zu jener Zeit gegr\u00fcndet \u2013 mit Hilfe der CIA, die auch Waffen lieferte.<\/p>\n<p>Diese Zusammenarbeit endete nicht mit dem sowjetischen R\u00fcckzug aus Afghanistan oder mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion und dem Ende des Kalten Krieges. Bin Laden und Al Kaida dienten in den Kriegen, die Jugoslawien zerrissen, einmal mehr als wertvolle Partner der US-Geheimdienste \u2013 zuerst in Bosnien und dann, am Ende der neunziger Jahre, im Kosovo.<\/p>\n<p>Wie so oft in der US-Au\u00dfenpolitik werden aus den Verb\u00fcndeten von heute die Feinde von morgen. Der islamistische Aufstand, den die USA unterst\u00fctzten, um die Sowjetunion zu unterminieren, entwickelte eine zunehmende Feindschaft gegen\u00fcber der wachsenden US-Pr\u00e4senz im Nahen Osten, insbesondere in Saudi-Arabien.<\/p>\n<p>Die Geschichte dieser langen und engen Beziehung zwischen einem Individuum, das als t\u00f6dlichster Feind der USA charakterisiert wird, und den US-Geheimdiensten wird von den Medien systematisch vertuscht.<\/p>\n<p>Die Ereignisse des 11. Septembers, die bis heute einer ernsthaften Untersuchung und Erkl\u00e4rung bed\u00fcrfen, lieferten den Vorwand, um den \u201eglobalen Krieg gegen den Terror\u201d vom Zaum zu brechen.<\/p>\n<p>Was an Washingtons Reaktion auf die tragischen Ereignisse des 11. September auff\u00e4llt, ist das Fehlen jeglichen logischen Zusammenhangs zu ihrem Ausl\u00f6ser. F\u00fcnfzehn der neunzehn Attent\u00e4ter waren \u2013 wie der angebliche Drahtzieher Osama bin Laden \u2013 Staatsb\u00fcrger Saudi-Arabiens, das jeglicher Bestrafung entging. Keiner von ihnen kam aus Afghanistan oder dem Irak, die beide kurz darauf in einen Strudel t\u00f6dlicher Gewalt geraten sollten.<\/p>\n<p>So lange bin Laden seine Basis in Afghanistan hatte, waren die Beziehungen zwischen der Al Kaida und den Taliban immer angespannt. Im Oktober 2001 deuteten Minister der Taliban zum ersten Mal an, dass sie bereit w\u00e4ren, bin Laden zu opfern, wenn Washington Beweise f\u00fcr seine Beteiligung an den Angriffen vom 11. September lieferte. Das Angebot wurde ausgeschlagen. Dann verk\u00fcndeten die Taliban, sie w\u00fcrden die Auslieferung bin Ladens an ein neutrales Land verhandeln, wenn die USA aufh\u00f6rten, Afghanistan zu bombardieren. Wiederum erkl\u00e4rte die Bush-Regierung, sie sei an einer solchen L\u00f6sung nicht interessiert. Was sie anstrebte, war ein Regime-Wechsel.<\/p>\n<p>Nach dem Einmarsch in Afghanistan unter dem Vorwand, bin Ladens habhaft zu werden, gestattete die Bush-Administration ihm in der Schlacht von Tora-Bora im Dezember 2001 die Flucht. Dem US-Milit\u00e4r wurde damals praktisch Tatenlosigkeit befohlen, w\u00e4hrend der Al-Kaida-F\u00fchrer sich unbehelligt \u00fcber die Grenze auf den Weg nach Pakistan machte.<\/p>\n<p>Bush zeigte bald kein besonderes Interesse mehr daran, bin Laden festzunehmen. Er erkannte damit an, dass der Al-Kaida-F\u00fchrer keine so wichtige Rolle im Widerstand gegen die amerikanische Besetzung Afghanistans spielte. Tats\u00e4chlich war er lebend ein n\u00fctzliches Symbol f\u00fcr den \u201eKrieg gegen den Terror\u201c \u2013 ganz besonders durch die Herausgabe bedrohlicher Videobotschaften in politisch opportunen Momenten \u2013 so wie zum Auftakt der Pr\u00e4sidentschaftswahlen von 2004.<\/p>\n<p>Den Angaben der Obama-Administration zufolge orteten die US-Geheimdienste den Wohnkomplex, in dem bin Laden sich versteckt hielt, im August 2010. Warum es neun Monate lang dauerte, um eine Razzia durchzuf\u00fchren, l\u00e4sst sich wohl kaum durch technische Vorbereitungen erkl\u00e4ren. Ganz sicherlich gab es politische Erw\u00e4gungen, in die bin Ladens Verbindungen nicht nur zu pakistanischen Geheimdiensten, sondern auch zum US-Geheimdienst-Apparat hineinspielten.<\/p>\n<p>Fast zehn Jahre nach dem Beginn des \u201cKrieges gegen den Terror\u201d k\u00e4mpfen einhunderttausend amerikanische Soldaten gegen eine wachsende Widerstandsbewegung, die zum gro\u00dfen Teil angefacht wird durch die Ermordung und Verwundung hunderttausender Afghanen in dem Kolonialkrieg der USA.<\/p>\n<p>Eineinhalb Jahre nach dem 11. September nahm der sogenannte globale Krieg gegen den Terror mit dem \u00fcberfallartigen Angriff auf den Irak eine scharfe Wendung. Wiederum bestand das Ziel in einem Regimewechsel \u2013 diesmal gerechtfertigt durch L\u00fcgen \u00fcber \u201eMassenvernichtungswaffen\u201c \u2013 obwohl das Ziel des Angriffs, Saddam Hussein, ein gl\u00fchender Gegner bin Ladens und der islamistischen Terroristen war. Mehr als eine Million Iraker sind als Ergebnis des US-Aggressionskrieges gegen den Irak umgekommen und 47.000 amerikanische Soldaten besetzen weiterhin das Land.<\/p>\n<p>Jetzt hat sich die Obama-Administration an einer weiteren Milit\u00e4rintervention zum Sturz von Libyens Muammar Gaddafi beteiligt \u2013 einem ehemaligen Verb\u00fcndeten im Kampf gegen Al Kaida. Ziel ist es, ein Marionettenregime zu installieren, das sich den westlichen Energiekonglomeraten gegen\u00fcber willf\u00e4hriger verh\u00e4lt. In diesem Konflikt leisten die USA und ihre europ\u00e4ischen Verb\u00fcndeten Luftunterst\u00fctzung und stellen \u201eRebellen\u201c-Kr\u00e4ften Berater und Waffen zur Verf\u00fcgung, unter denen sich islamistische Elemente befinden, die in bin Ladens Camps in Afghanistan ausgebildet wurden.<\/p>\n<p>All dies zeigt, dass der angebliche \u201cKrieg gegen den Terror\u201d f\u00fcr Washington nie etwas anderes gewesen ist als ein n\u00fctzlicher Vorwand \u2013 und Osama bin Laden ein passendes Schreckgespenst \u2013 um das zu vermarkten, was das US-Milit\u00e4r heute als den \u201elangen Krieg\u201c in Zentral- und S\u00fcdostasien und im Persischen Golf bezeichnet.<\/p>\n<p>Was sind die wirklichen Ziele dieses Krieges? Zbigniew Brzezinski, Sicherheitsberater der Carter-Administration, der die CIA-Intervention in Afghanistan in den 1980ern koordinierte, vermittelte eine klare Einsicht in die strategischen Erw\u00e4gungen des US-Imperialismus.<\/p>\n<p>In seinem 1997 erschienenen Buch The Grand Chessboard (deutsch: Die einzige Weltmacht: Amerikas Strategie der Vorherrschaft., Weinheim 1997) beschreibt Brzezinski Eurasien als das Schachbrett, auf dem der Kampf um die globale Vorherrschaft auch weiterhin ausgetragen werde. Mit dem Ende der sowjetischen Macht in jener Region bestehe die Herausforderung f\u00fcr den US-Imperialismus in der Verhinderung des Entstehens einer dominanten antagonistischen eurasischen Macht.<\/p>\n<p>Von zentraler Bedeutung seien die Energiereserven des Kaspischen Beckens, die in ihrer globalen Bedeutung direkt auf die des Persischen Golfs folgten. Afghanistan liefere die wichtigsten Versorgungslinien, um diese strategischen Ressourcen f\u00fcr den Westen zu erschlie\u00dfen und liege dar\u00fcber hinaus in unmittelbarer Nachbarschaft zu den drei M\u00e4chten, die der US-Vorherrschaft in der Region am ehesten gef\u00e4hrlich werden k\u00f6nnten: China, Russland und dem Iran.<\/p>\n<p>In seinem Buch beklagte Brzezinski, dass Amerika zu Hause zu demokratisch sei, aber in \u00dcbersee autokratisch auftrete. Die \u00f6ffentliche Meinung begrenze Washingtons F\u00e4higkeit, seine Ziele durch \u201emilit\u00e4rische Einsch\u00fcchterung\u201c zu erreichen. Dies k\u00f6nne nur \u201eim Fall einer pl\u00f6tzlichen Bedrohung oder einer Herausforderung des Wohlergehens der \u00d6ffentlichkeit im eigenen Land\u201c \u00fcberwunden werden.<\/p>\n<p>Die Angriffe vom 11. September lieferten eine solche \u201cpl\u00f6tzliche Bedrohung\u201d und wurden von der Bush-Administration sofort genutzt, um die zuvor ausgearbeiteten Pl\u00e4ne f\u00fcr eine US-Milit\u00e4rintervention in Zentralasien und dem Persischen Golf durchzusetzen. Amerikas herrschende Elite versuchte, der Krise des US-Kapitalismus durch die milit\u00e4rische Sicherung strategischer Positionen in diesen zwei Regionen zu begegnen, die beide riesige Energiereserven bergen. In welchem Ausma\u00df Elemente innerhalb des Staatsapparates der USA und innerhalb seiner Geheimdienste wussten, dass eine solche \u201epl\u00f6tzliche Bedrohung\u201c unmittelbar bevorstand, bleibt noch immer ernsthaft zu untersuchen.<\/p>\n<p>Die Angriffskriege des vergangenen Jahrzehnts gehen einher mit schrecklichen Verbrechen gegen demokratische Rechte innerhalb und au\u00dferhalb der USA. Die systematische Ermordung, Folterung, unbegrenzte Inhaftierung und au\u00dferordentliche Auslieferung von Terrorverd\u00e4chtigen ist begleitet worden durch den Ausbau eines Polizeistaates in den USA selber.<\/p>\n<p>Sowohl Obama als auch Clinton machten in ihren Reden klar, dass bin Ladens Tod den globalen Vormarsch des amerikanischen Militarismus nicht eind\u00e4mmen werde. Obama betonte, \u201edie Absicherung unseres Landes sei noch nicht vollendet\u201c, w\u00e4hrend Clinton schwor: \u201eDer Kampf geht weiter und wir werden niemals nachgeben.\u201c<\/p>\n<p>So wie die angebliche Jagd auf bin Laden als Vorwand f\u00fcr die Invasion Afghanistans diente, so wird sein Tod m\u00f6glicherweise benutzt werden, um gewisse taktische Ver\u00e4nderungen in einem Kampf vorzunehmen, der f\u00fcr das US-Milit\u00e4r in jenem Land zu einem immer gr\u00f6\u00dferen Debakel wird. Hillary Clinton deutete an, dass es zu einer Verhandlungsl\u00f6sung mit den Taliban kommen k\u00f6nne.<\/p>\n<p>Doch im Mittleren Osten, in Nordafrika und Zentralasien steht der US-Imperialismus einem weitaus m\u00e4chtigeren Feind gegen\u00fcber, als es Al Kaida und bin Laden jemals h\u00e4tten sein k\u00f6nnen. Die Aufst\u00e4nde in Tunesien, \u00c4gypten, Jemen, Bahrain und anderenorts wurden ausgel\u00f6st durch die ersten Regungen einer Arbeiterklasse, die entschlossen ist, gegen die Massenarbeitslosigkeit, Armut und Ungleichheit zu k\u00e4mpfen, die ihnen das globale Kapital und die nationalen herrschenden Eliten aufzwingen.<\/p>\n<p>In den USA selbst hat sich die Krise des Kapitalismus ein Jahrzehnt nach Beginn des \u201eKrieges gegen den Terror\u201c versch\u00e4rft. Die amerikanische Arbeiterklasse hat eine gewaltige Verschlechterung ihres Lebensstandards und ihrer sozialen Bedingungen hinnehmen m\u00fcssen. Trotzdem verlangen Politiker beider gro\u00dfer Parteien weitere massive Einschnitte.<\/p>\n<p>Die gegenw\u00e4rtige von den Medien erzeugte Euphorie angesichts der Ermordung bin Ladens wird bald in den Schatten gestellt werden vom unvermeidlichen Anwachsen des Klassenkampfes und revolution\u00e4rer Konfrontationen zwischen dem US-Imperialismus und der Arbeiterklasse, sowohl im Inland, wie auch im Ausland.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Washington und die Medienkonzerne nutzen die Ermordung Bin Ladens, um den US-Militarismus lautstark zu feiern. In keiner \u00f6ffentlichen Rede und keinem Medienkommentar gibt es jedoch eine Einsch\u00e4tzung des zehnj\u00e4hrigen \u201eKrieges gegen den Terror\u201c. 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