{"id":780,"date":"2011-07-25T13:46:52","date_gmt":"2011-07-25T11:46:52","guid":{"rendered":"http:\/\/www.lagota.ch\/?p=780"},"modified":"2011-07-25T13:47:30","modified_gmt":"2011-07-25T11:47:30","slug":"der-attentater-und-die-hassblogger","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.lagota.ch\/?p=780","title":{"rendered":"Der Attent\u00e4ter und die Hassblogger"},"content":{"rendered":"<p><strong>Er schrieb in rechten Blogs und war Mitglied bei den Rechtspopulisten: Der M\u00f6rder von Norwegen kam nicht aus dem &#8220;Nichts&#8221;, sondern aus der Szene der europ\u00e4ischen Multikulti-Hasser und Islamfeinde. Die beeilen sich nun zu versichern, dass Anders Breivik etwas falsch verstanden haben muss.<\/strong><\/p>\n<p>Als sich \u00fcber die Medien die Nachricht \u00fcber das grauenhafte Massaker auf der norwegischen Insel Ut\u00f8ya verbreitete, wurde schnell klar, dass der T\u00e4ter wohl aus dem anti-islamistischen, stramm nationalistischen Lager kam. Seit Jahren hatte er seine publizistischen Spuren in etlichen einschl\u00e4gigen Blogs und auf Web-Angeboten hinterlassen. Die Betreiber entsprechender Angebote gingen prompt zur Verteidigungshaltung \u00fcber. Man distanzierte sich &#8211; nicht in der nationalistischen, anti-islamistischen Sache, wohlgemerkt, aber in Bezug auf die Wahl der Methoden.<\/p>\n<p>Anders Behring Breivik, so die Botschaft, war wohl Anh\u00e4nger der rechten Sache, hatte da aber etwas falsch verstanden. Bomben und Massenmord, so die Argumentation, geh\u00f6rten nicht zum Instrumentarium, das man nutzen wolle, um die westliche Welt von Muslimen und \u00fcberhaupt allem Andersartigen, von den &#8220;Multikulturisten&#8221; und &#8220;Kultur-Marxisten&#8221; zu befreien. Nationalisten und Christen, argumentierte da ein rechter Blogger, mordeten per definitionem keine Kinder, &#8220;schon gar nicht Kinder der eigenen Rasse&#8221;.<\/p>\n<p>Das deutsche Polit-Blog Politically Incorrect, vom Verfassungsschutz als nicht rechtsradikal eingestuft, weil es pro-amerikanisch und pro-israelisch sei, berichtete \u00fcber die Anschl\u00e4ge unter der Schlagzeile &#8220;Fall Anders B. eine konservative Katastrophe&#8221;. Das Massaker sei eine verheerende Katastrophe, die \u00fcber Norwegen hereingebrochen sei. Den Angeh\u00f6rigen der Opfer gelte &#8220;unser Mitgef\u00fchl&#8221;. Klingt nach Ungl\u00fcck, Naturkatastrophe, Unfall &#8211; f\u00fcr so etwas kann gemeinhin keiner was, und im konkreten Fall sowieso nur der T\u00e4ter selbst.<\/p>\n<p>Eine &#8220;konservative Katastrophe&#8221; ist das Massaker f\u00fcr die rechten Blogger aber, weil die Verwechslungsgefahr so gro\u00df ist: Wo immer sich Breivik in der Szene schriftlich \u00e4u\u00dferte in den letzten Jahren, fiel er nicht als Fremdk\u00f6rper auf. &#8220;Was er schreibt&#8221;, ist auch bei Politically Incorrect zu lesen, &#8220;sind gro\u00dfenteils Dinge, die auch in diesem Forum stehen k\u00f6nnten. (&#8230;) Ob Breivik an einer psychischen Krankheit leidet, die seither schlimmer geworden ist, entzieht sich unserer Kenntnis.&#8221;<\/p>\n<p><strong>Breiviks Ideologie hat Wurzeln<\/strong><\/p>\n<p>Auch bei Document.no, wo Breivik \u00fcber Monate den direkten Kontakt und Austausch mit Verleger Hans Rustad suchte und rund 75 Beitr\u00e4ge postete, bem\u00fchen sich die Autoren, eine Grenze zwischen sich und Breivik zu ziehen. In Anbetracht der gro\u00dfen ideologischen Schnittmengen ist das offenbar nicht immer ganz einfach. Dass Breivik dort bereits am 8. September 2009 erstmals, und dann noch zweimal explizit sein nun in Umlauf gebrachtes Pamphlet angek\u00fcndigt hatte, macht die Sache auch nicht leichter.<\/p>\n<p>Zumal Anders Behring Breivik durchaus nicht der alleinige Autor dieses Konvolutes ist, das unter dem Titel &#8221; 2083 &#8211; A European Declaration of Indepence &#8221; nun im Sinne des Wortes zum Kreuzzug gegen den Islam in Europa aufruft. Hunderte von Seiten wurden von anderen rechten Bloggern verfasst, Breivik hat sie aus ihren Blogs kopiert. Dutzende Kapitel seiner Kampfschrift erschienen in den letzten Jahren in Blogs wie Gates of Vienna (GoV &#8211; &#8220;Tore von Wien&#8221;) oder The Brussels Journal, die zu seinen meistzitierten Quellen z\u00e4hlen. Breivik selbst bezeichnete die Ideologie, der er folge, als die &#8220;Vienna-Denkschule&#8221; &#8211; eine direkte Referenz an das GoV-Blog.<\/p>\n<p><strong>Eine andere Form rechter Radikalit\u00e4t<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.lagota.ch\/wp-content\/uploads\/no_pasaran1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-full wp-image-782\" title=\"no_pasaran1\" src=\"https:\/\/www.lagota.ch\/wp-content\/uploads\/no_pasaran1.jpg\" alt=\"\" width=\"230\" height=\"349\" srcset=\"https:\/\/www.lagota.ch\/wp-content\/uploads\/no_pasaran1.jpg 230w, https:\/\/www.lagota.ch\/wp-content\/uploads\/no_pasaran1-197x300.jpg 197w\" sizes=\"auto, (max-width: 230px) 100vw, 230px\" \/><\/a>Es ist eine seltsame Szene, die ihren Ausdruck in solchen Blogs findet und in der sich Breivik bewegte: tats\u00e4chlich pro-westlich und ausgesprochen pro-amerikanisch, Israel freundlich zugetan, dagegen aber deutlich anti-muslimisch, aggressiv christlich und &#8220;wehrhaft&#8221;, &#8220;mono-kultistisch&#8221; und offen feindlich gegen alles, das liberal, links, &#8220;Multi-Kulti&#8221; und &#8220;internationalistisch&#8221; ist. Nazis verabscheut diese &#8220;patriotisch-nationalistische&#8221; Szene dabei, Sympathien und informelle Kontakte pflegt man hingegen mit der US-amerikanischen Tea-Party-Bewegung, zur FP\u00d6, aber auch in die rechte Fu\u00dfball-Fan-Kultur der &#8220;Casuals&#8221; &#8211; und zur britischen &#8220;English Defence League&#8221; (EDL).<\/p>\n<p>Die gilt zwar als militant und ultrarechts, kooperiert aber auch schon mal mit der unter Terrorverdacht stehenden Jewish Defence League (JDL) &#8211; undenkbar bei der &#8220;Konkurrenz&#8221; aus dem Neonazi-Lager. Das geht bis zu gemeinsamen Veranstaltungen und Demonstrationen. Die Allianzen in dieser Szene sind so \u00fcberraschend wie eindeutig: Hauptsache, es geht gegen Muslime.<\/p>\n<p>Die, so eine der zentralen Thesen, die die Autoren und Wortf\u00fchrer der Szene vertreten, seien gerade dabei, Europa durch eine Form des &#8220;demografischen Dschihad&#8221; zu \u00fcbernehmen. Mit Statistiken, historischen Referenzen und gewagten Hochrechnungen liefern die Wortf\u00fchrer der Szene dem rechten Bodensatz und den rechtspopulistischen Multiplikatoren intellektuell klingende Begr\u00fcndungen f\u00fcr den radikalen Fremdenhass. Die Szene ist bestens vernetzt und breitet sich rapide aus: Breivik selbst will in den letzten Jahren am Aufbau eines norwegischen EDL-Ablegers mitgearbeitet haben, der Norwegian Defence League NDL.<\/p>\n<p>Die distanzierte sich am Sonntag genauso von Breivik, wie dies die EDL tat, f\u00fcr die Breivik als &#8220;Berater&#8221; gearbeitet haben will: &#8220;Nur um das klar zu machen, niemand aus der Leitungsebene der EDL hat sich je mit diesem Idioten getroffen, mit ihm gesprochen oder von ihm geh\u00f6rt.&#8221;<\/p>\n<p><strong>Auf der Suche nach dem Weg in den Mainstream<\/strong><\/p>\n<p>Denn nichts ist der Szene so wichtig, wie sich als seri\u00f6se Str\u00f6mung in ganz Europa zu etablieren. Sie versteht sich als &#8220;Anti-Dschihad&#8221;, als Gegengewicht. Sie strebt in die Medien, auf die Stra\u00dfen, in die Parlamente. Auch Breivik engagierte sich in Norwegens rechtspopulistischer Partei Fremskrittspartiet. Die d\u00fcrfte nun \u00fcber seinen fr\u00fchzeitigen Ausstieg erleichtert sein.<\/p>\n<p>Denn Breivik verlagerte nach eigener Aussage seine politischen Aktivit\u00e4ten bereits vor rund neun Jahren ins Publizistische &#8211; und Subversive. Bereits seit mehreren Jahren verbreitete er seine Ansichten \u00fcber diverse rechte Blogs. Am Samstag f\u00fchrte das, vor allem aber seine ideologische N\u00e4he zum vielleicht gr\u00f6\u00dften Star dieser Szene, zu einem bizarren Streit: Das ebenfalls rechte Blog LittleGreenFootball (im Szenenjargon nur LGF) brachte das Ger\u00fccht in Umlauf, Anders Breivik sei niemand anderes als der szeneweit bekannte Blogger Fjordman.<\/p>\n<p>Der Streit tobt noch immer. Inzwischen hat sich Fjordman, bekannt f\u00fcr radikale, elegant formulierte lange Essays gegen Muslime, Liberale und &#8220;Multi-Kultis&#8221;, mehrfach zu Wort gemeldet. Seitdem steht nicht mehr der Vorwurf im Raum, er selbst sei der Massenm\u00f6rder von Norwegen, sondern &#8220;nur&#8221;, dass er ein Brandstifter sei &#8211; Breiviks Inspiration.<\/p>\n<p><strong>Fjordman: der intellektuelle Stichwortgeber<\/strong><\/p>\n<p>Gegen diesen Vorwurf gibt es fast kein Argument, daf\u00fcr hat Breivik gesorgt. Bereits 2009 versuchte Breivik, dessen E-Mail-Adresse schon damals year2083@gmail.com lautete, Fjordman direkt anzusprechen, und ihn f\u00fcr sein damals angeblich schon 1100 Seiten starkes Hasspamphlet zu interessieren. Der war an Breivik angeblich nicht interessiert; auch, weil der &#8220;sich in nichts von all den anderen unterschied&#8221; und nichts von sich gab, das er, Fjordman, in gr\u00f6\u00dferer Radikalit\u00e4t nicht auch schon &#8220;in der Kneipe&#8221; geh\u00f6rt habe.<\/p>\n<p>Da hat der rechte Oberblogger etwas verpasst. Fjordman, Breiviks meistzitierte Quelle \u00fcberhaupt, h\u00e4tte sich mit Sicherheit in dem Machwerk wiedergefunden &#8211; und zwar im Sinne des Wortes: Er ist &#8211; m\u00f6glicherweise ohne sein Einverst\u00e4ndnis &#8211; der wichtigste Co-Autor der Kampfschrift.<\/p>\n<p>Denn die ist keine Monografie Breiviks, nicht der politisch-literarische Erguss eines Irren, der offenbar \u00fcber Jahre einen verheerenden Mordanschlag plante, sondern eine Art Collage: &#8220;2083&#8221; besteht zu gro\u00dfen Teilen aus Artikeln und Essays, die Breivik aus diversen &#8220;patriotischen&#8221;, &#8220;nationalen&#8221;, &#8220;konservativen&#8221; Blogs heruntergeladen hat. Fjordman ist tats\u00e4chlich der Verfasser von mehreren hundert Seiten dieses Konvoluts &#8211; insgesamt 38 Kapitel oder Unterkapitel sind von ihm. Sie passen sich nahtlos ein in dieses &#8220;Werk&#8221;, das die Europ\u00e4er zum blutigen Anti-Dschihad aufruft, bis hin zum M\u00e4rtyrertum.<\/p>\n<p>Und zwar im Kampf gegen die, die in der verqueren Denke des Anders Behring Breivik verantwortlich zu machen sind f\u00fcr die angebliche Islamisierung Europas &#8211; alle, die nicht &#8220;national&#8221; sind.<br \/>\nIn Breiviks Worten klingt das so: &#8220;Deshalb ist es in eurem Interesse, den Br\u00fcdern (&#8230;) dabei zu helfen, die Kultur-Marxisten und Multikulturisten hier in Europa zu besiegen. Reist hierher, \u00fcberweist Gelder, gebt eure moralische Unterst\u00fctzung, werdet selbst zu M\u00e4rtyrern in diesem Kampf.&#8221;<\/p>\n<p>So wie Breivik. Allein auf Ut\u00f8ya erschoss er 85 junge Menschen, die in seinem kranken Denken bek\u00e4mpfenswerte &#8220;Kultur-Marxisten&#8221; darstellten. Er hat Jahre der Planung in diesen Mord investiert, und mehr als das. Breivik in seinem &#8220;2083&#8221;-Geschreibsel: &#8220;Dieses Kompendium zu schaffen hat mich insgesamt 317.000 Euro gekostet (&#8230;). All das ist aber kaum sp\u00fcrbar im Vergleich zu den Opfern, die ich gebracht habe, um dieses Buch in Umlauf zu bringen, f\u00fcr die eigentliche Marketing-Aktion.&#8221;<\/p>\n<p>Zwei katastrophale, kaltbl\u00fctige Anschl\u00e4ge, insgesamt 92 Tote, Hunderte f\u00fcr ihr Leben traumatisierte, teils verletzte Menschen: In den Worten des T\u00e4ters eine &#8220;Marketing-Aktion&#8221;.<\/p>\n<p>Von Frank Patalong<\/p>\n<p>Quelle: <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/netzwelt\/netzpolitik\/0,1518,776275,00.html\" target=\"_blank\">http:\/\/www.spiegel.de\/netzwelt\/netzpolitik\/0,1518,776275,00.html<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Er schrieb in rechten Blogs und war Mitglied bei den Rechtspopulisten: Der M\u00f6rder von Norwegen kam nicht aus dem &#8220;Nichts&#8221;, sondern aus der Szene der europ\u00e4ischen Multikulti-Hasser und Islamfeinde. 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