{"id":942,"date":"2011-10-17T14:11:32","date_gmt":"2011-10-17T12:11:32","guid":{"rendered":"http:\/\/www.lagota.ch\/?p=942"},"modified":"2011-10-17T14:11:32","modified_gmt":"2011-10-17T12:11:32","slug":"liebe-besetzende-ein-brief-an-die-occupy-bewegung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.lagota.ch\/?p=942","title":{"rendered":"Liebe Besetzende &#8211; Ein Brief an die &#8220;Occupy-Bewegung&#8221;"},"content":{"rendered":"<p><strong><a href=\"https:\/\/www.lagota.ch\/wp-content\/uploads\/people.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-medium wp-image-943\" title=\"people\" src=\"https:\/\/www.lagota.ch\/wp-content\/uploads\/people-300x170.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"170\" srcset=\"https:\/\/www.lagota.ch\/wp-content\/uploads\/people-300x170.jpg 300w, https:\/\/www.lagota.ch\/wp-content\/uploads\/people.jpg 370w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a>Unterst\u00fctzung und Solidarit\u00e4t! Wir sind inspiriert von den Besetzungen hier und anderswo auf dieser Welt. Endlich nehmen sich die Leute die Strasse zur\u00fcck! Die Dynamik rund um diese Aktionen hat das Potenzial, Protest und Widerstand neu zu beleben. Wir hoffen, dass diese Besetzungen an Zahl und Inhalt wachsen werden und wir tun unser Bestes, unseren Beitrag dazu zu leisten.<\/strong><\/p>\n<p><strong> <\/strong><\/p>\n<p><strong>Warum \u00e4ussern wir uns? Kurz: Wir haben solche Situation bereits erlebt. Seit Jahrzehnten k\u00e4mpfen wir gegen den Kapitalismus, organisieren Besetzungen und versuchen, Entscheidungen im Konsens zu treffen. Wir wollen niemanden belehren. Es ist uns ein Anliegen, die Erfahrungen, welche wir gemacht haben, zu teilen. Wir w\u00fcnschen uns, dass gemachte Fehler nicht wiederholt werden. Deswegen fassen wir einige unserer Erfahrungen hier zusammen und stellen sie zur Diskussion. <\/strong><br \/>\nDie 99% sind nicht eine gesellschaftliche Schicht, sondern viele. Der Slogan \u00abWir sind 99%\u00bb aus den USA l\u00e4sst vermuten, dass diese eine homogene Masse seien. Im Fernsehen werden diese \u00abDurchschnittsmenschen\u00bb erstaunlich h\u00e4ufig als m\u00e4nnliche, weisse, gesetzestreue Mittelst\u00e4ndische dargestellt \u2013 selbst wenn solche Leute in den USA in der Minderheit sind.<\/p>\n<p>Es ist ein Fehler, unsere Unterschiede zu negieren. Nicht jede_r entdeckt erst jetzt die Ungerechtigkeit des Kapitalismus, manche Bev\u00f6lkerungsschichten sind bereits seit Jahren oder Generationen Zielscheibe des Machtgef\u00fcges. Der Mittelstand, der jetzt seinen sozialen Status verliert, kann viel lernen von denjenigen, die schon viel l\u00e4nger unter dieser Ungerechtigkeit zu leiden hatten.<\/p>\n<p>Das Problem sind nicht bloss ein paar \u00abfaule \u00c4pfel\u00bb. Die Krise ist nicht das Resultat des Egoismus weniger Investmentbanker, sie ist die unvermeidliche Konsequenz eines \u00f6konomischen Systems, welches ruin\u00f6sen Wettbewerb auf jeder Ebene der Gesellschaft belohnt. Kapitalismus ist kein statischer \u00abway of life\u00bb, sondern ein dynamischer Prozess, welcher alles konsumiert und die Welt in Profit und Ruinen verwandelt. Jetzt, wo alle Reserven aufgebraucht sind, kollabiert das System und l\u00e4sst selbst ehemalige Gewinner_innen im Regen stehen. Die Antwort ist nun nicht, auf irgendein fr\u00fcheres Stadium des Kapitalismus zur\u00fcckzugreifen \u2013 zur\u00fcck zum Goldstandard, zum Beispiel. Dies ist nicht nur unm\u00f6glich, sondern w\u00fcrde auch nichts \u00e4ndern: Die 99% wurden in diesen fr\u00fcheren Stadien genauso wenig ber\u00fccksichtigt. Um einen Weg aus dieser Misere zu finden, m\u00fcssen wir andere Wege entdecken, um mit uns und mit der Welt umzugehen.<\/p>\n<p>Der Polizei kann nicht vertraut werden. Sie m\u00f6gen vielleicht \u00abauch nur ihre Arbeit machen\u00bb, aber ihr Job ist es, die Interessen und Privilegien der Herrschenden zu verteidigen. So lange sie als Polizist_innen angestellt sind, k\u00f6nnen wir nicht auf sie z\u00e4hlen, wie freundlich auch immer sie sich verhalten m\u00f6gen. Besetzer_innen, welche das noch nicht wissen, werden es aus erster Hand erfahren, sobald sie das Ungleichgewicht von Macht und Wohlstand, auf welchem unsere Gesellschaft basiert, bedrohen. Jede_r, der oder die jetzt einwendet, die Polizei existiere, um den gew\u00f6hnlichen Leuten zu helfen und sie zu besch\u00fctzen, hat wohl ein privilegiertes und gehorsames Leben gef\u00fchrt.<\/p>\n<p>Erkl\u00e4rt Gesetzestreue nicht zum Fetisch. Gesetze dienen dem Schutz der Privilegien der Wohlst\u00e4ndigen und M\u00e4chtigen, ihnen treu zu sein ist nicht zwingend ethisch korrekt \u2013 es kann sogar unethisch sein. Sklavenhandel war legal. Auch die Nazis hatten Gesetze. Wir m\u00fcssen die Kraft entwickeln, das zu tun, was wir f\u00fcr das Beste halten, unabh\u00e4ngig von den Gesetzen.<\/p>\n<p>Um vielf\u00e4ltige Teilnehmer_innen zu haben, muss eine Bewegung Platz f\u00fcr vielf\u00e4ltige Aktionsformen lassen. Es ist arrogant und selbstgef\u00e4llig zu denken, dass du alleine w\u00fcsstest, auf welchem Weg eine bessere Welt zu erreichen sei. Andere zu denunzieren hilft den Autorit\u00e4ten, die Bewegung zu delegitimieren, zu spalten und sie als Ganzes zu zerst\u00f6ren. Kritik und Diskussionen treiben eine Bewegung vorw\u00e4rts, aber Machtk\u00e4mpfe l\u00e4hmen sie. Das Ziel sollte nicht sein, jede_n zu zwingen, eine bestimmte Taktik anzuwenden, sondern herauszufinden, wie unterschiedliche Herangehensweisen sich gegenseitig erg\u00e4nzen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Unterstelle nicht denjenigen, die das Gesetz brechen oder der Polizei entgegentreten, \u00abAgents Provocateurs\u00bb zu sein. Viele Leute haben gute Gr\u00fcnde, w\u00fctend zu sein. Nicht nur ist es irref\u00fchrend zu glauben, Auseinandersetzungen mit den Autorit\u00e4ten werden immer von den Autorit\u00e4ten selbst angezettelt \u2013 es negiert auch die notwendige direkte Konfrontation mit dem Status Quo und den Mut derjenigen, die sich darauf vorbereitet haben. Nicht jede_r begn\u00fcgt sich mit legalistischem Pazifismus; einige Leute w\u00e4hlen andere Formen, wie sie f\u00fcr sich selbst eintreten k\u00f6nnen.<br \/>\nPolizeigewalt ist nicht bloss da, uns zu provozieren, sondern auch, um uns zu verletzen und uns Angst einzufl\u00f6ssen. In diesem Kontext ist Selbstverteidigung essentiell.<\/p>\n<p>Keine Regierung \u2013 das heisst: keine zentralisierte Macht \u2013 wird jemals die Bed\u00fcrfnisse der gew\u00f6hnlichen Leute \u00fcber diejenigen der M\u00e4chtigen stellen. So etwas hat noch nie existiert. Es ist naiv, darauf zu hoffen. Zentral in dieser Bewegung sollte der Wunsch nach Freiheit und Autonomie und die gegenseitige Unterst\u00fctzung sein, die uns diesen Zielen n\u00e4her bringt \u2013 und nicht das Verlangen nach einer verantwortungsvolleren zentralisierten Macht.<\/p>\n<p>Das bedeutet: Das Wichtige ist nicht, Forderungen an die Herrschenden zu stellen, sondern kr\u00e4ftig genug zu werden, um unsere Bed\u00fcrfnisse selbst zu realisieren. Wenn wir Forderungen stellen und uns so auf die M\u00e4chtigen verlassen, laufen wir Gefahr, mit halbgaren Kompromissen abgespeist zu werden. Viele vergangene Proteste sind genau daran zu Grunde gegangen.<\/p>\n<p>Gleichermassen haben unz\u00e4hlige Bewegungen in der Vergangenheit auf die harte Tour erfahren m\u00fcssen, dass der Aufbau einer eigenen B\u00fcrokratie, wie \u00abdemokratisch\u00bb diese auch immer war, bloss ihre eigentlichen Ziele untergraben hat. Wir sollten weder neuen F\u00fchrer_innen noch irgendwelchen neuen Entscheidungsformen Autorit\u00e4t verleihen; wir sollten Wege finden, unsere Freiheit zu verteidigen, auszudehnen und dabei die Ungerechtigkeiten, die uns aufgezwungen werden, abzuschaffen.<\/p>\n<p>Die Besetzungen werden neue Aktionen hervorbringen. Wir sind nicht nur hier, um uns zu artikulieren \u2013 wenn wir nur reden, werden wir bei den M\u00e4chtigen auf taube Ohren stossen. Lasst uns Raum f\u00fcr selbstbestimmte Initiativen nehmen und direkte Aktionen organisieren, die den Urspr\u00fcngen sozialer Ungerechtigkeit entgegentreten.<\/p>\n<p>Danke f\u00fcrs Lesen und Planen und Agieren.<\/p>\n<p>M\u00f6gen all deine Tr\u00e4ume in Erf\u00fcllung gehen.<\/p>\n<p><em>Der Text ist angelehnt an einen Brief, welcher von Leuten des nordamerikanischen Ex-Workers&#8217; Collective \u00abCrimethInc.\u00bb an die Besetzenden der Wallstreet verfasst wurde. Mehr Informationen \u00fcber CrimethInc.:<\/em><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.crimethinc.com\" target=\"_blank\">http:\/\/www.crimethinc.com<\/a><br \/>\n<a href=\"http:\/\/crimethinc.blogsport.de\" target=\"_blank\">http:\/\/crimethinc.blogsport.de<\/a><\/p>\n<p>Quelle:<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unterst\u00fctzung und Solidarit\u00e4t! Wir sind inspiriert von den Besetzungen hier und anderswo auf dieser Welt. Endlich nehmen sich die Leute die Strasse zur\u00fcck! Die Dynamik rund um diese Aktionen hat das Potenzial, Protest und Widerstand neu zu beleben. 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