{"id":808,"date":"2011-08-05T15:31:23","date_gmt":"2011-08-05T13:31:23","guid":{"rendered":"http:\/\/www.lagota.ch\/?p=808"},"modified":"2011-08-05T15:35:03","modified_gmt":"2011-08-05T13:35:03","slug":"kapitalismus-totet-uber-hunger-und-die-spekulation-mit-nahrungsmitteln","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.lagota.ch\/?p=808","title":{"rendered":"Kapitalismus t\u00f6tet. \u00dcber Hunger und die Spekulation mit Nahrungsmitteln"},"content":{"rendered":"<p><strong><a href=\"https:\/\/www.lagota.ch\/wp-content\/uploads\/capitalism_kills.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-medium wp-image-809\" title=\"capitalism_kills\" src=\"https:\/\/www.lagota.ch\/wp-content\/uploads\/capitalism_kills-283x300.jpg\" alt=\"\" width=\"283\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.lagota.ch\/wp-content\/uploads\/capitalism_kills-283x300.jpg 283w, https:\/\/www.lagota.ch\/wp-content\/uploads\/capitalism_kills.jpg 521w\" sizes=\"auto, (max-width: 283px) 100vw, 283px\" \/><\/a>Welchen zivilisatorischen Stand hat die Gattung Mensch erreicht, wenn im Juli 2011 rund um den Globus rund eine Milliarde Menschen hungern? Innerhalb von nur knapp drei Jahren hat sich die Anzahl der hungernden Menschen verdoppelt und dabei handelt es sich um Hunderte von Millionen an Trag\u00f6dien mit Tr\u00e4nen, Trauer, Leid und ganz individuellem Siechtum bis zu einem einsamen, qualvollen Tod. Wir k\u00f6nnen versuchen uns rauszureden, indem wir auf Weltklima, lokales Wetter, die Frage der Verteilung von Weide- und Ackerland, auf Stammeskonflikte usw. als alleinige Ursachen verweisen.<\/strong><\/p>\n<p>Aber das ist eine M\u00e4r und nur die halbe Wahrheit: All das sind zwar Faktoren, die eine wichtige Rolle spielen, gewi\u00df, aber sie sind nicht alleine entscheidend f\u00fcr Tod und Elend rund um den Globus. Und selbst zu diesen Ursachen hat die sog. westliche Zivilisation einen erklecklichen Teil beigetragen, zun\u00e4chst einmal in historischer Hinsicht: Jahrhundertelang haben die europ\u00e4ischen L\u00e4nder den afrikanischen Kontinent im W\u00fcrgegriff gehalten, ihn er- und ausgepresst durch Menschen- und Rohstoffraub sowie die verschiedenen Ethnien gegeneinander ausgespielt, aufgehetzt und bewaffnet. Diese Methoden werden bis heute angewandt, auch wenn sie im Laufe der Zeit teils subtiler wurden. Die europ\u00e4ischen Nationalstaaten ma\u00dften es sich damals an, Grenzen f\u00fcr L\u00e4nder und Gesellschaften zu ziehen, die den Gedanken teilweise absurd fanden, sich in staatlichen Strukturen zu organisieren und sich jenseits ihres Stammesverbandes zu bewegen und &#8220;nationale&#8221; Identifikationen zu bilden.<\/p>\n<p><strong>Koloniales Erbe und Nation Building<\/strong><\/p>\n<p>Der englische Anthropologe John Reader: &#8220;Die zivilisierte Art des friedlichen Zusammenlebens in kleinen Gesellschaften ohne Staatenbildung, die nachweislich in Afrika vor dem Beginn \u00e4u\u00dferer Einfl\u00fcsse existierte, ist ein wesentlicher afrikanischer Beitrag zur Menschheitsgeschichte.&#8221; 1<\/p>\n<p>Das Nation Building in Europa im vorvergangenen Jahrhundert fand auf einem Kontinent mit 70 Sprachen statt und f\u00fchrte doch zu etlichen Kriegen mit Dutzenden Millionen von Toten. Es erfolgte in der Regel eine Grenzziehung anhand sprachlicher Identit\u00e4ten, die Europa \u00fcber Jahrhunderte in Reinform aber gar nicht kannte. In Afrika hingegen geht man von rund 2000 Sprachen im weiteren Sinne aus.<\/p>\n<p><strong>Die Gliederung Afrikas nach der sog. &#8220;Kongo-Akte&#8221; der Berliner Konferenz (1885)<\/strong><\/p>\n<p>Heute bem\u00e4chtigen sich somalische Clans im Kampf um die Vorherrschaft der Hilfslieferungen f\u00fcr die hungernden ethnischen Minderheiten im S\u00fcden des Landes und setzen den Hunger gezielt als Waffe ein. Sie leugnen sogar die Existenz der Hungersnot und verbitten sich eine internationale Einmischung 2. Eine Kausalit\u00e4t zu Europa besteht insofern, als Zentral- und Ostafrika 1885 auf der sog. Kongo-Konferenz zwischen den Koloniall\u00e4ndern aufgeteilt und damit auch Territorien entlang europ\u00e4ischer Interessenssph\u00e4ren zu Hoheitsgebieten zusammengepresst wurden, um diese aus einer zentralistisch-europ\u00e4ischen Sicht besser beherrschen und ausnehmen zu k\u00f6nnen. Damals wurde zwischen dem italienischen Somaliland und dem britischen Ostafrika (inzwischen: Kenia) die bis heute g\u00fcltige Grenze gezogen, \u00fcber die jetzt die Menschen aus Somalia nach Kenia fl\u00fcchten.<\/p>\n<p>Es ist nicht prim\u00e4r die D\u00fcrre, es ist zun\u00e4chst auch nicht die Frage entscheidend, ob der Boden von Viehz\u00fcchtern oder Bauern genutzt wird. Der Hunger dort steht mit unserem System hier in einem reziproken Verh\u00e4ltnis. Dieses Verh\u00e4ltnis ist in Bezug auf die D\u00fcrre insofern evident, als dass die westlichen Industrienationen &#8211; bedingt durch die rund 200j\u00e4hrige Industrialisierung &#8211; bereits in den vergangenen 100 Jahren eine messbare Erderw\u00e4rmung verursacht haben, die in bestimmten Regionen mehr und mehr zu sinkenden Niederschl\u00e4gen und D\u00fcrren f\u00fchrt.<\/p>\n<p><strong>Allt\u00e4glicher Tod und Finanzkapitalismus<\/strong><\/p>\n<p>Auch ohne die aktuelle Hungersnot in Ostafrika sterben weltweit jeden Tag zwischen 25.000 und 30.000 Menschen den Hungertod. Es sind die Opfer eines nachgerade perversen Systems, dessen t\u00e4glicher Blutzoll gleichsam. Bis 2008 war die Anzahl der Hunger leidenden Menschen kontinuierlich r\u00fcckl\u00e4ufig gewesen und das Millenniumsziel der UNO, die Anzahl der Hungernden zwischen 1990 und 2015 zu halbieren, schien nicht ganz unrealistisch zu sein.<\/p>\n<p>Als 2008 der exzessive Finanzkapitalismus in die sog. Immobilien- und Finanzkrise m\u00fcndete, suchten die gro\u00dfen Anleger ein neues Bet\u00e4tigungsfeld f\u00fcr ihr Kapital: Die Spekulation mit Agrarrohstoffen und Nahrungsmitteln 3 stieg rasant an. Phasenweise sind t\u00e4glich rund eine Milliarde US-Dollar zus\u00e4tzlich in den Rohstoffmarkt geflossen, so wird von Experten gesch\u00e4tzt. Da das Angebot an Waren gleich bleibt und auch nicht durch kurzfristige Ma\u00dfnahmen gesteigert werden kann, gehen die Preise den Marktgesetzen folgend nach oben: Innerhalb von sieben Monaten stieg der Weizenpreis an der Chicagoer Warenb\u00f6rse von 200 US-Dollar je Tonne auf 360 Dollar im Februar 2011 an, eine Steigerung von 80 Prozent innerhalb eines guten halben Jahres.<\/p>\n<p>Menschen in den sog. Entwicklungsl\u00e4ndern, die ihr Einkommen zu einem \u00fcberwiegenden Teil f\u00fcr Nahrungsmittel ausgeben m\u00fcssen, sp\u00fcren dies besonders deutlich. In bestimmten Regionen f\u00fchrt diese profitgierige Preistreiberei fast zwangsl\u00e4ufig zu Katastrophen, wenn die periodisch wiederkehrenden D\u00fcrren nicht kompensiert werden k\u00f6nnen durch Zuk\u00e4ufe vom Weltmarkt. So stieg etwa der Maispreis im S\u00fcden Somalias an der Grenze zu Kenia innerhalb eines Jahres um 260 Prozent, weil die Nachfrage auf Grund des fast vollst\u00e4ndigen Ausfalls der regionalen Ernte zus\u00e4tzlich weit \u00fcber das normale Ma\u00df hinaus verst\u00e4rkt wurde.<\/p>\n<p>Diesen Missernten, die das \u00f6stliche Afrika seit Langem kennt, kann auch nicht mehr damit begegnet werden, dass die L\u00e4nder eine ausgepr\u00e4gte Lagerhaltung betreiben. Wegen k\u00fcnstlich stimulierter hoher Preise, deren Druck durch eine extreme \u00dcberschuldung verst\u00e4rkt wird, k\u00f6nnen diese L\u00e4nder sich eine Vorratshaltung schlicht nicht mehr leisten. Auch internationale Hilfsorganisation beklagen sich \u00fcber die exorbitant hohen Lebensmittelpreise auf dem Weltmarkt, wenn diese ihre Hilfslieferungen einkaufen m\u00fcssen. Gro\u00dfe Anbaufl\u00e4chen in der sog. &#8220;Dritten Welt&#8221; entfallen dadurch, dass seit einigen Jahren multinationale Konzerne mit europ\u00e4ischen Auftraggebern gro\u00dfe Fl\u00e4chen nutzen, um Pflanzen zur Energieerzeugung anzubauen 4 oder reichere L\u00e4nder dort sogar Fl\u00e4chen erwerben.<\/p>\n<p>Lediglich drei Prozent der Gesch\u00e4fte an den Rohstoffb\u00f6rsen haben noch einen realen Hintergrund, sprich: ein H\u00e4ndler kauft Ware auf und l\u00e4sst sich diese auch in ein Lagerhaus liefern und verarbeitet oder verkauft diese von dort aus. Alles andere sind inzwischen spekulative und optionale Gesch\u00e4fte. Bei einem Mindesteinsatz von 100.000 Euro versprechen und realisierten Rohstoffonds eine j\u00e4hrliche Dividende von fantastischen 18 Prozent. Es besteht ein kausaler Link zwischen dem Profit hier und dem Tod dort.<\/p>\n<p><strong>&#8220;Chancenkontinent Afrika&#8221;<\/strong><\/p>\n<p>Die UNO warnt schon seit Monaten vor der sich zuspitzenden Situation in Ostafrika: 12 Millionen Menschen sind dort derzeit akut vom Hungertod bedroht. Kanzlerin Angela Merkel tourte vor zwei Wochen durch Afrika, f\u00e4delte dabei allerlei Waffendeals ein und fabulierte vom &#8220;Chancenkontinent Afrika&#8221;. Die deutsche Regierung jedoch, immerhin getragen von einer Partei mit dem Begriff &#8220;christlich&#8221; im Namen, speist Ostafrika insgesamt mit 30 Millionen Euro ab. Die Summe entspricht gerade einmal drei Prozent der von der UNO gesch\u00e4tzten notwendigen Hilfe.<\/p>\n<p>Dabei wurde erst durch \u00f6ffentlichen Druck die Hungerhilfe f\u00fcr Ostafrika von einer auf 30 Millionen Euro erh\u00f6ht. Im Verh\u00e4ltnis zu den &#8220;Milliarden f\u00fcr die Rettung der Banken und angesichts der Not der Menschen in Ostafrika ist dies nicht mehr als eine symbolische Hilfe&#8221;, kritisiert Heike H\u00e4nsel von der LINKEN Bundestagsfraktion.<\/p>\n<p>Selbst dieser Betrag steht in keinem Verh\u00e4ltnis zur \u00f6konomischen Potenz Deutschlands, zumal die Bundesregierung erst vor einigen Tagen verk\u00fcndete, den libyschen Rebellen kurzerhand einen Kredit von 100 Millionen Euro zu gew\u00e4hren \u2013 vermutlich f\u00fcr illegale Waffenk\u00e4ufe in Frankreich oder der Schweiz. Man muss sich nachgerade sch\u00e4men f\u00fcr eine solche Regierung.<\/p>\n<p>Jean Ziegler bilanziert mittel- und langfristig: &#8220;Es kommt nicht darauf an, den Menschen in der Dritten Welt mehr zu geben, sondern ihnen weniger zu stehlen.&#8221; 6<\/p>\n<p>Anmerkungen<\/p>\n<p>1 Lutz van Dijk: Die Geschichte Afrikas. Frankfurt\/Main 2004. S. 16.<br \/>\n2 Frankfurter Rundschau vom 26.07.2011<br \/>\n3 Sahra Wagenknecht und Niema Movassat, MdB der Fraktion DIE LINKE: Spekulationen auf Nahrungsmittel verbieten (Video); Zahlen: Monitor: Wetten auf Nahrung (pdf-Datei)<br \/>\n4 Hintergrund I\/2011: Palm\u00f6l &#8211; Die indonesische Trag\u00f6die. In diesem Artikel wird der Fokus zwar nicht auf die Frage eines konkurrierenden Anbaus von Energiepflanzen f\u00fcr den Export versus Nahrungsmitteln f\u00fcr die einheimische Bev\u00f6lkerung behandelt, so doch die rechtlichen Rahmenbedingungen sowie die sozialen, \u00f6konomischen und \u00f6kologischen Folgen der Energiepflanzen gut dargestellt. Matthias Berninger, der GR\u00dcNE Staatssekret\u00e4r im Landwirtschafts- und Verbraucherschutzministerium, sprach \u00fcbrigens 2005 in Bezug auf Agrardiesel von der &#8220;gr\u00fcnen Zapfs\u00e4ule&#8221;. In: Berliner Zeitung vom 09.09.2005.<br \/>\n5 Dieses Ph\u00e4nomen wird Land Grabbing genannt. Vgl. den Eintrag in: de.wikipedia.org<br \/>\n6 Jean Ziegler: Das Imperium der Schande. M\u00fcnchen 2005 (Umschlagsseite); Vgl. a. Jean Ziegler: Nicht gehaltene Rede zur Er\u00f6ffnung der Salzburger Festspiele, 24.07.2011 (S\u00fcddeutsche Zeitung)<\/p>\n<p>via: <a href=\"via: http:\/\/www.trueten.de\/permalink\/Kapitalismus-toetet.-UEber-Hunger-und-die-Spekulation-mit-Nahrungsmitteln.html\" target=\"_blank\">http:\/\/www.trueten.de\/permalink\/Kapitalismus-toetet.-UEber-Hunger-und-die-Spekulation-mit-Nahrungsmitteln.html<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Welchen zivilisatorischen Stand hat die Gattung Mensch erreicht, wenn im Juli 2011 rund um den Globus rund eine Milliarde Menschen hungern? Innerhalb von nur knapp drei Jahren hat sich die Anzahl der hungernden Menschen verdoppelt und dabei handelt es sich um Hunderte von Millionen an Trag\u00f6dien mit Tr\u00e4nen, Trauer, Leid und ganz individuellem Siechtum bis zu einem einsamen, qualvollen Tod. 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