Lehrstück Griechenland

Es ist wahrscheinlich keine Übertreibung, wenn man behauptet, dass wir uns in einem großen Rummel, einem riesigen Zirkus befinden, der um »die Krise« gemacht wird, wobei diese Benennung davon ablenkt, dass ein Gesamtüberblick überhaupt nicht vorhanden ist – nicht von herrschender Seite und auch nicht von unten –, der eine solch einfache Benennung möglich machte. Der große Rummel signalisiert also nicht nur ein großes Interesse, sondern lenkt auch davon ab, genauer nachzufragen, um welche und um wessen Krise es sich eigentlich handelt und wie sie über uns gekommen ist. Die Leichtfertigkeit der Benennung als »die Krise« beinhaltet also gleichzeitig eine Entnennung. Und dadurch erscheint es plausibel, dass sich der Streit lediglich darum drehen muss, wie man »die Krise« bewältigt.

Geschichtslektionen I: Unter Karl dem Großen durfte der Lehrer notorische Faulenzer mit einer Eselskappe dem Spott der Musterschüler aussetzen

Geschichtslektionen I: Unter Karl dem Großen durfte der Lehrer notorische Faulenzer mit einer Eselskappe dem Spott der Musterschüler aussetzen (Foto: PA/akg-images)

Mein Argument ist, dass es sich lohnt, die Krise nicht als bloße Faktizität wahrzunehmen, trotz des Aufwandes, der zur Verbreitung einer solchen zutiefst unpolitischen und technokratischen Sichtweise beiträgt, aber mehr entnennt denn durchdringt oder begreifbar macht, was vor sich geht. Vieles von dem, was wir nur allzu gern der bloßen Faktizität »der Krise« zuschreiben, wird erst von den herrschenden Eliten hergestellt. In unserem Fall durch Unterlassungen, um dann ihre »Lösungen« als einzig mögliche erscheinen zu lassen. Erst werden alle alternativen Wege ausgeschlossen, auf dass am Schluss die neoliberale Lösung als einzig legitime, vernünftige übrig bleibt. Es ist Misstrauen angebracht ob der servierten Wahrnehmungskost, wie auch ein historischer Blick auf die Akteure und ihre Interessen und Ziele sehr hilfreich ist.

Zumindest in unseren politischen Kreisen dürfte es selbstverständlich sein, »die Krise« als eine der Krisen des Kapitalismus zu begreifen, als Akkumulationskrise. Durch enorme Produktivitätssteigerungen wurde in den vergangenen Jahrzehnten riesiger gesellschaftlicher Reichtum angehäuft. Dieser Reichtum wurde und wird nun – aufgrund der privaten Eigentumsverhältnisse und der historischen Kräfteverhältnisse – nicht in Form von Lohnsteigerungen und anderen Umverteilungen angeeignet, sondern er wandert in Gestalt realer und virtueller, aber immer privater Geldberge über den Globus. Unvorstellbare Mengen realen und fiktiven Kapitals, angehäuft in privaten Händen, suchen nach Profitmöglichkeiten. Das Schicksal von Millionen Menschen ist dabei nur eine kleine oder größere Ziffer in den Bilanzen, die Profitversprechen signalisieren.

Auch diese Akkumulationskrise und Profitsuche kann erst dann und vorübergehend zur Ruhe kommen, wenn sie neue »Hinterhöfe« in die kapitalistische Verwertungslogik eingliedern kann. Dabei handelt es sich allerdings um keinen »natürlichen« Prozess abstrakter Kapitalbewegungen, der einfach technisch abläuft. (1) Es handelt sich vielmehr um heftige Kämpfe, regelrechte Kriege, mit vielen verschiedenen Subjekten, mitsamt ihren widersprüchlichen Interessen. Wolfgang Schäuble etwa vertritt hierbei nicht unbedingt dieselben Interessen wie Angela Merkel oder Nicolas Sarkozy.

Der Kapitalismus existiert als ein Ensemble von Prinzipien, die durch das Handeln vieler, miteinander konkurrierender Subjekte realisiert werden müssen. Er ist ein Produkt vielfältiger, widersprüchlicher und begründeter Handlungen – auch von solchen gegen den Kapitalismus. Die kapitalistische Realität ist demnach ein vielschichtiger Klassenkampf zwischen (kollektiven) Subjekten – in den Etagen der Oberen, aber auch zwischen den Etagen, von oben gegen unten, wobei es weder ein einheitliches Oben noch ein einheitliches Unten gibt. Es sind mehrere Oben und mehrere Unten, die auch untereinander konkurrieren. Dieser vielschichtige Klassenkampf wird vorübergehend sistiert durch Kompromisse zwischen den konkurrierenden Subjekten und wieder dynamisiert durch deren Aufkündigung. In einem solchen dynamischen Moment befinden wir uns gerade in Europa – und bezeichnen das leichtfertig als »die Krise«.

Was gerade in Griechenland durch die europäischen Institutionen geschieht, soll auch paradigmatischen Charakter haben für Europa – auf dass niemand aufmuckt und anderes fordert, als ihm zugewiesen wird. Und der Kampf ist nicht ausgestanden – weder in Griechenland, noch in Spanien oder anderswo. Allerdings hat die Sache eine solche Dynamik bekommen, dass auch die herrschende Klasse in Europa oft eher in Panik handelt, als dass sie einen Überblick hätte – nicht dass sie fürchtete zu verhungern oder ihre Renten zu verlieren, aber um ihre Privilegien sorgt sie sich. Auch sie wird möglicherweise von den Folgen ihres (Nicht-)Handelns überrollt und von den Produkten ihrer Tätigkeit beherrscht. Es lohnt sich also, sich dem Geschehen aus der Perspektive des Handelns der verschiedenen Akteure und ­Subjekte anzunähern.

»We are using the crisis as an opportunity for a renewal« (2) – die Krise als Chance

»Krise« heißt unter anderem Entscheidung, Wende, und als solche beinhaltet sie auch »Offenbarungen«. In Krisenzeiten treten die wahren Machtverhältnisse offener zu Tage. Bisherige soziale, politische Kompromisse werden aufgekündigt oder sind es schon. Sie werden von der Krise herausgefordert, fördern sie aber gleichzeitig ihrerseits. Das ist deutlich auch in dieser Krise – ob nur der griechischen oder insgesamt der europäischen. Es lohnt sich also, danach zu fragen, wer diese Krise als Chance begreift und mit welchen Entscheidungen, Wendungen und »Offenbarungen« wir konfrontiert sind; sodann ist nach den Handlungen und Politiken zu fragen, die im Zusammenhang mit der Krise realisiert wurden.

Es gibt gegenwärtig zwei herrschaftliche Projekte in Europa:

  1. Das neoliberale Projekt wird nun auch in Westeuropa vorangetrieben, nachdem es in allen möglichen Regionen der Welt auch durch Europa erzwungen wurde, mit genau denselben Schuldenmechanismen, die auch jetzt hier verwendet werden. Griechenland bietet – klein und ökonomisch schwach, wie es ist – ein gutes Einfallstor hierfür. Europa ist die letzte Burg, die vom Neoliberalismus geschleift werden muss. Es ist kein Geheimnis, dass die griechischen Staatsschulden auch für die europäischen Eliten weniger ein Problem darstellen als vielmehr eine geeignete Gelegenheit bieten, wenn sie nicht sogar ein passendes Mittel für ihre Projekte darstellen. Die besondere Strategie der Wahl im Zusammenhang mit dem »griechischen Problem« ist für die gesellschaftlichen Eliten daher die Strategie der Unterlassung und der Behinderung bestimmter naheliegender Lösungen gewesen. (3) Man kann insofern von unterlassener Hilfeleistung für Griechenland sprechen (begleitet und unterstützt durch die rhetorischen Scharfmacher: »Ihr faulen Griechen«), die der Erhöhung des Drucks auf die ­Bevölkerung dient. Doch Griechenland ist auch Präzedenzfall und warnendes Exempel beim neoliberalen Umbau in Westeuropa. Das Griechen-Bashing ist hierbei als Einübung in das neue, neoliberale Regime der sozialen Integration zu begreifen: Man kann sich nicht mehr auf soziale und kollektive Rechte, Ressourcen, Sicherheiten etc. verlassen, sondern muss jeweils »individuelle Nachweise« der eigenen Verwertbarkeit erbringen, um sich soziale Zugehörigkeit wenigstens zeitweise zu erkaufen. Es ist dabei konsequent, dass derlei zuerst den ohnehin Deklassierten abverlangt wird. Doch sind von solchen Forderungen auch die Fordernden betroffen. Obwohl bzw. indem sie jetzt als »geschützte Täter« agieren, tragen sie letztlich zur eigenen Verunsicherung bei, weil sie Prinzipien legitimieren, die auch gegen sie selbst gewendet werden können  – nur etwas später. Die Beschränkung der Solidarität nur auf »sich und die Seinen« bedeutet letztlich die Aufkündigung der Solidarität – auch für sich selbst.
  2. Die griechische Krise bietet offensichtlich einen guten Anlass, den Kampf um das Aussehen eines künftigen Europa zu entfesseln. Die Entfesselung der Finanzmärkte ist in Deutschland eben nicht nur durch Konservative herbeigeführt worden – die rot-grüne Bundesregierung (4) hat kräftig mitgewirkt. Es ist offensichtlich, dass in ganz Europa ein Riss die traditionelle Fraktionierung in links und rechts konterkariert. Die deutsche Regierung hat Größeres im Sinn, denn sie versucht, endlich ganz Europa umzugestalten: Kann das neue Europa ein deutsches Europa werden? Lebt der alte Traum der deutschen Bourgeoisie von Kolonien in der Nachbarschaft in neuer Gestalt im 21. Jahrhundert weiter?

Die Lage in Griechenland

»Die Krise« macht sich zunächst vor allem im Süden Europas bemerkbar. Scheinbar bemerkte die neue sozialistische Regierung erst Ende 2009 ein Riesenloch im Staatshaushalt, das sich plötzlich auftat, nachdem der zentrale Slogan für ihren triumphalen Sieg im Herbst 2009 noch »Geld ist genug vorhanden – es kommt auf die richtige Verteilung an« gelautet hatte. Griechische Schulden sind so zur »Krise« aufgebläht worden. Wie mehrfach festgestellt worden ist – sogar vom ehemaligen Vorsitzenden der EU-Kommission Romano Prodi (5) – und an die griechische Regierung herangetragen wurde, hätte die Schuldenkrise des öffentlichen Haushaltes in Griechenland angesichts der realen ökonomischen Größe dieser süd-östlichen Flanke Europas schon im Anfangsstadium – das heißt schon 2009 – mit wenig Aufwand gelöst werden können, wenn nur der Wille für eine schnelle Bewältigung auch bei den herrschenden politischen Eliten vorhanden gewesen wäre. Was wir im Gegensatz hierzu beobachten können, ist die sukzessive und systematische – reale und dann auch mediale – Stilisierung des »griechischen Problems« zu einer Tragödie, deren (historische und geographische) Ausmaße bisher noch nicht überschaubar seien. Wollen wir also das »griechische Problem« begreifen – und nicht nur am volksverdummenden Spektakel teilnehmen –, dann müssen wir uns mit der schwierigen Frage auseinandersetzen, wer, warum und wie aus einer griechischen Mücke einen europäischen Elefanten gemacht hat.

Die mediale Inszenierung des »griechischen Problems« bietet ein politisches Lehrstück par excellence. Es handelt sich nicht einfach um einen heftigen Streit um das Zusammensparen von ein bisschen zu viel Sozialstaat und um ein bisschen mehr Arbeit. Es ist ein zynisch kalkuliertes und kalt inszeniertes gesamteuro­päisches Spiel mit dem Feuer, mit verschiedenen politischen Akteuren in verschiedenen Regionen und Positionen. Die politischen Eliten Griechenlands haben die Schuldenkrise nach 2008 benutzt, um das neoliberale Projekt endlich durchzusetzen, was sie seit über 20 Jahren immer wieder versuchen, was ihnen allerdings aus verschiedenen Gründen bisher nur ansatzweise gelungen ist:

  1. »Unsere« Eliten sind bekannt für ihre Unfähigkeit, die ein Erbe des Siegerregimes nach dem Zweiten Weltkrieg ist; die Zugehörigkeit zur Elite wird ausschließlich sozial reproduziert, etwa über die familiäre Abstammung (so dominieren seit der deutschen Besatzung drei Familien immer noch die politischen Geschicke des Landes).
  2. Ein weiterer Grund waren die profitablen Verbindungen zu den europäischen Finanzquellen; seit Anfang der achtziger Jahre sind insgesamt etwa 1,5 Billionen Euro ins Land geflossen und wohlweislich und absichtlich nur zu einem Teil zu ihrem erklärten Zweck verwendet worden; das »wohlweislich« bezieht sich weniger auf die griechische Regierung als auf die EU, die alles andere als betrogen wurde; es handelte sich um eine gezielte Kooperation zwischen den Eliten.
  3. Eine weitere Ursache waren die Probleme der parteipolitischen Organisation; die in Griechenland herrschenden Parteien sind Verbindungen aus Neoliberalen, die sich als Modernisierer aufführen, und Populisten, das heißt jene Fraktionen, die das klientelistische System, das von Andreas Papandreou politisch perfektioniert und verallgemeinert wurde, einfach fortführen wollen.

Die griechischen Eliten sind beliebte Kollabo­rateure der zentraleuropäischen gewesen, wenn es darum ging, Griechenland schnell und einfach mit Krediten zu überhäufen, um deutsche, französische Waren und Waffen im Übermaß zu importieren. Der griechische Schuldenberg ist weitgehend das Spiegelbild dieser Dienste für die deutschen und französischen Industrien und Banken. So werden die griechischen und europäischen Steuerzahler mit Schulden überladen, die von den zentraleuropäischen Indus­trien und Banken als Export- und Profitrekorde verbucht werden. Der Euro hat genau dieses Ungleichheitsverhältnis fiskalisch zementiert. Die Rechnung dafür wird gerade der Peripherie Europas vorgehalten in Form dümmlichster Ressentiments. Die Durchsetzung des neoliberalen Projekts ist allerdings auch aufgrund des heftigen Widerstandes von unten nicht gelungen. Es ist in den vergangenen 20 Jahren mehr als nur ein Minister zurückgetreten – nach unerwarteten und unkontrollierten Widerständen angesichts einzelner Versuche, die neoliberale Politik umzusetzen.

Postmoderner Staatsstreich

2009 wurde von der griechischen Regierung ganz anderen politischen Strategien Vorrang gegeben, anstatt die Vorteile des Moments zu nutzen und, ohne großes Aufsehen zu erregen, den Gläubigern einen realistischen »Haircut« abzugewinnen. Zuallererst wurde sehr gezielt und absichtlich Zeit geschunden: Zeit, um Schulden an Privatgläubiger (also private Banken) langsam zu verstaatlichen und die Verluste den europäischen Steuerzahlern aufzuhalsen. Es versteht sich, dass nur die möglichen Verluste, nicht jedoch die Gewinne mit den Steuerzahlern geteilt werden. Zeit aber auch, um die griechischen Staatsschulden aufblähen zu lassen und dann mit den zu planenden Austeritätspolitiken logistisch und vor allem medial unentwirrbar zu verbinden und die Krise als drohenden »Untergang«, sich selber jedoch als »Retter der Heimat« zu verkaufen.

Das klare und zynisch kalkulierte Ziel der sozialistischen Regierung war also zu keinem Moment, die griechischen Schulden, wie sie sich 2009 darstellten, zu bedienen. Das Ziel war, die Gelegenheit beim Schopfe zu packen und endlich die Bevölkerung zu »überzeugen«, also zu zwingen, sich auf die nötigen Opfer vorzubereiten, die gebracht werden müssten, um die Heimat zu retten.

Die Methode, »aus einer Mücke einen Elefanten zu machen«, um den Druck auf die Bevölkerung zu erhöhen und sich somit unnötige Legitimationsprozeduren (das heißt demokratische Wahlen) zu ersparen, ist kein Werkzeug nur der griechischen Eliten. Es ist nicht besonders verwunderlich, dass zwischen den konservativen Regierungen in Griechenland (von Kostas Karamanlis) und in Deutschland und Frankreich (Angela Merkel und Nicolas Sarkozy) keine Einigung gefunden wurde, sondern die konserva­tive Regierung Griechenlands erst abgewählt und durch eine »sozialistische« ersetzt werden musste, um das »griechische Problem« anzupacken, es mithin systematisch zum »Schuldenproblem« zu hypostasieren, um dann zur neo­liberalen Deregulierung der griechischen Gesellschaft zu schreiten.

Geschichtslektionen II: Schon in der mittelalterlichen Schule wandte die künftige Elite den als Esel abgestempelten Losern ostentativ den Rücken zu

Geschichtslektionen II: Schon in der mittelalterlichen Schule wandte die künftige Elite den als Esel abgestempelten Losern ostentativ den Rücken zu (Foto: PA/akg-images)

Der nächste Schritt in diesen Spielen mit der Demokratie sind die sogenannten Allparteienregierungen (6) der »Finanztechnokraten« für die besonderen »Problemländer« – derzeit für Griechenland und Italien. Paradoxerweise genießen diese Kabinette die größten parlamentarischen Mehrheiten – auch hierfür ist Griechenland gerade ein Lehrstück. Dem im Herbst und Winter 2011/2012 regierenden Kabinett wurde von mindestens 80 Prozent der Parlamentarier das Vertrauen ausgesprochen, doch gleichzeitig repräsentiert es den geringsten Teil der griechischen Bevölkerung. Es repräsentiert nicht einmal die Parteien, die hinter ihm stehen.

Es handelt sich bei dieser Regierung formell zwar um einen demokratisch legitimierten Herrschaftsapparat, allerdings zugleich um eine postmoderne Variante des Staatsstreichs auf Zeit. Seine Protagonisten brauchen keine Offiziere, keine Soldaten und keine Panzer. Vor dem Hintergrund der politischen Verwerfungen und Manöver und der Konsequenzen dieses bewusst geplanten Spiels mit dem Feuer ist das seit ein bis zwei Jahren inszenierte Gerede von den »faulen Griechen« (denen die fleißigen und großzügigen Deutschen gegenübergestellt werden) nicht einmal mehr ideologisch. Und es hat auch nur noch wenig Unterhaltungswert. Außer natürlich für all jene, die sich ihren Profit vom Untergang einzelner Regionen versprechen.

Vom Sozialstaat zum Strafstaat

Worum es bei der neoliberalen Transformation unserer Gesellschaften letztlich geht, ist der Sozialstaat. (7) Er ist in Griechenland nicht nur sehr rudimentär ausgebildet, sondern intern auch sehr ungerecht organisiert (je nach Klasse, Geschlecht, Ethnie, Verhältnis zum Staatsapparat und der jeweiligen Regierung). Anstatt diesen mageren und vielfach ungerechten Sozialstaat aus- und umzubauen, wird er insgesamt demontiert – aber zugleich in seiner ungerechten Organisationsstruktur beibehalten. Und das, obwohl gerade diese Ungerechtigkeit und ihre Korrektur die zentrale diskursive Waffe der neo­liberalen Modernisierer (nicht nur) in Griechenland ist, um die Umfunktionierung des Staates zu legitimieren. Genau hierauf ist auch ein großer Teil des widersprüchlichen Konsenses in der Bevölkerung gegründet – auf die Hoffnung, dass endlich die täglichen Ungerechtigkeiten und Schikanen geringer werden.

Das neoliberale Projekt in Griechenland bedeutet allerdings keineswegs einen Rückbau des Staates. Was es nicht mehr braucht, ist ein funktionstüchtiger und gerechter Sozialstaat. Dafür soll kein Geld ausgegeben werden. Was allerdings sehr wohl gebraucht und teuer ausgebaut wird, ist einerseits ein Strafstaat, andererseits ein Staat, der die neuen privaten Profitmöglichkeiten bereitstellt und diese garantiert. Eigentlich sollen all die Ungerechtigkeiten, die Begünstigungen, die bisher unter der Hand reguliert wurden, jetzt legitimiert und womöglich institutionalisiert werden. Das Ziel des neoliberalen Projekts in Griechenland ist also die Aufkündigung des bisherigen Klassenkompromisses und nicht der Abbau des Staates überhaupt.

Gerade der letztgenannte Aspekt der ungerechten Struktur des rudimentären Sozialstaates ist wichtig für das Desaster der Linken in ihrer selbsterklärten vermeintlichen Nichtbeteiligung am System. Es ist kein Zufall, dass Neo­liberale (Sozialisten und Konservative) sich auf diese Ungerechtigkeiten des rudimentären Sozialstaates in Griechenland geradezu obsessiv konzentrieren und sie ständig vor sich hertragen. Die neoliberale Deregulierung wird als gerechterer Umbau verkauft. Auch die Anpran­gerung der »faulen Griechen« in Deutschland operiert mit dieser Figur der Ungerechtigkeit, die sich der unbegreiflich-handlichen Kategorie des jeweiligen Charakters der »Nation« bedient. Von Ungerechtigkeiten entlang der Zugehörigkeit zu bestimmten Klassen, Geschlecht, ethnischer Gruppe etc. ist nicht die Rede.

Gegen diese Politik regen sich immer wieder heftigste Formen des Widerstandes. Die schnelle Regierungsübergabe im Jahr 2009, nur zwei Jahre nach den letzten Parlamentswahlen davor, ist selbst ein guter Schachzug der »Widerstandsregulation« gewesen. Es herrscht ein breiter Konsens darüber, dass beim Fortgang der konservativen Regierung Karamanlis die Proteste sich heftiger gestaltet hätten als unter einer sozialdemokratischen. Um die Möglichkeiten für Widerstand besser zu verstehen, ist es sinnvoll, sich die besonderen »Scharniere« zu vergegenwärtigen, die in den vergangenen Jahrzehnten zwischen herrschender Politik und Widerstand vermitteln. Es handelt sich um mehrere ineinandergreifende Scharniere zwischen herrschender Politik und Widerständen – als Fundament, auf dem sich die Reaktionen der Bevölkerung entwickeln, aber auch neutralisiert werden können.

Zwischen herrschender Politik und sozialem Widerstand

  1. In den Jahrzehnten seit dem massiven und selbstorganisierten Widerstand gegen die deutsche Besatzung im Zweiten Weltkrieg wurde in Griechenland ein bestimmtes polares Verhältnis zwischen dem Staat der Sieger und den Bürgern quasi oktroyiert – und seither tagtäglich eingeübt. Es geht um Regulation, um den Zugang zum produzierten gesellschaftlichen Reichtum (Bildung, Gerechtigkeit, Arbeit, Vorsorge, Kultur). Es ist nicht ganz unwichtig zu erwähnen, dass dieses polare Verhältnis selbst eine Strategie war, um die kollektiven Erfahrungen des selbstorganisierten Widerstandes einzudämmen und organisierten Widerstand zu neutralisieren (um es diplomatisch zu formulieren). Diese Polarität spiegelt also das gegenseitige Misstrauen wider zwischen den neuen und jenen alten Siegereliten, die teilweise noch mit der deutschen Besatzung kollaborierten und sich dabei zum Beispiel griechischen Reichtum, auch solchen der griechischen Juden, aneigneten, und den großen Teilen der Bevölkerung, die gegen die Besatzer selbstorganisierten und erfolgreichen Widerstand leisteten. (Es sei daran erinnert, dass in der Region eigentlich nur Jugoslawien und Griechenland sich selbst von den Deutschen befreiten.)

Diese einschneidende kollektive Erfahrung des Widerstandes ist seither Objekt gezielter Gegenpolitiken. Die Polarität zwischen einzelnen Bürgern und dem neuen griechischen Staat sah nur zwei Varianten für den Bürger vor: Man konnte entweder »Kollaborateur« des griechischen Staates sein – und man wurde belohnt für seine Dienste. Oder man war ein »Feind« des griechischen Staates – was natürlich entsprechende Konsequenzen nach sich zog. Die Voraussetzung, aber auch der Effekt dieses polaren Verhältnisses war – und ist immer noch – die extrem ungerechte Verteilung und der unsolidarisch geregelte Zugang zum produzierten gesellschaftlichen Reichtum. »Kollaborateur« zu sein, bedeutet immerhin noch: sich bedienen können, Zugang zu Privilegien haben, faktische Straflosigkeit genießen, zum Beispiel bei Steuerflucht und Steuerhinterziehung und ähnlichem. »Feind« zu sein, das heißt, dem Staat in seiner hässlichsten Fratze begegnen zu müssen, was die ganze Palette beinhaltet: von Verfolgung bis zu bürokratischer Kontrolle. Für viele war es angesichts dessen mehr oder weniger überlebenswichtig, sich gegen den Staat durchzumogeln, was mitunter auch Betrug beinhalten musste.

Diese Polarität offenbart die Lächerlichkeit des Geredes von den »betrügerischen Griechen« – sowohl in ihrer dümmlichen Undifferenziertheit wie auch in ihrer zynischen Ignoranz gegenüber den Lebensbedingungen unter anderen gesellschaftlichen Verhältnissen. Denn nichts anderes bedeutet es, wenn man jemanden, der, um ein bisschen besser leben zu können, etwas am Staat vorbeimogelt, gleichsetzt mit einem, der sich in aller Ruhe und ohne Gefahr seiner Privilegien bedient. Dieses besondere Kräfteverhältnis zwischen Bürger und Staat und ihrem vielfach verworfenem polaren Verhältnis zueinander ist die dynamische Grundlage für den aktuellen Zorn in der Bevölkerung gegenüber der politischen Klasse, sowohl bei den »Kollaborateuren«, die sich ob der »Sparnotwendigkeiten« nicht mehr bedienen können, als auch bei den »Feinden« des Staates, für die es noch schwieriger wird, sich durch die Verhältnisse durchzumogeln.

  1. In den vergangenen drei Jahrzehnten können wir eine massenweise Korrumpierung der Bevölkerung verzeichnen, als Moment eines strategischen Deals zwischen europäischen und griechischen Eliten. Empirische Beispiele hierfür sind die seit den achtziger Jahren mit vielen und allzu leichten (privaten und staatlichen) Krediten sukzessive gleichsam aus dem Boden gestampfte künstliche Mittelschicht sowie die ca. 1,5 Billionen Euromittel, die nicht zu Strukturreformen verwendet, sondern mittels des klientelistischen Gießkannenprinzips dem Land aufgenötigt wurden.
  2. Einerseits herrscht eine Art »ideologischer Territorialismus«, andererseits wird dieser unterstützt durch eine Doppelzüngigkeit der Linken in Griechenland. Der »ideologische Territorialismus« ist gleichzeitig Produkt und Voraussetzung des Sektierertums der griechischen Linken, die damit in den vergangenen ca. 40 Jahren ihre eigene Marginalität feiert. Der linke Widerstand gegen das neoliberale Projekt beschränkt sich bisher hauptsächlich – und das ist überhaupt nicht zufällig – auf den ständigen (und natürlich richtigen) Hinweis, dass ein Abbau des Sozialstaates stattfindet – und fordert demgegenüber seinen Erhalt und Ausbau.

Aber weil die griechische Linke keine eigene politische Perspektive mehr hat und keine politischen Ziele verfolgt – auch nicht im Sinne ­eines Umbaus des ungerechten Sozialstaates –, klingen ihre Forderungen lediglich wie der konservative Ruf »Alles soll so bleiben, wie es war – letztes Jahr«. Sollen also auch die Ungerechtigkeiten so bleiben, die mit diesem Staat notwendig verbunden waren? Es ist nachvollziehbar, dass dieser lediglich konservative Ruf dann die Akzeptanz der Neoliberalen zusätzlich fördert in ihrer Selbstinszenierung als Modernisierer.

Angesichts der tagtäglich erlittenen Erfahrungen von Ungerechtigkeiten und Schikanen durch den ungerechten Sozialstaat wirkt die Haltung des zwar lautstarken, aber konservativen Klägers eher als Inszenierung der eigenen Hilflosigkeit denn als politische Alternative. Eine solche Inszenierung reicht vielleicht für eine momentane »Entladung« der eigenen Wut aus, aber sie ist sicherlich nicht geeignet, um der um sich greifenden Delegitimation der demokratischen Gesellschaft entgegenzuwirken.

Unsere Linke dünkt sich allzu gern unbeteiligt am Schlamassel und erklärt dabei allzu häufig, dass sie sich außerhalb des »Systems« befinde. Was nichts anderes heißen kann, als dass die Dinge in unserem Land ohne ihr Zutun geschähen. Diese Verlogenheit gegenüber sich selbst mag zwar dienlich fürs Selbstbewusstsein sein, ist aber deshalb nicht auch schon besonders wahr. Sich außerhalb des Systems zu dünken, ist ein konsequentes Moment des alten, linken Selbstmissverständnisses, dass Politik und Einwirkung eigentlich erst dann beginnen, wenn man die zentrale Staatsmacht übernommen hat. Solange das nicht geschehen ist, ist man unbeteiligt, wenn nicht sogar unschuldig am gesellschaftlichen Geschehen. Es ist vor einem solchen Hintergrund nicht verwunderlich, dass besonders jene Widerstandsaktionen einen Eindruck auf die Eliten hinterlassen haben, die durch ihren großen Zulauf und ihre besonders geringe Kontrolle durch die Linke charakterisiert sind.

Anmerkungen

(1) Und deshalb womöglich auch Technokraten zum Eingreifen braucht – wenn letztlich politisches Regieren nur aufs Reagieren – aufs Reagieren auf die Entwicklungen auf den Märkten – reduziert ist.

(2) Bundeskanzlerin Angela Merkel im European Council 9. Dezember 2011, http://mg.co.za/article/2011-12-10-europe-forges-fiscal-union-to-end-debt-crisis

(3) Vgl. Marias, Notis: Das Memorandum des Bankrotts und der Andere Weg – Griechenland als Versuchstier, Athen 2011

(4) »Rot-Grüns vergessenes Erbe«, http://www.woz.ch/artikel/2011/nr49/international/21501.html

(5) Dies berichtete die Tageszeitung »Eleftherotypia« am 4. Dezember 2011.

(6) Die Legitimierung der Neuen Rechten in Griechenland durch ihre – unnötige – Beteiligung an solchen »patrio­tischen Regierungen« ist ein besonderer und besonders gefährlicher »Kollateralschaden«, der eigens diskutiert werden muss.

(7) Hierzu gehören nicht nur die direkten Sozialleistungen, sondern auch das (sehr ungerechte, weil klientelistische) Steuersystem als Mechanismus der distributiven innergesellschaftlichen Solidarität.

Athanasios Marvakis ist Diplompsychologe und Associate Professor in Klinischer Sozialpsychologie an der Aristo­teles-Universität von Thessaloniki. Seine akademischen Interessen liegen vor allem auf dem Gebiet der Psychologie und ihrem Verhältnis zu den verschiedenen Formen sozialer Ungleichheit und Ausgrenzung (Rassismus, Nationalismus, Multikulturalismus). Die soziale Gruppe der Jugendlichen und ihre gesellschaftlichen Orientierungen gehören zu seinen ältesten Arbeitsgebieten. Seit einigen Jahren gehören hierzu auch die Migranten in Griechenland. Der vorliegende Text ist die gekürzte, redaktionell bearbeitete Fassung eines Vortrags, der in vollständiger Länge im Heft 296/2012 der Zeitschrift »Das Argument« erschienen ist und auf Grundlage einer im Dezember 2011 im Club Voltaire in Tübingen abgehaltenen Veranstaltung erarbeitet wurde.

Quelle: http://jungle-world.com/artikel/2012/39/46300.html

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Communiqué zum Nächtlichen Tanzvergnügen 2.0

Gestern Samstag, am 22. September nahmen wir uns mit über zweitausend Menschen die Strassen Aaraus. Obwohl wir uns nie um eine Bewilligung gekümmert haben, wurde sie uns absurderweise trotzdem erteilt. Laut dem Stadtrat, um uns «Zündstoff und Schärfe» zu nehmen.

Dieser Plan ist wohl nicht aufgegangen. Entschlossen, laut und selbstbestimmt liefen wir vom Kantipark über die Bahnhofstrasse durch die Altstadt um nach dem Aarauerplatz in die hintere Bahnhofstasse einzubiegen. Anstatt wie der Polizei schriftlich mitgeteilt, die Kundgebung beim Kantipark zu beenden, besetzten wir kurzerhand die Aeschbach-Halle um danach bis in die Morgenstunden weiterzufeiern.
Die Stimmung war ausgelassen und kämpferisch. Zu verschiedenen Musikstilen wurde getanzt und gefeiert und die Menschen genossen es, sich eine Nacht lang fernab der herrschenden Verhältnissen zu bewegen.

Während dem dreistündigen Umzug gesellten sich immer mehr Menschen zu der feiernden Masse. Mit Hip Hop, Ska Punk, Progressive Psytrance, Dubsteb und Techno war für jeden Geschmack etwas dabei. Auch für das leibliche Wohl der Teilnehmer_innen wurde gesorgt. Auf der fahrenden Bar wurden nebst Bier und Süssgetränken auch vegane Sandwiches gegen Spenden herausgegeben.Durch eine Rede in der Altstadt vermittelten wir unsere politischen Inhalte.

Leider wurde die gute Stimmung durch kleine Zwischenfälle getrübt. Selbst als 10-15 Hooligans durch ihr aggressives Auftreten auffielen, konnte der weitere Verlauf des Umzuges durch uns gewährleistet werden.

Obwohl im Vorfeld zahlreiche Personenkontrollen durchgeführt wurden, trat die Polizei im Vergleich zum letzten Mal zurückhaltend auf. Beim Gaiskreisel verliessen wir die angekündigte Route, um unseren Anlass in der seit langem leerstehenden Aeschbach-Halle weiterzuführen.
Diese Halle steht im Torfeld-Süd-Areal, welches im Zuge der Gentrifizierung platt gemacht und «aufgewertet» wird.

Auf drei verschiedenen Floors wurde es den Teilnehmer_innen so ermöglicht, die Feier bis in die frühen Morgenstunden ausklingen zu lassen. Durch das unangebrachte Verhalten einiger Menschen wurde uns bewusst gemacht, dass erschreckend viele diesem Anlass keine Wertschätzung entgegen brachten.
Wir freuen uns jedoch, dass wir durch zahlreiche positive Rückmeldungen in unserem Vorhaben bestärkt wurden.

Wir betrachten es als einen Erfolg, uns zumindest für eine Nacht einen temporären Freiraum erkämpft zu haben. Mit dieser Nacht haben wir gezeigt, dass es möglich ist, sich einen selbstverwalteten Freiraum zu erkämpfen und ihn zusammen mit vielen Menschen zu beleben.

Ein anderes Leben ist möglich, für eine selbstbestimmte Zukunft!

Quelle: http://ch.indymedia.org/de/2012/09/87542.shtml

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JUSO erfreut über kreative und friedliche Aarauer Tanzdemo!

Die JUSO Aargau ist erfreut über die gelungene und friedliche Nachttanzdemo in Aarau und gratuliert den Organisator_innen. Gemeinsam mit den zeitenweise über 2’000 jungen Menschen aus dem ganzen Kanton tanzten in Aarau auch viele JUSOs für mehr Freiräume.

Das Zeichen ist klar: wir akzeptieren keine Totenstille, keinen Kommerzzwang, keine “Aufwertungspolitik” und keine Stadt nur für Alte und Reiche. Wir erwarten Antworten auf dieses Zeichen – damit Aarau und der ganze Kanton auch für Jugendliche Freiheit und Lebensqualität bietet.

Die Politik der Ausgrenzung durch Vorschriften und Aufwertung zeigt sich aber nicht nur im Nachtleben: Die Nutzung des öffentlichen Raums wird immer mehr eingeschränkt, wer nicht ins Bild passt wird weggewiesen. Der öffentliche Raum darf aber nicht nur einigen wenigen vorbehalten sein. Strassen, Plätze und Pärke und die Aare sind auch unser Lebensraum. Wir beanspruchen unseren Freiraum in dieser Stadt, wo wir frei von Kommerz und Repression unsere Politik und unsere Kultur ausleben dürfen.

In Aarau ist es nötig, nicht nur die ehemals erkämpften und heute institutionalisierten Kulturorte wie das Flösserplatz, das KiFF und das WENK zu erhalten und fortzuführen, sondern auch neue Plätze und Räume für jugendliche Eigeninitiative zur Verfügung zu stellen. Mit der kurzfristigen Besetzung und Belebung im Industrieareal zeigten die Anwesenden, wie kreativ und lebendig Jugendkultur sein kann.

Quelle: http://www.aargrau.ch/

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Viva Industriestrasse!

In der Stadt Lu­zern ist die In­i­tia­ti­ve “Ja zu ei­ner le­ben­di­gen In­du­s­trie­stras­se” deut­lich an­ge­nom­men wor­den. Der Ent­scheid fiel mit 12’960 zu 8201 Stim­men. Der Ge­gen­vor­schlag wur­de mit 12’104 zu 8038 Stim­men ab­ge­lehnt. Die Stimm­be­tei­li­gung be­trug 42,8 Pro­zent.

Die Stadt woll­te ih­re Grund­stü­cke an der In­du­s­trie­stras­se für 17,2 Mio. Fran­ken ver­kau­fen, da­mit dort das aus ei­nem In­ves­to­ren­wett­be­werb her­vor­ge­gan­ge­ne Pro­jekt “Ur­ban In­du­s­tries” der All­real Ge­ne­ral­un­ter­neh­mung Zürich rea­li­siert wer­den kann. Vor­ge­se­hen war ei­ne Über­bau­ung mit Miet­woh­nun­gen, so­wie Di­enst­leis­tungs- und Ge­wer­be­flächen.

Ge­gen die­se Plä­ne wehr­te sich die IG In­du­s­trie­stras­se mit ih­rer Volks­in­i­tia­ti­ve. Sie ar­gu­men­tier­te mit dem “Aus­ver­kauf” der Stadt. Statt die Grund­stü­cke zu ver­kau­fen, muss die Stadt sie nun im Bau­recht für ge­mein­nüt­zi­ge Wohn­bau­trä­ger ab­ge­ben.

In ei­ner ers­ten Stel­lung­nah­me be­dau­ert der Lu­zer­ner Stadt­rat das Re­sul­tat. Er wer­de nun zu­erst ei­ne Aus­le­ge­ord­nung ma­chen müs­sen, um das wei­te­re Vor­ge­hen und die not­wen­di­gen Ver­fah­ren fest­le­gen zu kön­nen, heisst es in der Me­di­en­mit­tei­lung. Um ei­ne po­li­ti­sche trag­fähi­ge Lö­sung zu prä­sen­tie­ren, wer­de er die po­li­ti­schen Par­tei­en in den Pro­zess ein­be­zie­hen.

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SOLIDARITÄT MIT SONJA SUDER UND CHRISTIAN GAUGER

Am 21. September 2012 beginnt am Landgericht Frankfurt am Main der Prozess
gegen die 79jährige Sonja Suder und den 70jährigen Christian Gauger. Beide
wurden vor einem Jahr von Frankreich an die BRD ausgeliefert. Der nach
einem Herzstillstand haftunfähige Christian wurde erst nach einem langen
juristischen Hin und Her aus der Haft entlassen. Sonja sitzt bis heute.

1978 sind Sonja und Christian aus der BRD abgehauen und haben im
französischen Exil eine Existenz aufgebaut. Ihnen wird nun vorgeworfen,
sie wären Mitglieder der Stadtguerilla Revolutionäre Zellen RZ gewesen.
Sie sollen für Aktionen der RZ verurteilt werden, die mehr als 30 Jahre
zurückliegen. Die fraglichen Aktionen richteten sich gegen die Vertreibung
der Unterklassen aus den Innenstädten; und gegen die Atom- und
Rüstungsindustrie, die das rassistische Apartheidregime von Südafrika
belieferte.

Die Vorwürfe gegen Sonja und Christian basieren zum einen auf den
Plaudereien eines Kronzeugen, dessen Unglaubwürdigkeit mehrfach belegt
ist. Zum anderen auf den unter Folter erpressten Aussagen eines
schwerverletzten Gefangenen.

Dieser Prozess ist Ausdruck einer Rachejustiz, die auf Biegen und Brechen
linken Widerstand kriminalisieren will. Der staatliche Verfolgungswille
ist ungebrochen. Nicht anders hier in der Schweiz: vor kurzem wurde dem
60jährigen Marco Camenisch, der seit 1991 unter anderem wegen Aktionen
gegen die Atomindustrie inhaftiert ist, die bedingte Entlassung verweigert
– aus politischen Gründen.

Widerstand gegen AKW, Rassismus und Vertreibung war legitim und ist es
auch heute. Die Gefangenen sind Teil unserer Kämpfe um Befreiung und
dürfen nicht vergessen werden.

Der Staat vergisst nicht – wir auch nicht! Besucht den Prozess oder
überlegt Euch was, um die Gefangenen zu unterstützen!

Freund/innen und Unterstützer/innen von Marco Camenisch, 20.9.12
Kontakt: knast-soli (aet) riseup (punkt) net

Informationen zum Prozess: www.verdammtlangquer.org
Schreibt an: Sonja Suder, JVA III, Obere Kreuzäckerstrasse 4, D-60435
Frankfurt am Main

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Bleiberechts-Demo vom 6. Oktober auf den 17. November verschoben!

Aufgrund längerer Verhandlungen mit der Stadt wurde die Bleiberechts-Demo vom 6. Oktober auf den 17. November verschoben!

Stay tuned!

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An der Industriestrasse keimt, wird, wächst und erstarkt Neues

«FOR SALE»: So lautet einer der Slogans der IG Industriestrasse. Sie will damit aufmerksam machen, dass die Stadt Luzern immer mehr Boden verkaufen will, aktuell und konkret: Land im Gebiet der Industriestrasse. Das ist eine Tendenz, die mich zum Nachdenken anregt.

Es darf nämlich nicht sein, dass die Stadt aus «steuertechnischen Gründen» oder aus Standortmarketing-Überlegungen EinwohnerInnen und Einwohner verjagt und attraktive Standorte – leichtsinnig! – verkauft. Seit über zehn Jahren sind die Industriestrasse und ihre Zukunft bei der Stadt Luzern ein Thema, und trotzdem präsentieren uns Stadtrat und Stadtparlament nun mit dieser Abstimmungsvorlage eine absurde, eine kurzsichtige Lösung.

Eine Zürcher Firma soll dieses zentrale Stück Stadt Luzern für den bescheidenen Preis von wenigen Millionen kaufen können; 17 Millionen seien viel zu wenig, sagen Kenner der Immobilienbranche. Während also diese Branche boomt und blüht, verkauft die Stadt Land zu einem Spottpreis! Nach einem wirtschaftlich sinnvollen Geschäft tönt das nicht.

Es sind Orte wie die Industriestrasse und ihre gegenwärtige Nutzung, es sind solche Freiräume und Freiheiten, auf die unsere Stadt stolz sein kann. Freiräume, in denen Neues keimen, werden und wachsen und erstarken kann. Solche Perlen dürfen keinesfalls leichtsinnig einem kurzsichtigen Deal geopfert werden.

Beim Industriestrassenfest am 25. August haben viele Besucherinnen und Besucher, die dieses Biotop der Ideen, diesen Mikrokosmos der gesellschaftlichen Vielfalt erstmals gesehen darüber gestaunt, was hier auf so wenig Fläche alles entstanden ist und – eigentlich – gerne weiterbestehen möchte.
Auch die Initiantinnen und Initianten wissen, dass dieses wertvolle Gebiet über kurz oder lang anders genutzt werden wird. Genau darum aber will ihr Volksbegehren, dass dieses städtebaulich ebenso empfindliche wie wertvolle Areal nicht einfach – wie Tafelsilber, allerdings zu Scherzpreisen – verscherbelt wird.

Sie wollen, dass das Areal im Baurecht abgegeben wird, was auch mir als einzig vernünftige Lösung erscheint, damit es der Stadt längerfristig erhalten bleibt.

So wäre es auch möglich, dieses Baurecht an gemeinnützige Wohnbauträger wie Genossenschaften, abzugeben, die – erstens – im Sinne der am 17. Juni angenommenen Wohnbau-Initiative preisgünstigen und familienfreundlichen Wohnraum erstellen; und die – zweitens – bereit sind, den heutigen «Spirit Industriestrasse» wenigstens teilweise in ein nachhaltiges Projekt überzuführen, das sich nicht allein an der Profitmaximierung orientiert.

Seit ich an der Industriestrasse ein eigenes Atelier habe, erlebe ich tagtäglich, wie sich hier unterschiedlichste Nutzungen und ihre Akteurinnen und Akteure ideell gegenseitig inspirieren und motivieren: Hier nämlich warten nicht allein «Kreative» jedwelcher Disziplinen auf ihre Eingebungen, hier sind produktive Kleinstbetriebe zuhause, wirken und werken, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Genau dieses Miteinander verschiedenster Nutzungen muss unbedingt in einer «künftigen Industriestrasse», sprich einer Überbauung im Baurecht, weiterleben.

Das Engagement der InitiantInnen sagt übrigens etwas Interessantes aus: Obschon sie genau wissen, dass sie dort mittelfristig ihre heutigen Ateliers verlieren, kämpfen sie mit vollen Kräften für ihre Vision, wie sie sich die Industriestrasse vorbildhaft darstellt.

Isabelle Roth, Luzern

Quelle: http://www.lu-wahlen.ch/kolumne-der-redaktion/news/2012/09/11/3463-an-der-industriestrasse-keimt-wird-waechst-und-erstarkt-neues/

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Menschenjagd

Seit Anfang August läuft in Griechenland die Polizeioperation »Gastfreundlicher Zeus«. Ihr Inhalt ist das genaue Gegenteil von dem, was der Name verspricht. Es handelt sich um eine Menschenjagd auf Flüchtlinge. Bis zum 10. September wurden 18993 Menschen zur Überprüfung ihrer Papiere vorläufig festgenommen. Viele von ihnen, nach Angaben des zuständigen Ministeriums für öffentliche Ordnung 2192 Personen, wurden wegen fehlender Aufenthaltsgenehmigung in Polizeihaft genommen oder in einem der neu eröffneten Abschiebelager festgehalten. Das einzige Kriterium für die Beamten, wer einer Überprüfung unterzogen wird, ist fremdländisches Aussehen, z.B. »zu dunkle Hautfarbe«. Aufnahmen entsprechender Praktiken der Einsatzkräfte sind im Internet dokumentiert: (tiny.cc/PolizeiAthen). Diese Bilder schwerbewaffneter Bereitschaftspolizisten, die im Athener Bahnhof einen Zug aus Nordgriechenland umstellen und nach Ausländern durchsuchen, sind alles andere als ein Beweis für die Demokratie in dem Land, das sich so gerne als Wiege derselben bezeichnen läßt.

Die Mehrheit der Griechen hat mit dem Vorgehen der Polizei allerdings kein Problem, im Gegenteil. Nach einer Erhebung im Auftrag der linken Wochenzeitung To Pontiki (Die Maus) erklärten 55 Prozent der Befragten, die Regierung müsse härter mit illegal ins Land eingereisten Migranten umgehen, nur 15 Prozent fordern mehr Toleranz ihnen gegenüber. Solche Überzeugungen sind selbst bei den Wählern linker Parteien in der Minderheit.

Die Vorlage der Polizei und die rassistische Grundstimmung in der Bevölkerung nutzend, werden die Neofaschisten Griechenlands immer dreister. Bei den letzten Wahlen im Juni war die faschistische Chrysi Avgi (Goldene Morgendämmerung) erstmalig mit fast sieben Prozent und 18 Abgeordneten ins Parlament eingezogen. Die von ihren Mitgliedern und Anhängern bereits seit Jahren verübten meist nächtlichen Angriffe mit Knüppeln und Messern auf Migranten haben in den letzten Monaten stark zugenommen. Und nun geht die Partei auch offen und am hellichten Tag gegen die von ihr als Wurzel allen Übels stigmatisierten »Fremden« vor. Gleich dreimal attackierten in der letzten Woche Kader der Partei, darunter auch Abgeordnete, Migranten. Im nördlich von Athen gelegenen Rafina »kontrollierten« die sich selbst als »Sturmtruppen« bezeichnenden Neofaschisten am vergangenen Freitag die Genehmigungen ausländischer Kleinhändler auf einem Volksfest und zerschlugen die Stände derjenigen, die sich nicht korrekt ausweisen konnten. Dasselbe geschah am folgenden Tag auf einem Wochenmarkt in der westgriechischen Küstenstadt Mesologgi, worauf sich der griechische Kleinhändlerverband bei den Gewalttätern bedankte. Der dritte Angriff folgte kurz danach in der auf den Peloponnes gelegenen Stadt Kalamata. Hier verprügelten die faschistischen »Sturmtruppen« fliegende Händler an einer Straßenkreuzung. Jüngsten Umfragen zufolge könnte die Partei bei Wahlen mittlerweile mit einem zweistimmigen Ergebnis von bis zu zwölf Prozent rechnen.

Auch beim Widerstand gegen die Abschiebelager spielen die Faschisten eine Rolle. Denn nicht nur linke, antirassistische Organisationen demonstrieren gegen diese Sammellager, von denen das erste bereits im Mai in Amigdaleza, nordwestlich von Athen, eröffnet wurde. Den Ende August zusammen mit den Faschisten gegen die Eröffnung eines weiteren in einer ehemaligen Kaserne in der Nähe der Hafenstadt Korinth demonstrierenden Anwohnern ging es allerdings nicht um Menschenwürde und Rechte der hier eingesperrten Migranten. Der gebetsmühlenartig fast alltäglich von den Massenmedien vorgegebenen Hetze gegen »kriminelle Ausländer« folgend, wehren sie sich vielmehr ausschließlich gegen die Nachbarschaft von Migranten, die auch noch »zur Entwertung des eigenen Immobilienbesitzes« führe.

Quelle: http://www.jungewelt.de/2012/09-14/013.php

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Mit Bier und guter Laune

Sommerzeit ist Abschiebezeit in Frankreich. Auch die neue linke Regierung geht derzeit gegen Roma vor.

»Den Wechsel jetzt« – le changement maintenant – lautete das Wahlkampfversprechen François Hollandes. Die im Lande lebenden Roma sollten dies so verstehen, dass es um einen notfalls unfreiwilligen Ortswechsel gehe, spottete am Montag vergangener Woche eine Satiresendung im französischen Fernsehen. Sie machte sich auch bitter über die »Abschiebungen mit Bier und guter Laune« lustig, die die Abschiebungen unter der linken Regierung von jenen der rechten Vorgängerregierung unterscheide.

Um die 30 der campements genannten Siedlungen von Roma, die mal aus Wohnwagen und mal aus Holzhütten, Baracken und einfachen Häusern bestanden, wurden seit Anfang August geräumt. Zunächst im Raum Lyon, in La Courneuve bei Paris, in Marseille und in der Nähe von Lille. Später auch in Evry, Créteil und Stains, also Trabantenstädten rund um Paris. Dadurch verloren rund 3 000 Menschen vorübergehend ihre Bleibe. Die meisten der Betroffenen mussten sich nach neuen Unterkünften umsehen und hatten oft einen Teil ihres Hab und Guts durch die Bulldozer verloren. Etwa ein Zehntel der Betroffenen wurde nach Südosteuropa abgeschoben. Allein 240 Menschen auf einmal wurden durch einen Sonderflug, der am 9. August in Lyon abhob, nach Bukarest ausgeflogen.

Die Bilder ähnelten vordergründig jenen vom Sommer 2010. Damals waren innerhalb weniger Wochen 300 Romasiedlungen aufgelöst worden, rund 8 000 Personen wurden abgeschoben.

Die diesjährige Sommerkampagne der französischen Behörden gegen die im europäischen Vergleich relativ wenigen Roma im Land – offiziell ist von etwa 15 000 die Rede – hat also nicht dieselbe Intensität erreicht wie die damalige. Auch war der offizielle Diskurs seitens der Regierung, mit dem die Zwangsräumungen und Abschiebungen begleitet wurden, nicht der gleiche. Vor zwei Jahren hielt der damalige Präsident Nicolas Sarkozy Ende Juli eine veritable Brandrede, seine »Rede von Grenoble«. Darin behandelte er in einem Aufwasch das vorgebliche Problem in Gestalt der Roma, jenes der »Ausländerkriminalität« und das der doppelten Staatsbürgerschaft – und setzte zum Generalangriff auf alle Minderheiten an, die der Nation angeblich nur Schwierigkeiten bereiteten.

Von einer solchen Brandrede sind die Regierenden in Frankreich heute weit entfernt. Gleichwohl sieht man wieder Menschen nach dem Einsatz des Bulldozers ohne Bleibe und oft auch ohne Hab und Gut auf der Straße sitzen.

Die Ähnlichkeit der Bilder hätte Innenminister Manuel Valls wohl intendiert. Denn dem Mann, der sich erst im August das Ziel setzte, »die Erfolge der Rechtsregierung bei der inneren Sicherheit zu übertreffen«, kommen Autoritätsbeweise gelegen. In einem Interview vom 14. August in der Tageszeitung Libération antwortete der Innenminister zudem auf jene, die monierten, die Roma würden oft mit der Begründung geräumt, in ihren Siedlungen herrschten schlechte hygienische Verhältnisse, es werde ihnen aber keinerlei bessere Alternative angeboten: »Die Lösung liegt vor allem in den Herkunftsländern.« Also in Südosteuropa, wo die Roma seit langem besonders krasser Diskriminierung ausgesetzt sind.

Im Laufe der Wochen vermischte das Regierungslager in seiner Politik allerdings zwei unterschiedliche Aspekte, einen repressiven und einen eher integrativen. Am 29. August veröffentlichte das Kabinett einen Verordnungstext, der von sechs Ministern unterzeichnet war, darunter die für Inneres und für Soziales. Darin werden Zwangsräumungen von Romasiedlungen grundsätzlich nicht ausgeschlossen. Es wird allerdings auch befürwortet, zuvor möglichst eine Konzertation mit den betroffenen Kommunen sowie mit Solidaritätsvereinigungen und NGOs zu suchen, um den betroffenen Menschen eventuell vorab alternative Unterkünfte zu sichern.

Zudem hebt die Verordnung bisherige Arbeitsmarktbeschränkungen für rumänische und bulgarische Staatsbürger weitgehend auf. Die Staatsangehörigen dieser im Jahr 2007 der Europäischen Union beigetretenen Länder hätten normalerweise noch bis Anfang 2014 in Frankreich nur eine begrenzte Anzahl von Arbeitsplätzen aus einer Liste von 150 Berufen annehmen können. Eine solche Möglichkeit zur teilweisen Abschottung des Arbeitsmarkts gegen die Neubürger der EU hatten sich Frankreich, Deutschland und andere Staaten vor dem EU-Beitritt von Rumänien und Bulgarien ausbedungen. Die Vereinbarungen erlauben die Aufrechterhaltung dieses Sonderstatus allerdings nur noch anderthalb Jahre lang, danach schreibt das EU-Recht die Arbeitnehmerfreizügigkeit auch für Rumänen und Bulgaren vor. Nach dem jüngsten Beschluss tritt diese nun anderthalb Jahre früher in Kraft.

Durch die Mischung aus Repression und einem, jedenfalls vordergründigen, Integrationsangebot auf dem Weg über die Lohnarbeit versucht Valls, sich als einen auf Gerechtigkeit ebenso wie auf Staatsautorität pochenden Politiker zu präsentieren. In anderem Zusammenhang geriet er indessen unter Handlungsdruck.

Seit Jahresbeginn finden in den ärmeren nördlichen Stadtteilen Marseilles Auseinandersetzungen zwischen Dealerbanden statt. Anders als in anderen zu Drogensupermärkten verkommenden sozialen Brennpunkten werden solche Streitigkeiten in den Nordvierteln der Stadt seit einigen Monaten mit Kriegswaffen ausgetragen. Seit Anfang des Jahres sind 14 Tote durch Schüsse aus Kalaschnikows zu verzeichnen. Der Hauptgrund dafür ist, dass sich zwei geopolitische Einflusssphären von Mafiagruppen dort überschneiden – die der untereinander rivalisierenden italienischen Mafia-Organisationen einerseits, der für Drogennachschub aus Marokko und Lateinamerika sorgenden und expandierenden spanischen Mafia andererseits.

Eine sozialdemokratische Bürgermeisterin in den betroffenen Nordvierteln und Senatsabgeordnete, Samia Ghali, forderte Ende August sogar den Einsatz der Armee, um die Kämpfe zwischen den rivalisierenden Banden zu beenden. Dies wurde allgemein zurückgewiesen, von Präsident François Hollande und Innenminister Valls ebenso wie von den Konservativen und sogar offiziell vom Front National, auch wenn in manchen rechtsextremen Kreisen nunmehr munter Phantasien über militärische »Lösungen« verbreitet werden. Die Forderung Ghalis ist dabei einerseits als echter empörter Aufschrei zu werten. Andererseits hat Ghali auch taktische Motive, da sie bei der Kommunalwahl Anfang 2014 als Oberbürgermeisterin von Marseille kandidieren möchte. Und da sie es als Immigrantentochter bislang nachweislich besonders schwer hatte, auch in ihrer eigenen Partei, kam ihr die Gelegenheit, sich relativ spektakulär zu profilieren, nicht ungelegen.

Manuel Valls hat es nun ziemlich leicht, durch seine Zurückweisung des Armeeeinsatzes als besonnener Politiker zu erscheinen. Wie zum Ausgleich gibt er sich aber auch als harter Polizeipolitiker. Das Wahlversprechen François Hollandes, eine Kennzeichnungspflicht für Polizeibeamte einzuführen sowie schikanösen und auf sogenannte ethnische Minderheiten zielenden Kontrollpraktiken einen Riegel vorzuschieben, lehnt Valls inzwischen offen ab. Auch Hollandes Anregung, die Bewohner von sozialen Brennpunkten sollten bei ihrer ersten Kontrolle an einem Tag eine Art Quittung ausgestellt bekommen, um andere – nicht durch einen konkreten Anlass gerechtfertigte – Personalienfeststellungen in den darauffolgenden Stunden zu vermeiden, will Valls nicht aufnehmen.

Quelle: http://jungle-world.com/artikel/2012/36/46192.html

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Abtreibung ist Frauenrecht!

Abtreibung ist Frauenrecht
Mit Lärm und Sünde gegen den Aufmarsch rechter Christen!

Bereits zum dritten Mal soll am 15. September in Zürich der «Marsch fürs Läbe» stattfinden, ein Aufmarsch christlicher AbtreibungsgegnerInnen. Auch diesmal wehren wir uns. Wir haben keinen Bock auf reaktionäre Christen und verlogene Moralpredigten. Verteidigen wir das Recht auf selbstbestimmte Entscheidung! Keine Meter Strasse dem christlichen Fundamentalismus! Ob Kinder oder keine, entscheiden wir alleine!

Filmveranstaltung: 7. Sept. 2012

Gegenmobilsierung: 15. Sept. 2012 – 14 Uhr – Münsterhof ZH

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