{"id":909,"date":"2011-09-26T20:24:10","date_gmt":"2011-09-26T18:24:10","guid":{"rendered":"http:\/\/www.lagota.ch\/?p=909"},"modified":"2011-09-26T20:24:10","modified_gmt":"2011-09-26T18:24:10","slug":"viele-menschen-haben-aufgehort-in-den-kategorien-des-systems-zu-denken","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.lagota.ch\/?p=909","title":{"rendered":"Viele Menschen haben aufgeh\u00f6rt in den Kategorien des Systems zu denken"},"content":{"rendered":"<p><strong>via: <\/strong><a href=\"http:\/\/www.linkezeitung.de\/cms\/index.php?option=com_content&amp;task=view&amp;id=11895&amp;Itemid=1\" target=\"_blank\">http:\/\/www.linkezeitung.de\/cms\/index.php?option=com_content&amp;task=view&amp;id=11895&amp;Itemid=1<\/a><br \/>\n<strong><br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.lagota.ch\/wp-content\/uploads\/greece.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-medium wp-image-910\" title=\"greece\" src=\"https:\/\/www.lagota.ch\/wp-content\/uploads\/greece-300x193.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"193\" srcset=\"https:\/\/www.lagota.ch\/wp-content\/uploads\/greece-300x193.jpg 300w, https:\/\/www.lagota.ch\/wp-content\/uploads\/greece.jpg 466w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a>Krise ist seit 2008 ein gefl\u00fcgeltes Wort. Aus der Finanzkrise wurde nach den massiven Umschuldungsma\u00dfnahmen, in dessen Kontext Milliarden von Steuergeldern in private Banken gepumpt wurden, staatliche Schuldenkrisen. <\/strong><\/p>\n<p>Diverse L\u00e4nder der EU gerieten in finanzielle \u201eSchieflage&#8221; darunter auch Griechenland. Das von der EU und dem IWF verabreichte Heilmittel hiess Schuldenreduktion, Privatisierung und Sparma\u00dfnahmen. Im Mai 2010 akzeptierte das griechische Parlament ein internationales Hilfspaket \u00fcber 110 Milliarden Euro, verpflichtet sich aber im Gegenzug zu drastischen Sparma\u00dfnahmen. Massenproteste waren die Antwort, in dessen Zuge es am 25. Mai 2011 zur Besetzung des Syntagma-Platzes, dem zentralen Platz vor dem griechischen Parlament kam. Der Platz blieb bis zur polizeilichen R\u00e4umung am 30. Juli besetzt.<\/p>\n<p>Fast drei Jahre zuvor, im Dezember 2008, gingen Bilder eines brennenden Weihnachtbaumes auf dem Syntagma-Platz um die Welt. Jugendliche hatten ihn im Rahmen von massiven, den ganzen Dezember anhaltenden, Protesten in Brand gesteckt. Unmittelbarer Ausl\u00f6ser f\u00fcr die Proteste war die Erschie\u00dfung des 15-j\u00e4hrigen Alexis Grigoropoulos durch einen Polizisten in Athen. Die Krawalle des Dezembers haben aber in aller Deutlichkeit die soziale, politische und \u00f6konomische Krise zum Vorschein gebracht, welche l\u00e4ngst nicht nur Griechenland erfasst hatte.<\/p>\n<p>Dimitra, Vasilis, Paschalis und Evangelia* sprechen \u00fcber die seit 2008 gewachsene politische Bewegung und die Zusammenh\u00e4nge des Dezembers 2008 mit der aktuellen Bewegung, die Ver\u00e4nderungen innerhalb der griechischen Gesellschaft, die sich gerade durch ein wachsendes Bewusstsein manifestieren, und den Mangel einer geeigneten Sprache der Linken, um die Gesellschaft als Ganzes anzusprechen.<\/p>\n<p><sup>* Interviewt wurden Dimitra und Vasilis, beides AktivistInnen und WissenschaftlerInnen, sowie Paschalis und Evangelia, die in wissenschaftlichen Zusammenh\u00e4ngen arbeiten. Alle vier sind in Athen wohnhaft und haben die Bewegungen vor Ort miterlebt. Das Interview wurde gef\u00fchrt von <\/sup><a href=\"http:\/\/rageo.twoday.net\/\"><sup>RaGeo<\/sup><\/a><sup>. <\/sup><\/p>\n<p><strong>Am 6. Dezember 2008 wurde der 15-J\u00e4hrige Alexis Grigoropoulos von einem Polizisten in Athen erschossen, daraufhin kam es w\u00e4hrend des ganzen Dezembers zu massiven Krawallen in Athen, aber auch in anderen St\u00e4dten Griechenlands. Es war nicht der erste Vorfall dieser Art und allgemein schien, dass die Gr\u00fcnde f\u00fcr den Aufstand tiefer lagen und der Mord an Alexis nur der Tropfen war, der das Fass zum \u00dcberlaufen brachte, oder wie w\u00fcrdet ihr die Situation damals einsch\u00e4tzen?<\/strong><\/p>\n<p><em>Pascalis<\/em> &#8211; Um die Ereignisse in Athen nach dem Mord an Alexis verstehen zu k\u00f6nnen, m\u00fcssen wir etwas zur\u00fcckblenden. Die Explosion des Dezembers war sicherlich ein unmittelbarer Aufschrei, der sich direkt gegen die Erschie\u00dfung des Jungen richtete. Aber nicht nur. Die Ereignisse waren auch Ausdruck einer allgemeinen Militarisierung des \u00d6ffentlichen Raums &#8211; ein Prozess, der in dem linken Stadtteil Exarchia, wo Alexis erschossen wurde, deutlich zu beobachten war. Im Wesentlichen war es aber auch eine Reaktion auf die vielschichtigen Restrukturierungsprozesse innerhalb der Arbeitswelt und allen anderen Feldern des sozialen Lebens in Griechenland, die seit den 1990ern zu einer starken Marginalisierung diverser sozialer Gruppen gef\u00fchrt haben und sich in einem erdr\u00fcckenden Mangel an Perspektiven manifestieren. Die Form, die der Dezember angenommen hat, ist somit aufs engste mit dem R\u00fcckzug des Staates aus dem Sozialen verkn\u00fcpft. So gab es die Besetzungen des Gewerkschaftsverbandes &#8211; The General Confederation of Greek Workers (<em>GSEE<\/em>) &#8211; in Athen, welche die Frustration gegen\u00fcber den traditionellen Gewerkschaften zum Ausdruck brachte, es wurden \u00f6ffentliche Theatereinrichtungen besetz, um \u00fcber die Rolle von Kultur zu debattieren und in besetzten Stadtteilzentren wurde \u00fcber die allgemeine Rolle von Politik in der Gesellschaft diskutiert. Es war eine Bewegung, die jeden Aspekt des allt\u00e4glichen Lebens einnahm, sie sprach zur Kultur, zu den Medien, zu allem.<\/p>\n<p><strong>Wenn diese Bewegung sich in einem so breiten Rahmen \u00e4u\u00dferte, dann liegt die Frage nahe, wer denn die Menschen waren, die sich an den Protesten beteiligten.<\/strong><\/p>\n<p><em>Evangelia<\/em> &#8211; Wer genau alles beteiligt war, ist schwer zu fassen. Am Anfang war es sicherlich eher eine Bewegung der Mittelklasse. Dann aber, nach einigen Tagen begannen sich diverse marginalisierte Gruppen, MigrantInnen, ArbeiterInnen etc. zu beteiligen.<\/p>\n<p><em>Pascalis<\/em> &#8211; Ich w\u00fcrde sagen, dass es prim\u00e4r eine Bewegung junger Menschen, StudentInnen und prekarisierter ArbeiterInnen war. Es war aber auch eine Bewegung von und mit MigrantInnen &#8211; vor allem der zweiten Generation &#8211; \u00a0aber auch Papierloser. Es war das erste Mal, dass sich MigrantInnen an den politischen Prozessen der Linken beteiligten und dass Menschen, die in vielerlei politischen Initiativen arbeiteten, zusammenkamen und sich gemeinsam organisierten.<\/p>\n<p><strong>Ihr habt auf die Rolle der Besetzungen hingewiesen. Organisation jenseits des unmittelbaren Zusammenkommens an Demonstrationen scheint ein wichtiges Thema gewesen zu sein.<\/strong><\/p>\n<p><em>Dimitra &#8211;<\/em> Auf jeden Fall. Die Proteste kreierten neue Initiativen, die sich dezentral organisierten und sich an \u00f6ffentlichen Orten trafen. Diese Initiativen \u00fcberdauerten den unmittelbaren Aufstand und einige Zusammenschl\u00fcsse entstanden erst nach dem Dezember. So denke ich, dass die Erfahrung des Dezembers sehr wichtig war. Im Kontext der Bewegung wurden viele radikalisiert und sie begannen sich in einer Art und Weise in der \u00f6ffentlichen Sph\u00e4re zu bewegen, wie sie dies vorher nicht getan hatten.<\/p>\n<p><em>Pascalis<\/em> &#8211; Die Bewegung war nicht innerhalb der traditionellen Linken organisiert, sondern es waren die Direktbetroffenen, die sich zusammenschlossen. Es gab im Dezember in Athen mindestens drei zentrale Orte f\u00fcr diese Treffen: Das Polytechnikum, die Fakult\u00e4t der Rechtswissenschaften und jene der Wirtschaftswissenschaften. Neben diesen Treffpunkten waren die eigenen Medien auch enorm wichtig, zumal f\u00fcr eine gewisse Zeit die Massenmedien &#8211; gerade bei jungen Menschen &#8211; durch eigene Medien ersetzt wurden. Alles in Allem wurde im Kontext des Aufstandes sehr breit \u00fcber gesamtgesellschaftliche Alternativen diskutiert, was ich als einen deutlichen Beleg daf\u00fcr sehe, dass die Ereignisse nicht nur eine Reaktion auf die Polizeigewalt waren, sondern einen tiefer liegenden Grund hatten.<\/p>\n<p><strong>Wie sind denn die Ereignisse des Dezembers 2008 r\u00fcckblickend einzusch\u00e4tzen und was f\u00fcr eine Bedeutung haben sie?<\/strong><\/p>\n<p><em>Dimitra<\/em> &#8211; Wichtig war, dass die Bewegung enorm breit war und sich nicht nur jene beteiligten, die schon vor dem Aufstand in verschiedenen linken Bewegungen aktiv waren. Spannend zu sehen war aber, dass es gerade die Positionen der radikalen Linken waren, die innerhalb der Bewegung ideell dominierten. Dennoch muss festgehalten werden, dass die extreme Rechte und die Nationalisten ebenfalls einen verst\u00e4rkten Zulauf verzeichneten. Dies war paradox, denn im ersten Moment waren diese Parteien komplett marginalisiert, im R\u00fcckblick aber vermochten sie aus den Ereignissen f\u00fcr sich Kapital zu schlagen und ihre Basis auszubauen.<\/p>\n<p><em>Evangelia<\/em> &#8211; Die Ereignisse waren schwer zu verorten. Diese massive Gewalt, war auf jeden Fall auch f\u00fcr Griechenland etwas Neues, das uns selbst erschreckte. Gesamthaft wird es wohl noch einige Jahre dauern, um zu verstehen, was die genaue Bedeutung dieser massiven Gewalt war. Aber es ist wichtig zu sehen, dass im Vorfeld der Ereignisse die \u00f6konomische, soziale, politische und kulturelle Krise immer sp\u00fcrbarer wurde und deutlich zum Vorschein kam, dass die Vorstellung junger Menschen, was ihre Zukunft betrifft, nicht mehr dieselben sein k\u00f6nnten, wie jene ihrer Eltern. Der Dezember brachte dieses Bewusstsein in aller Deutlichkeit hervor.<\/p>\n<p><strong>Ihr legt gro\u00dfen Wert darauf, dass die Bewegung mehr war als ein unmittelbarer Gewaltausbruch. Ihr sprecht die Organisationsformen und ein gewachsenes Bewusstsein \u00fcber gesamtgesellschaftliche Abl\u00e4ufe an. Hat sich nach 2008 dann auch etwas ver\u00e4ndert?<\/strong><\/p>\n<p><em>Evangelia<\/em> &#8211; Die gro\u00dfe Ver\u00e4nderung liegt gerade darin, dass viele Menschen in den letzten vier Jahren angefangen haben sich Fragen zu stellen, die sie sich in der Vergangenheit nicht gestellt haben. Lange Zeit war es nur die radikale Linke, die sich kritisch mit den gesellschaftlichen Prozessen auseinandersetzte und die herrschende Ordnung grunds\u00e4tzlich in Frage stellte. Jetzt aber beginnen dein Vater und deine Mutter dich zu fragen, was jetzt mit ihrem Geld zu tun sei, was denn jetzt passiere. Sie versuchen zu verstehen, wie das System funktioniert. Die Menschen haben angefangen, sich darum zu k\u00fcmmern, weil es f\u00fcr ihr Leben wichtig geworden ist. Das Spektrum jener, welche sich mit sehr grunds\u00e4tzlichen Fragen auseinandersetzen, hat sich somit ge\u00f6ffnet und die Debatten sind mitten in der Gesellschaft angekommen, sie sind so offen wie nie zuvor &#8211; das ist ein zentraler Wandel.<\/p>\n<p><strong>Wenn wir nun einen Zeitsprung machen und die Protestbewegung rund um die Schuldenkrise Griechenlands und die geplanten Sparma\u00dfnahmen anschauen, dann nehmen diese doch \u00e4hnliche Formen an. Und ihr habt die Kontinuit\u00e4t der Strukturen von 2008 betont, gibt es da direkte Verbindungen zu heute? Oder anders gefragt, w\u00e4re diese massive Bewegung heute \u00fcberhaupt m\u00f6glich ohne die Ereignisse von 2008?<\/strong><\/p>\n<p><em>Vasilis<\/em> &#8211; Im Hinblick auf die aktuelle Protestbewegung war der Dezember 2008 sehr wichtig. Die damals 16- bis 20- j\u00e4hrigen Menschen, die versuchten, ihre Solidarit\u00e4t mit Alexis zu zeigen in dem sie auf die Stra\u00dfe gingen, wurden in diesem Moment auch politisiert. Heute sind diese Menschen zwischen 19 und 23 Jahre alt und sie sind sich sicherer darin geworden, wie mit der Krise umzugehen ist und was diese Krise f\u00fcr ihr eigenes Leben bedeuten wird.<\/p>\n<p><em>Dimitra<\/em> &#8211; Ein wichtiger Unterschied zu 2008 ist, dass der Protest damals als eine Jugendrevolte verstanden wurde. Die aktuellen Proteste gegen die Sparma\u00dfnahmen und die Krise interpretiert niemand mehr als einen Jugendprotest, denn sie haben die ganze Gesellschaft erfasst. Dies zeigt nicht zuletzt auch die Besetzung des Syntagma-Platzes, die in sehr breiten Gesellschaftsschichten R\u00fcckhalt genoss. Letztlich ist die Frage, ob ohne den Dezember die Syntagma-Platzbesetzung nicht geschehen w\u00e4re, nicht beantwortbar, aber auf jeden Fall hatte der Dezember eine wichtige Rolle in der Wegbereitung, diese Prozesse sind aber innerhalb der Gesellschaft abgelaufen und die nachzuvollziehen ist enorm schwierig.<\/p>\n<p><strong>Am 25. Mai 2011 wurde der Syntagma-Platz nach einer langen Periode von Demonstrationen und Streiks gegen die griechische und europ\u00e4ische Sparpolitik besetzt. Von au\u00dfen beobachtend hatte man jedoch das Gef\u00fchl, dass der Protest im Vorfeld der Besetzung etwas abgeflaut war und in den Zeitungen wurde Berichtet, dass die GriechInnen ihr Schicksal nun angenommen h\u00e4tten und bereit w\u00e4ren sich auf die neuerlichen Restrukturierungsma\u00dfnahmen einzulassen. Was waren also die Bedingungen, die letztlich zu der Besetzung f\u00fchrten?<\/strong><\/p>\n<p><em>Vasilis <\/em>&#8211; Es war in den 1990ern, als der Staat den Menschen sagte: \u201eNehmt Kredite auf, die griechische \u00d6konomie floriert, es ist nicht gef\u00e4hrlich!&#8221; Am Anfang der angek\u00fcndigten Restrukturierung war die Meinung noch dominant, dass wir nun f\u00fcr diesen Fehler der 1990er bezahlen m\u00fcssen und dass wir selbst Schuld an dieser Misere seien. Die Menschen glaubten, dass der \u00f6ffentliche Sektor nicht funktioniere, die Wirtschaft nicht besonders produktiv sei und wir somit individuell weniger L\u00f6hne in Kauf nehmen m\u00fcssten. Aber dann siehst du die Zahlen von Eurostat und du siehst, dass die Produktivit\u00e4t in Griechenland in etwa dieselbe ist wie jene in Frankreich, Spanien oder Deutschland.<\/p>\n<p>Die Menschen h\u00f6rten auf zu glauben, dass die Krise von ihnen verursacht worden sei und sie \u00fcber individuelle Sparma\u00dfnahmen behoben werden k\u00f6nne. Als dann im Verlaufe des letzten Jahres die negativen Nachrichten nicht abrissen und immer mehr Menschen ihre Arbeit verloren, entstand eine Situation, in der viele offensichtlich nicht zu Hause bleiben wollten. Sie wollten ihre Wut mit anderen teilen. All diese Menschen die ihre Arbeit verloren haben, die wurden sp\u00fcrbar politischer und zeigten mehr Bereitschaft, sich zu engagieren. Der Syntagma-Platz war ein guter Ort f\u00fcr diese Menschen, da konnten sie hin und sie kamen.<\/p>\n<p><em>Evangelia<\/em> &#8211; Ja ich denke auch, dass viele mit dem Fortlauf der Krise immer besser verstanden, was da genau abl\u00e4uft. Projekte wie \u201eDebtocracy&#8221;<a href=\"http:\/\/www.debtocracy.gr\/indexen.html\">[1]<\/a> unterst\u00fctzten den Lernprozess ungemein und die Menschen begannen die Bedeutung von Schuld zu verstehen. Sie haben verstanden, dass es in der Schuld keine Perspektive gibt und dass man noch so viel sparen kann, noch so viel Lohnk\u00fcrzungen hinnehmen kann, die Schuld aber dennoch nicht abnehmen wird. Also warum sollten wir das alles auf uns nehmen?<\/p>\n<p><em>Vasilis<\/em> &#8211; Ja, wir konnten gar nirgends anders hin als auf den Syntagma-Platz, das ist der Hauptplatz, direkt vor dem Parlament, der Feind ist dort, vor dir.<\/p>\n<p><strong>Die Besetzung dauerte schlie\u00dflich bis am 30. Juli und hatte somit auch Bestand, als Ende Juni \u00fcber die Sparma\u00dfnahmen, welche von der EU vorgegeben wurden, im Parlament abgestimmt wurde. Tage also, in denen die Beh\u00f6rden die Innenstadt sperren wollten und es immer wieder zu massiven Zusammenst\u00f6\u00dfen mit der Polizei kam, wie konnte der Platz dennoch gehalten werden?<\/strong><\/p>\n<p><em>Vasilis<\/em> &#8211; Als die Besetzung anfing, da wollte die Polizei die Situation nicht weiter anheizen und hoffte, dass die Bewegung auszusitzen sei und abflachen w\u00fcrde. Am Anfang hatte das Ganze auch nicht einen so politischen Charakter. Dann wuchs die Bewegung an und es wurde noch kritischer, den Platz zu r\u00e4umen. Die Hoffnung der Beh\u00f6rden war, dass mit dem Sommer nur noch wenige bleiben w\u00fcrden und es einfacher aufzul\u00f6sen sein werde &#8211; letztlich geschah dann auch genau das. Hilfreich war aber sicher, dass der Platz und dessen Zug\u00e4nge polizeilich schwer zu kontrollieren sind. So war lange Zeit das Hauptziel der Polizei, das Parlament zu bewachen und sicherzustellen, dass niemand rein geht.<\/p>\n<p><em>Pascalis<\/em> &#8211; Der Staat spielt mit dem Gleichgewicht und versucht, den Schein einer Demokratie zu wahren. Denn wenn die Beh\u00f6rden versucht h\u00e4tten, von allem Anfang der Besetzung mit Repression zu begegnen, dann w\u00e4re die Situation wohl eskaliert. Andererseits versucht der Staat ein gewisses Mass an Barrieren zu setzen. So wurde etwa am 29. Juni 2011, an dem Tag als \u00fcber das Sparprogramm abgestimmt wurde, von den Beh\u00f6rden dazu aufgerufen, nicht in die Innenstadt zu kommen. Der Platz war zu diesem Zeitpunkt noch besetzt und dem Aufruf der Beh\u00f6rden wurde nicht Folge geleistet. So mussten die Abgeordneten, um abstimmen zu k\u00f6nnen, unter Polizeischutz in das Parlamentsgeb\u00e4ude. Das hatte eine massive Symbolkraft.<\/p>\n<p><em>Dimitra<\/em> &#8211; Am Abend nach der Abstimmung wurden die Abgeordneten gar durch den Hinterausgang hinausgeleitet und es gab Bilder im Fernsehen von mit Taschenlampen gef\u00fchrten Politikern die durch den Garten hinter dem Parlament geleitet wurden.<\/p>\n<p><strong>Besetzungen von \u00f6ffentlichen Geb\u00e4uden, Demonstrationen in den Strassen und die Inbesitznahme des Syntagma-Platzes &#8211; \u00d6ffentliche R\u00e4ume spielen in beiden Bewegungen, jener von 2008 und auch in der aktuellen, symbolisch wie praktische eine zentrale Rolle?<\/strong><\/p>\n<p><em>Vasilis<\/em> &#8211; Der \u00d6ffentliche Raum ist zentral. \u00d6ffentlicher Raum ist der Ort, wo was ver\u00e4ndert werden kann, es ist der Ort wo du dich ausdr\u00fccken kannst, zeigen kannst, wer du bist. Dies gilt vor allem auch f\u00fcr ausgeschlossene und marginalisierte Gruppen.<\/p>\n<p><em>Pascalis<\/em> &#8211; Im Zentrum zu sein ist aber nicht nur symbolisch wichtig, sondern auch ganz real politisch wie \u00f6konomisch. Denn die Zentren vieler griechischer St\u00e4dte sind wichtige Orte f\u00fcr die Tourismusindustrie. Die Inbesitznahme des Zentrums hat somit auch die Form eines Streikes der Stadt. Man interveniert sehr aktiv in die sozialen Abl\u00e4ufe einer Stadt, manchmal unterbricht man sie gar vollkommen, die Stadt als produktiven Ort wird lahm gelegt. Ich glaube, dass das sehr wichtig ist. Dies bringt die Gegenseite auch zum Ausdruck, wenn die Stadtbeh\u00f6rden betonen, dass der Protest aufh\u00f6ren m\u00fcsse, weil die Wirtschaft und der Tourismus Schaden nehmen w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Ein weiterer Aspekt, den wir beobachten konnten, ist, dass die Bedeutung von Gewalt und Ausschreitungen im \u00d6ffentlichen Raum nicht nur rein physisch Gehalt haben, sondern &#8211; gerade weil das im \u00d6ffentlicher Raum stattfindet &#8211; in einer sehr dynamischen Art und Weise das reflektiert und materialisiert was in der Gesellschaft als sozialer Konflikt abl\u00e4uft. So denke ich dass die Pr\u00e4senz und Ereignisse im \u00d6ffentlichen Raum in den letzten vier Jahren stark zu dem gewachsenen politischen Bewusstsein beigetragen haben, das wir heute beobachten k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><em>Evangelia<\/em> &#8211; Gerade bei der Syntagma-Platzbesetzung hatten wir das Gef\u00fchl, dass sich die Stadt als Ganzes beteiligt und somit war das Zentrum mehr als nur eine Kulisse f\u00fcr den Protest. Wichtig ist zu sehen, dass der Syntagma-Platz nicht nur r\u00e4umlich zentral liegt, sondern auch von einer sehr heterogenen Bev\u00f6lkerungsschicht umgeben ist. So kann man einerseits zu Fuss in die teuersten Einkaufsstra\u00dfen von Athen gehen, gleichzeitig sind aber auch sehr arme Stadtteile in unmittelbarer N\u00e4he. Und die Menschen, die auf den Platz kamen, um die Besetzung zu unterst\u00fctzen, die kamen aus all diesen Schichten, es gab da keine scharfe Trennung.<\/p>\n<p><strong>Ihr habt im Zusammenhang mit der Besetzung des Syntagma-Platzes gesagt, dass die Bewegung eher unpolitisch anfing, dass sich dies aber ver\u00e4ndert habe im Verlauf der Besetzung. Gleichzeitig habt ihr betont, dass 2008 von Anfang an die radikale Linke auf der ideellen Ebene sehr pr\u00e4sent war. Welche Rolle spielt denn die Linke heute?<\/strong><\/p>\n<p><em>Pascalis<\/em> &#8211; In den letzten paar Monaten verst\u00e4rkt &#8211; aber auch schon in den Jahren zuvor &#8211; war zu beobachten, dass es teilweise eine feindselige Einstellung gegen\u00fcber linken Gruppierungen gab und das ist etwas, das wir analysieren m\u00fcssen, vor allem die Ursachen dieser Stimmung. Ich glaube aber, dass eine bewusste Diskreditierung linker Ideen auch ein Teil des neoliberalen Programms war, das wir in den letzten Jahrzehnten gesehen haben. Es war eine Politik, die sich gegen Gewerkschaften, gegen Streiks und ganz allgemein gegen eine Kultur des Widerstandes richtete. Dann kommen die internen Probleme der Linken in Griechenland hinzu.<\/p>\n<p><em>Vasilis<\/em> &#8211; Ja, wir haben tats\u00e4chlich ein grosses Problem mit den linken Parteien in Griechenland. Es gibt drei gro\u00dfe linke Parteien, unter anderem die Kommunistische Partei, die sehr konservativ ist und sich nicht zu anderen Teilen der Linken \u00f6ffnen will, das ist also ein Problem. Dies nicht zuletzt deshalb, weil ich glaube, dass sich einiges bewegen lassen w\u00fcrde, wenn die Linke in Griechenland heute geeint w\u00e4re.<\/p>\n<p><strong>Die Bewegung von 2008 hat offensichtlich einige Spuren in der griechischen Gesellschaft hinterlassen, gerade auch im Hinblick auf die aktuellen Proteste. Was denkt ihr, wird von der Besetzung des Syntagma-Platzes bleiben?<\/strong><\/p>\n<p><em>Pascalis<\/em> &#8211; Zum Beispiel sind alternative \u00d6konomien, die bis anhin komplett abnorm waren, ins \u00f6ffentliche Interesse ger\u00fcckt. Bis vor einigen Jahren hatten wir quer durch die Gesellschaft einen neoliberalen Konsens. Heute m\u00fcssen sogar Massenmedien eingestehen, dass es Alternativen gibt.<\/p>\n<p>Ich wei\u00df nicht, ob der Syntagma-Platz revolution\u00e4r war, aber viele Menschen haben w\u00e4hrend der Besetzung aufgeh\u00f6rt, in den Kategorien des Systems zu denken. Und erst so wurde es \u00fcberhaupt m\u00f6glich, sich im Klaren zu werden, welches Verh\u00e4ltnis diese Schuld ausdr\u00fcckt und die einzige Antwort darauf sein kann, dass wir sie nicht bezahlen. F\u00fcr viele Menschen war die Erfahrung des Syntagma-Platz eine praktische Radikalisierung. Dies ist auch durch partizipatorische Prozesse auf dem Platz gef\u00f6rdert worden, und auch wenn ich nicht weiss, was der Ausgang sein wird, so bin ich mir doch sicher, dass alle, die dort waren, informierter und bewusster gegen\u00fcber der gegenw\u00e4rtigen Situation sind.<\/p>\n<p><em>Evangelia<\/em> &#8211; Die Menschen diskutieren heute auf der Strasse, ob aus dem Euro ausgetreten werden soll, wie es mit Europa weitergehen soll. Es werden also Diskussionen gef\u00fchrt, die noch vor einigen Jahren nur von einer ganz kleinen Minderheit linker Menschen gef\u00fchrt wurden. Aber jetzt handeln sie! Insofern kann gesagt werden, dass das was im Dezember 2008 war, eine erste Reaktion war, dass das, was wir aber in den letzten Jahren gesehen haben, das ist ein wachsendes Bewusstsein.<\/p>\n<p><em>Vasilis &#8211;<\/em> Wir haben mit den Protesten der letzten Jahre erreicht, dass heute alle \u00fcber die aktuellen Abl\u00e4ufe Bescheid wissen. Heute wei\u00df jeder, was die Europ\u00e4ische Zentralbank, Mary-Lynch oder Standard &amp; Poor&#8217;s ist. Diese Namen sind zu Begriffen unseres Alltags geworden. In Bezug darauf, wie es nun weitergeht, da sehe ich zwei Wege. Das eine ist eine konservative Variante, die von einer nationalistischen, patriotischen und eher geschlossenen Einstellung gepr\u00e4gt sein w\u00fcrde und sich gegen die ImmigrantInnen und Ausl\u00e4nderInnen richten w\u00fcrde. Gerade unter Konservativen ist die Haltung weit verbreitet, dass Griechenland aus der EU raus sollte und es alleine besser gehen w\u00fcrde. Die zweite Alternative ist eine linke. Damit die Linke aber erfolgreich sein kann, muss die Bewegung eine Sprache finden, um mit den Menschen im Alltag zu kommunizieren.<\/p>\n<p><em>Evangelia<\/em> &#8211; Dieser Aspekt mit der fehlenden Sprache hat sich auch w\u00e4hrend der Besetzung des Platzes als ein zentraler Aspekt herauskristallisiert, an dem wir als Bewegung arbeiten m\u00fcssen. Denn viele waren sich einig, dass es offensichtlich an der geeigneten Sprache fehlt, um die eigenen Ideen zu vermitteln, und so wurde immer st\u00e4rker betont, dass wir eine Sprache finden m\u00fcssen, die zug\u00e4nglich ist.<\/p>\n<p><em>Dimitra<\/em> &#8211; Ich denke wir sollten aber auch nicht zu romantisch sein. Die extreme Rechte wurde gest\u00e4rkt, nationalistische und patriotische Parteien und Gruppen treten aggressiver auf. Und so gibt es auch viele Leute, die sich der Globalit\u00e4t des Problems bewusst sind und darauf aber reagieren, indem sie sagen, dass die Regierung nicht patriotisch genug und nur ein Puppe Amerikas und Deutschlands sei. Was ich damit sagen will ist, dass auch, wenn die Menschen die Situation besser durchdringen, dies nicht hei\u00dft, dass sie sich links positionieren und \u00fcber Umverteilung von Wohlstand und solchen Sachen diskutieren w\u00fcrden. Denn es ist halt immer noch so, dass es der einfachere Weg ist den ImmigrantInnen, dem CIA oder wem auch immer die Schuld zu geben &#8211; es gibt heute viele irre Argumente, aber es sind einfache Antworten und viele f\u00fchlen sich von diesen Antworten angezogen.<\/p>\n<p><strong>Nun zum Schluss noch eine letzte Frage. Nach all dem, was ihr erz\u00e4hlt habt, ist mir bewusst, dass diese Frage nur schwer zu beantworten sein wird, aber dennoch, was denkt ihr, wo f\u00fchrt die Situation hin?<\/strong><\/p>\n<p><em>Vasilis<\/em> &#8211; Wenn wir sagen, dass wir nicht verstehen k\u00f6nnen, was 2008 abgelaufen ist &#8211; weil das alles sehr neu war -, dann sagen wir aber auch, dass wir die Ver\u00e4nderung um uns herum noch nicht ganz verstanden haben. Gerade die Staatlichkeit hat sich stark ver\u00e4ndert und wir haben diese Ver\u00e4nderung noch nicht durchdrungen, weshalb wir auch die Reaktion nicht ganz einordnen k\u00f6nnen. Die Besetzung des Syntagma-Platzes etwa stand unter dem Motto \u201eDirekte Demokratie&#8221;, weil wir uns ausgeschlossen f\u00fchlen, nicht nur von offiziellen demokratischen Abl\u00e4ufen, sondern vom allt\u00e4glichen Leben. Im neoliberale Staat &#8211; wir haben diverse Privatisierungswellen seit den 1980ern durchgemacht &#8211; schl\u00e4gt die Welle der Privatisierungen nun auf den \u00d6ffentlichen Raum \u00fcber und dies bedeutet eine verst\u00e4rkte Exklusion aus dem allt\u00e4glichen Leben.<\/p>\n<p>Allgemein ist es heute schwer, Hoffnung zu finden. In den 1980ern und 90ern war die Hoffnung, nach einem Abschluss an der Universit\u00e4t eine Arbeit zu finden, noch intakt, heute aber glaubt daran niemand mehr. Niemand glaubt, dass er in der Zukunft besser leben wird als vorher. Wenn wir also an Entwicklung glauben sollen, dann m\u00fcsste doch vor uns eine bessere Zukunft liegen? All dies, was heute geschieht, die Situation, in welcher wir uns als Gesellschaft befinden, das alles sind ziemlich neue Sachen. Die Reaktionen auf diese neuen Erscheinungen sind aber sehr asymmetrisch. Wir haben keine Strategie, um gegen die Privatisierung anzugehen. Deshalb denke ich, dass die Linke neue Mittel und Strategien entwickeln muss. Eine solche Strategie muss Br\u00fccken bilden zwischen den linken Bewegungen insbesondere auch mit Nordeuropa. Denn auch wenn immer behauptet wird, dass es einen Unterschied zwischen Nord- und S\u00fcdeuropa geben w\u00fcrde, so sind die exkludierenden Prozesse doch \u00fcberall die gleichen.<\/p>\n<p><em>Evangelia<\/em> &#8211; Ich denke, es ist aber auch nicht zu vernachl\u00e4ssigen, was auf der pers\u00f6nlichen Eben passiert ist. Am Anfang &#8211; also noch vor dem Dezember 2008 -, als wir zusammen an einem Streik oder an einer Demonstrationen waren und die Polizei kam oder wir Tr\u00e4nengas rochen, gingen wir weg. Nun aber, nach all diesen kollektiven Erlebnissen, nach all dem, was in den letzten Jahren passiert ist, dem kollektiven Widerstand im Dezember 2008, haben wir auch ein neues Selbstbewusstsein gefunden, wer wir sind und wie wir agieren k\u00f6nnen. Dieses neue Verst\u00e4ndnis haben wir auch auf dem Syntagma-Platz erlernt und dies wird bleiben, bei vielen.<\/p>\n<p><em>Vasilis<\/em> &#8211; Die Menschen haben ein Verst\u00e4ndnis daf\u00fcr gewonnen, dass sie Gerechtigkeit und am gesellschaftlichen Leben partizipieren wollen. Das ist auch der Grund, warum eines der zentralen Mottos der Syntagma-Platzbesetzung \u201eDirekte Demokratie&#8221; war. Ich wei\u00df aber nicht wie sich dies in der Zukunft artikulieren wird, so stellt sich doch schon nur die Frage, was denn \u201eDirekte Demokratie&#8221; hei\u00dft. Offensichtlich f\u00fchlen sich aber viele ausgeschlossen. Ich wei\u00df aber auch nicht, was wir erwarten sollen. Was international in den letzten Monaten geschah, war aber definitiv sehr wichtig. Die Bewegung heute in Spanien und an anderen Orten hat uns Mut gemacht. Dennoch m\u00fcssen wir feststellen, dass auch noch heute die Wirtschaft sich nicht an unseren Bed\u00fcrfnissen orientiert, sondern dass sich alles nur um Finanzen und M\u00e4rkte dreht. So ist es offensichtlich immer noch wichtiger, was an den B\u00f6rsen geschieht, als das was bei den echten Menschen abl\u00e4uft. So denke ich, dass das System echt falsch ist und wir was \u00e4ndern m\u00fcssen.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/linksunten.indymedia.org\/de\/node\/47525\">http:\/\/linksunten.indymedia.org\/de\/node\/47525<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Krise ist seit 2008 ein gefl\u00fcgeltes Wort. 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