Krieg ohne Grenzen

28/08/2016

Das Hauptquartier der türkischen Polizeikräfte in der Stadt Cizre im Südosten des Landes ist am Freitag durch einem Autobombenanschlag der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) vollständig zerstört worden. Nach Angaben der staatlichen Nachrichtenagentur Anadolu starben bei dem Anschlag elf Polizisten, fast 80 weitere seien verletzt worden. Dagegen sprach die kurdische Nachrichtenagentur Firat unter Berufung auf Augenzeugen von »Dutzenden« getöteten Beamten. Bilder zeigten ein vollständig zerstörtes mehrstöckiges Haus. Die Regierung verhängte eine Nachrichtensperre.

In dem Gebäude waren unter anderem der polizeiliche Nachrichtendienst sowie Aufstandsbekämpfungseinheiten untergebracht. Von hier aus operierten die aus türkischen Faschisten und Dschihadisten gebildeten Sondereinheiten PÖH, die für den Tod von mehr als 300 Zivilisten in Cizre verantwortlich gemacht werden. So waren während monatelanger Ausgangssperren im vergangenen Winter 140 Menschen – darunter der Vorsitzende des Volksrates von Cizre, Mehmet Tunc – in den Kellern ihrer von den PÖH beschossenen Häuser verbrannt.

Mit dem Anschlag solle auf die Situation ihres in Isolationshaft gefangenen Vorsitzenden Abdullah Öcalan hingewiesen werden, erklärte die Guerilla, die in den letzten Wochen bereits rund ein halbes Dutzend Anschläge auf Polizeizentralen in kurdischen Städten verübt hatte. Seit April letzten Jahres durfte Öcalan keinen Besuch mehr von Verwandten, Anwälten oder kurdischen Politikern empfangen, seit Monaten fehlt von ihm jedes Lebenszeichen. Mehrere auf der Gefängnisinsel Imrali im Marmarameer stationierte Offiziere waren nach dem gescheiterten Militärputsch Mitte Juli wegen mutmaßlicher Verbindungen zu den Putschisten verhaftet worden. Zudem kursieren Gerüchte, wonach die Ermordung des PKK-Vorsitzenden Teil des Putschplans gewesen sein soll.

Bereits am Donnerstag war in der Schwarzmeerprovinz Artvin die Wagenkolonne des Vorsitzenden der kemalistisch-sozialdemokratischen Republikanischen Volkspartei (CHP), Kemal Kilicdaroglu, in ein Feuergefecht zwischen einer PKK-Einheit und der Armee geraten. Der Oppositionsführer blieb unverletzt. Innenminister Efkan Ala beschuldigte umgehend die PKK, einen Anschlag auf Kilicdaroglu verübt zu haben. Das wies die kurdische Guerilla am Freitag zurück: »Die Aktion richtete sich definitiv nicht gegen die CHP und Kemal Kilicdaroglu. Ziel waren die Einsatzkräfte des türkischen Staates.« Der Angriff der »Revolutionären Vereinigten Volksbewegung« (HBDH), zu der sich die PKK mit neun marxistisch-leninistischen Organisationen zusammengeschlossen hat, habe einem Konvoi der Armee gegolten. Von der dahinter fahrenden Kolonne des CHP-Vorsitzenden habe die ­Guerillaeinheit nichts gewusst.

85962Im Norden Syriens beschossen die türkischen Invasionstruppen in der Nacht zum Freitag kurdische Stellungen nahe der Stadt Manbidsch. Die »Volksverteidigungseinheiten« (YPG) hätten sich nicht, wie von den USA gefordert, auf das Ostufer des Euphrat zurückgezogen, hieß es zur Begründung aus Ankara. An der Seite der türkischen Truppen vorrückende Kämpfer der »Freien Syrischen Armee« setzten nach Angaben der syrisch-kurdischen Nachrichtenagentur Hawar bei einem Angriff auf das Dorf Dandania bei Manbidsch chemische Kampfstoffe ein. Bilder zeigen Dorfbewohner mit Hautverätzungen.

Quelle: http://www.jungewelt.de/2016/08-27/001.php

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Renitente Nr. 3

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