{"id":798,"date":"2011-08-03T14:31:44","date_gmt":"2011-08-03T12:31:44","guid":{"rendered":"http:\/\/www.lagota.ch\/?p=798"},"modified":"2011-08-03T14:32:36","modified_gmt":"2011-08-03T12:32:36","slug":"neoliberale-kurpfuscher-wuten-weiter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.lagota.ch\/?p=798","title":{"rendered":"Neoliberale Kurpfuscher w\u00fcten weiter"},"content":{"rendered":"<p><em><a href=\"https:\/\/www.lagota.ch\/wp-content\/uploads\/378px-European_Parliament_Buildings_2008-01_cropped1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-medium wp-image-799\" title=\"Euro-Plastik im Europa-Viertel von Br\u00fcssel\" src=\"https:\/\/www.lagota.ch\/wp-content\/uploads\/378px-European_Parliament_Buildings_2008-01_cropped1-189x300.jpg\" alt=\"\" width=\"189\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.lagota.ch\/wp-content\/uploads\/378px-European_Parliament_Buildings_2008-01_cropped1-189x300.jpg 189w, https:\/\/www.lagota.ch\/wp-content\/uploads\/378px-European_Parliament_Buildings_2008-01_cropped1.jpg 378w\" sizes=\"auto, (max-width: 189px) 100vw, 189px\" \/><\/a>Von Elmar Altvater<\/em><\/p>\n<p><strong>F\u00fcnf Gr\u00fcnde, warum den internationalen Ratingagenturen die Lizenz entzogen werden muss.<\/strong><\/p>\n<p>Die \u00abneuen Meister des Kapitals\u00bb: So bezeichnete der britische Polit\u00f6konom Timothy Sinclair die Ratingagenturen, die die international gehandelten Wertpapiere bewerten. Sie sind wie Zirkusdompteure: Vor den Augen der Welt\u00f6ffentlichkeit lassen sie Regierungen souver\u00e4ner Staaten nach ihrer Peitsche tanzen. Sie setzen deren Kreditw\u00fcrdigkeit herunter. Die Zinsen steigen, die B\u00fcrgerInnen zahlen. Und die Banken f\u00fcllen sich die Taschen.<\/p>\n<p>Letzten Monat hatte Br\u00fcssel mit den Regierungen der Eurozone und dem Internationalen W\u00e4hrungsfonds ein neues Hilfspaket f\u00fcr den Schuldenstaat Griechenland beschlossen. Die Banken versprachen, sich freiwillig daran zu beteiligen, von den GriechInnen wurde als Bedingung eine Senkung ihres Lebensstandards um rund ein Viertel erzwungen. Keine drei Tage sp\u00e4ter liess Standard\u2009&amp;\u2009Poor, eine der drei grossen Ratingagenturen, verlauten, dass ein freiwilliger Forderungsverzicht der Banken so freiwillig gar nicht sei \u2013 und deshalb als Insolvenz Griechenlands gewertet werden m\u00fcsse.<\/p>\n<p>Kurz, Griechenland sei pleite und die internationale Anstrengung f\u00fcr die Katz. Diese Unverfrorenheit hat selbst Bundeskanzlerin Angela Merkel aus der Fassung gebracht.<\/p>\n<p>Die zweite grosse Ratingagentur, Moody\u2019s, kam vor Wochenfrist wie in einer konzertierten Aktion aus der Deckung und wertete Portugal auf den Pleitestatus ab. Die dritte grosse Agentur des \u00abTrio Infernale\u00bb (\u00abDer Spiegel\u00bb), Fitch, hatte bereits zuvor Portugals Kreditw\u00fcrdigkeit auf fast null heruntergestuft.<\/p>\n<p>So hatte sich das der neoliberale Vordenker Friedrich von Hayek schon vor mehr als einem halben Jahrhundert ausgedacht: Die Sachzw\u00e4nge des Marktes seien gegen den Staat zu st\u00e4hlen, so der \u00d6konom. Besonders wirksam sind die Sachzw\u00e4nge, wenn sich die Politik dazu verpflichtet, dem Urteil von Marktagenturen zu folgen. So akzeptiert die Europ\u00e4ische Zentralbank Anleihen eines Eurostaates als Sicherheit f\u00fcr die Auszahlung von Liquidit\u00e4t nur dann, wenn diese von einer Agentur positiv bewertet worden sind.<\/p>\n<p>Die Politik unterwirft sich privaten M\u00e4chten. Und diese sind keineswegs neutral. Erstens wirtschaften die Ratingagenturen profitorientiert als kapitalistische Grossunternehmen. Und setzen damit Milliarden um. Allein das disqualifiziert sie als neutrale Richter. Zweitens arbeiten sie im Auftrag und auf Kosten der Banken, deren Papiere sie bewerten. Dieses anr\u00fcchige Insidergesch\u00e4ft war mitverantwortlich f\u00fcr die Finanzkrise 2008. Die Ratingagenturen hatten Bestnoten an die windigsten und kompliziertesten Finanzprodukte erteilt, die sich bald als faul herausstellten. Die guten Ratings hatten \u00fcberall in der Welt K\u00e4uferInnen dazu veranlasst, sich auf M\u00e4rkten mit Papieren einzudecken, von deren Funktionsweise und Qualit\u00e4t sie keine Ahnung hatten. So sind die \u00abSubprime\u00bb-Immobilien-Papiere aus den USA in die Tresore der s\u00e4chsischen Landesbank gelangt.<\/p>\n<p>Drittens sind die Kriterien und Verfahren, mit denen die Agenturen zu ihren Ratings gelangen, vollkommen intransparent. Die gerade erst mit dreifachem A geadelten, kunstvoll zusammengesetzten Finanzprodukte wurden im Verlauf der Finanzkrise auf Schrottstatus abgewertet. Die Agenturen schwammen mit dem Strom. F\u00fcr die Weltwirtschaft war dieses prozyklische Verhalten fatal. Die Finanzkrise wurde damit noch zus\u00e4tzlich verst\u00e4rkt.<\/p>\n<p>Allerdings hat das prozyklische Rating tats\u00e4chlich mit einem fundamentalen Problem zu tun: Die Kreditw\u00fcrdigkeit einer Bank, eines privaten Unternehmens oder eines Staats h\u00e4ngt auch von Faktoren ab, die in der Zukunft liegen. Ob ein Kredit k\u00fcnftig ordentlich bedient werden kann, ist ungewiss, das Rating der Kreditw\u00fcrdigkeit steht entsprechend auf wackeligen F\u00fcssen. Deshalb haben die wirren \u00c4nderungen des Ratings der Kreditnehmer einen tats\u00e4chlichen Grund, der die eklatanten Fehler und Manipulationen der Ratingagenturen entschuldigt.<\/p>\n<p>Viertens sind Ratingagenturen mit dem internationalen Bankensystem verbandelt \u2013 und verhelfen diesem zus\u00e4tzlich zu Profiten: Je schlechter das Rating, desto gr\u00f6sser das Risiko des Zahlungsausfalls. Somit kann der Risikoaufschlag auf den Zins und folglich die Rendite der Kreditgeber angehoben werden. Griechenland muss derzeit einen zweistelligen Zinssatz \u2013 rund zehn Prozent mehr als Deutschland \u2013 zahlen. Das ist die Garantie, dass ein hoch verschuldetes Land niemals aus den Schulden herauskommen kann. Die Staatspleite wird zum einzigen Ausweg.<\/p>\n<p>F\u00fcnftens spielen die Ratingagenturen auch Geopolitik. Mit ihren L\u00e4nderratings beeinflussen sie nicht nur den Wert der Staatsanleihen, sondern indirekt auch den Kurs der W\u00e4hrungen. Wenn der Euro schw\u00e4chelt, erholt sich der US-Dollar. Und somit kann der Dollar weiterhin die Funktion als W\u00e4hrung spielen, in der die \u00d6lrechnung bezahlt wird. F\u00fcr die USA ist die Bezahlung in ihrer W\u00e4hrung zentral.<\/p>\n<p>Die Ratingagenturen \u00fcben Funktionen eines Souver\u00e4ns aus, ohne souver\u00e4n zu sein. Sie geh\u00f6ren zur Gilde der neoliberalen Kurpfuscher. Ihnen muss die Lizenz entzogen werden.<\/p>\n<blockquote><p><em>Der Autor ist \u00d6konom und emeritierter Professor f\u00fcr Politikwissenschaft der Freien Universit\u00e4t Berlin.<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Quelle: <a href=\"http:\/\/www.woz.ch\/artikel\/2011\/nr28\/wirtschaft\/20992.html\" target=\"_blank\">WOZ<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die \u00abneuen Meister des Kapitals\u00bb: So bezeichnete der britische Polit\u00f6konom Timothy Sinclair die Ratingagenturen, die die international gehandelten Wertpapiere bewerten. Sie sind wie Zirkusdompteure: Vor den Augen der Welt\u00f6ffentlichkeit lassen sie Regierungen souver\u00e4ner Staaten nach ihrer Peitsche tanzen. Sie setzen deren Kreditw\u00fcrdigkeit herunter. Die Zinsen steigen, die B\u00fcrgerInnen zahlen. 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